Seit 17:00 Uhr Nachrichten

Mittwoch, 19.06.2019
 
Seit 17:00 Uhr Nachrichten

Weltzeit | Beitrag vom 12.06.2019

Deutsches Erbe in KamerunNach 100 Jahren startet Aufarbeitung

Von Anne Françoise Weber

Beitrag hören Podcast abonnieren
Unter Aufsicht eines deutschen Kolonisten verladen Arbeiter 1914 in Kamerun Kakaobohnen. (picture alliance/dpa/akg-images)
Unter Aufsicht eines deutschen Kolonisten verladen Arbeiter 1914 in Kamerun Kakaobohnen. (picture alliance/dpa/akg-images)

Das Deutsche Kaiserreich regierte unter Anwendung der Todesstrafe und Zwangsarbeit bis 1919 Kamerun. Dann folgten Briten und Franzosen und alles hat Folgen bis heute: Im Westen des Landes kämpfen Milizen für die Unabhängigkeit des anglophonen Teils.

Douala, die Wirtschaftsmetropole Kameruns. Zwischen schlecht gealterten mehrstöckigen Betonbauten fallen immer wieder niedrigere Gebäude mit Schrägdach und überdachter Veranda auf – Erbe der Zeit, als Kamerun deutsche Kolonie war.

Schon im 19. Jahrhundert war hier, an einer Flussmündung in den Atlantik, das Handels-Zentrum mit den Europäern. Auch das Deutsche Kaiserreich ließ sich hier nieder, um Kamerun ab 1884 als Kolonie zu regieren. Die Besatzer schlossen ein sogenanntes "Schutzabkommen" mit mehreren Herrschern der Douala-Volksgruppe. Damit begann eine schwierige, konfliktreiche Geschichte – aber in der Familie des Unternehmensberaters Dieudonné Tsietse aus Douala wird etwas anderes weitergegeben.

"Wenn unsere Eltern von den Deutschen erzählten, taten sie das mit viel Respekt und Bewunderung. Die deutsche Nation heute spiegelt diese Stabilität wieder, die in der Erinnerung unserer Eltern geblieben ist. Ich glaube, wenn wir mit den Deutschen geblieben wären, hätten wir eine bessere Entwicklung durchgemacht."

Solche Mutmaßungen höre ich häufig in Kamerun. Besonders die Kolonialherrschaft der Franzosen ist dagegen in schlechter Erinnerung geblieben. Sie übernahmen nach dem Ersten Weltkrieg und der Unterzeichnung des Versailler Vertrages am 28. Juni 1919 vier Fünftel des Territoriums von den Deutschen - der Rest ging an die Briten. Vermutlich ist der Ruf der Franzosen auch so schlecht, weil ihr Herrschaft noch nicht so lange zurück liegt. Erst 1960 wurde das zentralafrikanische Land unabhängig, 1961 erfolgte die Vereinigung mit dem Landesteil, der unter britischer Herrschaft gewesen war.

Vorgehen der Deutschen: Kriege und Zwangsarbeit

Als erste Kolonisatoren hatten die Deutschen das Land zunächst gründlich erkundet, erklärt der Historiker und Professor an der Universität von Yaoundé, Philippe Blaise Essomba:

"Sie haben zunächst Forschungen betrieben, sie haben den Boden und die Bodenschätze untersucht und festgestellt, dass Kamerun eine große Zukunft hat. Sie haben festgestellt, dass Kamerun sich nicht als Siedlungskolonie, sondern als Plantagenkolonie eignet."

Auf einem Militärstützpunkt in der deutschen Kolonie Kamerun wird von in Tropenanzüge gekleideten Männern eine Fahne gehisst. Eine undatierte Aufnahme aus der Kolonialzeit. Von 1884 bis 1919 war Kamerun eine deutsche Kolonie, dann wurde es unter Großbritannien und Frankreich aufgeteilt. (picture-alliance / dpa )Von 1884 bis 1919 war Kamerun eine Kolonie des Deutschen Kaiserreichs, dessen Militärs oft in Tropenanzügen rumliefen, wie hier auf einem Stützpunkt. (picture-alliance / dpa )

Bis heute, so Essomba, würden neue Landstraßen nach alten deutschen Plänen ausgerichtet, weil man das für den sinnvollsten, an Bodenschätzen orientierten Verlauf halte. Zahlreiche Straßen und zwei Eisenbahnlinien entstanden zur Zeit der deutschen Herrschaft – die kamerunische Bevölkerung wurde gezwungen, daran mitzuarbeiten:

"Jedes Mal, wenn eine Region nach einem Krieg zwischen der Schutztruppe, also der deutschen Armee und der lokalen Bevölkerung befriedet wurde, dann wusste man, was folgte: Die Deutschen siegten und hatten die Wahl: Entweder sie forderten Reparationen in Naturalien oder sie nahmen die Bevölkerung und ließen sie irgendwo arbeiten."

Papa André Pegha Kooh Mbous:

"Einige von uns fingen, sobald die Sonne aufging, mit Aufschüttungen an. Andere stellten da, wo es nötig war, die Abtragung der Erde für die Bahndämme sicher. Diese Arbeiten wurden in Ketten ausgeführt und unter Peitschenhieben, damit niemand sich ausruhte."

So erzählte es der damals 96-jährige Kameruner von der Zwangsarbeit in Njok, wo die Deutschen eine Eisenbahnlinie bauen ließen. Seine Erinnerungen wurden in den 1980ern von Forschern aufgezeichnet, aus der lokalen Basaa-Sprache übersetzt und kürzlich als Buch von der Stiftung "AfricAvenir" herausgegeben. Das Gespräch ist voller unverständlicher Einzelheiten, doch manche Passagen sind sehr drastisch:

"Immer, wenn wir von einem Ort zum anderen gingen, krümmten sich unsere Körper unter Stockschlägen. Manche sind zusammengebrochen und viele sind gestorben. So war das bei der Zwangsarbeit."

Kameruns Geschichte beruhte auf Kolonialverwaltung

In den Räumen der Stiftung "AfricAvenir" präsentiert Ngong Bertrand Collins die Bücher dieser Reihe und erklärt:

"Wichtig an diesem Projekt ist, dass die Kameruner jetzt die Möglichkeit haben, eine andere Version ihrer eigenen Geschichte in ihren eigenen Muttersprachen zu erfahren. Und das ist wunderbar. Denn die Geschichte, die wir in der Schule oder an der Universität gelernt haben, basierte auf den Dokumenten von der Kolonialverwaltung. Und jetzt haben wir die Möglichkeit, die Geschichte durch die Erfahrungen unserer Ahnen in unserer Muttersprache zu erfahren. Und das ist eine andere Version."

Ngong Betrand Collins von der Stiftung "Africavenir" in Douala findet es wichtig, dass die Kameruner in ihren Muttersprachen von der deutschen Kolonialzeit erfahren. Er trägt ein buntes Gewand und eine schwarze Kopfbedeckung. (Roméo Ghislain Zafack)Ngong Betrand Collins findet es wichtig, dass die Kameruner in ihren Muttersprachen von der deutschen Kolonialzeit erfahren. (Roméo Ghislain Zafack)

Der Gründer der Stiftung "Africavenir", der aus Douala stammende Politikwissenschaftler Prinz Kum’a Ndumbe III., begann in den 1980ern mit dem Sammeln von Erinnerungen an die deutsche Kolonialzeit. Es war damals gar nicht so einfach, die alten Menschen zum Erzählen zu bringen – sie hatten Angst vor Sanktionen, die französische Kolonialzeit lag noch nicht lange zurück. Dass sie das Interview in ihrer Muttersprache geben konnten, erleichterte die Sache – macht jedoch die Auswertung heute schwierig. Die Kassetten mit den rund 180 Interviews in über 20 Lokalsprachen verschimmelten erst lange Jahre in einem Schrank, seit 2015 werden sie auch mit Hilfe der deutschen "Gerda-Henkel-Stiftung" transkribiert und veröffentlicht. 20 Bände sind bereits erschienen, die meisten ins Französische übersetzt, einige nun auch ins Deutsche. Sie tragen Titel wie:

"Neun wurden erhängt, gleichzeitig… so ist das hier! Gesagt getan!"

Nur wenig von den Erinnerungen an das brutale Vorgehen der deutschen Kolonialherren hat sich im kollektiven Gedächtnis der Kameruner erhalten. Ngong Bertrand Collins von der Stiftung "AfricAvenir" erklärt, warum die deutsche Kolonialzeit stattdessen in so positivem Licht erinnert wird:

"Man versucht, diese traurige Seite unserer Geschichte zu vergessen. Sogar in der Schule wird die Kolonialgeschichte Kameruns nicht vertieft. Selbst Studierende an der Universität haben sehr geringe Informationen über diese Zeit. Und Leute, die nicht länger in der Schule waren, können nicht viele Informationen darüber haben. Und das andere Problem ist, dass die schriftlichen Dokumente in einer Sprache sind, die sie gar nicht sprechen konnten. Es gibt eine Sprachbarriere, sie haben keinen Zugang zu diesen Dokumenten. Und ich glaube, dass es ein Prozess des Vergessens ist."

Gründe für das positives Bild der deutschen Kolonialzeit

Oder eben ein Prozess der selektiven Erinnerung. Für die hat der Dokumentarfilmer Roméo Ghislain Zafack eine Erklärung:

"Wenn die Leute heute nostalgisch auf die deutsche Kolonialzeit blicken, dann auch deswegen, weil es noch Überreste gibt. Es gibt große Gebäude, die geblieben sind; es gibt Brücken, Plantagen, Eisenbahnlinien, die die Deutschen gebaut haben. Die Leute sehen also, dass diese Dinge immer noch da sind, obwohl so viel Zeit vergangen ist. Und sie sagen sich: Wenn wir noch weiter hart hätten arbeiten müssen, damit es mehr solche Dinge gibt, die lange bleiben – vielleicht wären wir dann heute ein bisschen weiter."

Die Überreste der deutschen Kolonialzeit will Roméo Zafack für sein neues Filmprojekt aufsuchen. Für ihn geht es bei der Bewertung des brutalen Vorgehens der Deutschen auch um den Vergleich mit den anderen Kolonialmächten:

"Als die ersten Kameruner diese harte Behandlung durch Deutschland als unmenschlich empfanden, haben sie in Frankreich und Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg Retter gesehen. Aber meiner bescheidenen Meinung nach hat Frankreich diese Gelegenheit verspielt. Im Gegenteil, es hat sich den Afrikaner gegenüber nicht aufrichtig gezeigt. Und deswegen werden die Kameruner immer nostalgischer, was die deutsche Kolonialzeit angeht. Wenigstens war Deutschland ehrlich. Es hat gesagt: Um gute Straßen zu haben, muss man hart arbeiten. Und wer das nicht tut, den muss man schlagen. Und wenn man das sagt, dann schlägt man auch."

Filmemacher Roméo Ghislain Zafack vor dem Kunstwerk "Kamerunische Helden" - ganz links Rudolf Douala Manga Bell. (Anne Françoise Weber)Filmemacher Roméo Ghislain Zafack vor dem Kunstwerk "Kamerunische Helden". Es zeigt Widerstandskämpfer gegen die Kolonisatoren, wie ganz links Rudolf Douala Manga Bell, nach dem ein Platz in Berlin benannt werden soll. (Anne Françoise Weber)
Roméo Ghislain Zafack hat den Eindruck, die Auseinandersetzung auch mit der deutschen Kolonialgeschichte könnte helfen, das heutige von Krisen geschüttelte Kamerun besser zu verstehen und die Bevölkerung um diese gemeinsame Vergangenheit zu vereinen. Und seit er sein Filmprojekt begonnen hat, stößt er auf immer mehr Spuren der deutschen Vergangenheit, nicht nur baulicher Art:

"Kürzlich habe ich in einem Ministerium jemanden getroffen, der mir erzählte, dass er der Ururenkel eines unbekannten Deutschen ist. Denn zu der Zeit dieser Zwangsarbeit hatten die Deutschen die Autorität über die lokalen Einwohner. Das hat sein Ururgroßvater ausgenutzt, um eine sexuelle Beziehung mit seiner Vorfahrin zu haben. Und danach ist er verschwunden. Da kam dieses Kind einer anderen Hautfarbe zur Welt und man konnte es nicht erklären. Aber die Chefs und die Alten wussten, was passiert war."

Urgroßvater vom Deutschen Kaiserreich ermordet

Familienerinnerungen aus der Kolonialzeit wurden auch bei Marilyn Douala Bell weitergegeben. Das ging so weit, dass sie als Schülerin kein Deutsch lernen durfte, obwohl sie es gern getan hätte. Aber ihr eigener Urgroßvater, Rudolf Douala Manga Bell war 1914 von den Kolonialherren ermordet worden. Ein prägendes Ereignis:

"Ich bin an der Seite der jüngsten Tochter von Rudolf Douala Manga Bell aufgewachsen, sie war meine Großtante. Mit ihr hat sich die Familie jedes Jahr am 8. August am frühen Morgen versammelt. Es war immer ein Geheimnis für mich, diese große, wunderschöne Frau zu sehen, wie sie dort weinte und über diesen Verlust nachdachte, der ihr ganzes Leben geprägt hat – und natürlich die ganze Familie."

Marilyn Douala Bell, Urenkelin des ermordeten Rudolf Douala Manga Bell, möchte, dass Deutschen und Kamerunern ihre gemeinsame Geschichte bewusst wird. Sie hat grau-schwarze Haare und trägt eine Brille. (Roméo Ghislain Zafack)Marilyn Douala Bell, Urenkelin des ermordeten Rudolf Douala Manga Bell, möchte, dass Deutschen und Kamerunern ihre gemeinsame Geschichte bewusst wird. (Roméo Ghislain Zafack)

Dabei stand Marilyns Urgroßvater den Deutschen zuerst sehr nahe: Als Sohn des Königs wurde Rudolf nach Deutschland geschickt, um dort Sprache und Kultur zu erlernen.

Nach seiner Rückkehr arbeitete er für die deutsche Kolonialverwaltung. Und nach dem Tod seines Vaters übernahm er die Herrschaft über das Volk der Douala, mit dem die Deutschen den ersten sogenannten Schutzvertrag geschlossen hatten. Gegen die deutsche Kolonialherrschaft lehnte er sich nie grundsätzlich auf. Bis 1911, als er nicht hinnehmen wollte, dass sein Volk zwangsumgesiedelt und enteignet werden sollte, um in der Stadt Douala die Afrikaner von den Europäern zu trennen. Manga Bell protestierte mit einer Petition an den Reichstag in Deutschland und schaltete einen deutschen Anwalt ein. Der Journalist Christian Bommarius schreibt in seinem kürzlich erscheinen Buch "Der Gute Deutsche" über die Ermordung des Königs Rudolf Douala Manga Bell:

"Manga Bells friedlicher Kampf bedeutete für die deutsche Kolonialpolitik ein Dilemma. Wie alle Kolonialmächte beteuerte auch das Deutsche Reich, einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen der afrikanischen Bevölkerung leisten zu wollen – durch Beendigung der Sklaverei und der Willkürherrschaft, den Aufbau eines Gesundheitssystems und die Einrichtung von Schulen. In der Praxis diente dieser humanitäre Aspekt aber vor allem als Deckmantel der Gewalt, auf der die Herrschaft beruhte. Es ging nicht um Zivilisierung, sondern um absolute Unterwerfung zwecks Ausbeutung der wirtschaftlichen und humanen Ressourcen. Für Manga Bell aber war Zivilisierung kein Vorwand, sondern eine Tatsache und die Achtung des Rechts ihr bester Beweis."

Doch friedlichen Protest mit den Mitteln des Rechtsstaates wollten die deutschen Kolonialherren einem Afrikaner nicht zugestehen. Am 7. August 1914 verurteilten sie Rudolf Douala Manga Bell zusammen mit seinem Vertrauten Ngoso Din wegen Hochverrats zum Tod durch den Strang, tags darauf wurden die beiden gehängt. Eines ist Rudolfs Urenkelin Marilyn wichtig:

"Am nächsten Tag wurden hier in Douala 200 Menschen gehängt. Von ihnen spricht man nicht. Ich bin Nachkommin eines dieser Märtyrer und ich teile den Schmerz mit den Nachfahren aller anderen, all dieser Unbekannten. Es war eine Zeit voller Gewalt. Dass man den Namen des Anführers bewahrt – umso besser. Aber man darf die anderen nicht vergessen, das finde ich wichtig."

Aktueller Konflikt mit 1800 Toten

Nach der deutschen Kolonialzeit teilten 1919 Franzosen und Briten Kamerun untereinander auf. 1961 kamen beide Teile wieder zusammen, 1972 folgte die Vereinigte Republik Kamerun. Doch vom Bildungs- und Rechtssystem, bis zur Sprache passte vieles nicht zusammen, was jetzt in einem blutigen Konflikt wieder zum Vorschein kommt.

Im kleineren, anglophonen Teil des Landes liefern sich Sicherheitskräfte und Separatisten seit 2017 blutige Kämpfe. Über 1800 Todesopfer und 530.000 Vertriebene – so die bisherige Bilanz der Auseinandersetzungen. Erst in diesem Frühjahr folgte ein erstes Dialogangebot der kamerunischen Regierung:

"Was die politischen Probleme angeht, hat mir der Präsident diese Botschaft mitgegeben: Er hat als Staatschef geschworen, die Einheit des Landes zu bewahren. Deswegen steht eine Trennung nicht auf der Tagesordnung. Aber sonst kann jeder andere Punkt diskutiert werden."

Kameruns President Paul Biya im März 2018 beim Staatsbesuch in China in der Großen Halle des Volkes in Peking | Lintao Zhang/Pool Photo via AP)  (Pool Getty Images / AP Photo)Kameruns Präsident Paul Biya regiert seit 37 Jahren. (Pool Getty Images / AP Photo)

Mit diesen Worten überbrachte der kamerunische Premierminister Joseph Dion Ngute am 9. Mai die Botschaft von Präsident Paul Biya in die zwei anglophonen Provinzen Kameruns, die ungefähr ein Fünftel des Landes ausmachen. Ein Dialogangebot, das reichlich spät kommt. Zumal es schon vielfältige Vermittlungsangebote gab, die der Regierung unterbreitet wurden.

Zum Beispiel auf Initiative von Samuel Kleda, Erzbischof der Wirtschaftsmetropole Douala, die nah an den anglophonen Gebieten liegt. Gemeinsam mit den übrigen kamerunischen Bischöfen, aber auch mit Vertretern anderer Religionsgemeinschaften hat er bereits mehrere Anläufe zur Verständigung gestartet – ohne Erfolg.

"Wir haben uns zusammengesetzt, einen Plan erstellt und alles den Behörden übergeben. Wir warten bis heute. Wir wollten nicht einfach so beginnen, aber bisher gab es überhaupt keine Reaktion, nicht einmal eine Empfangsbestätigung, nichts."

Separatisten wollten am Anfang nur föderalen Staat

Erst internationaler Druck konnte die Regierung unter Langzeitpräsident Paul Biya dazu bewegen, nach einigen kosmetischen Maßnahmen überhaupt einen ernsthaften Schritt in Richtung der Rebellen zu tun. Die nehmen für sich in Anspruch, die Interessen der anglophonen Bevölkerung zu vertreten, stellen aber zugleich keine einheitliche Gruppe dar. Dass die Regierung so lange untätig geblieben ist, hat indessen Folgen: Während vielen anglophonen Kamerunern anfangs noch die Rückkehr zu einem föderalen System gereicht hätte, ist heute der Ruf nach einem eigenen Staat viel lauter geworden, analysiert Jules Romuald Nkonlak, Chefredakteur der regierungskritischen Tageszeitung Le Jour:

"Die Separatisten waren zu Beginn eine kleine Gruppe, aber sie haben sich vermehrt. Nicht alle fordern heute die Abspaltung, aber ich glaube, ihre Zahl hat in den letzten drei, vier Jahren bedeutend zugenommen. Ich glaube, das Fehlen eines Dialogs hat die Leute in diesen Regionen verhärtet und radikalisiert."

Auch wenn aufständische Milizen zahlreiche Sicherheitskräfte und Zivilisten ermordet und Schulen in Brand gesteckt haben, will der Journalist Nkonlak den Aufstand grundsätzlich nicht verteufeln:

"Ich glaube, dass die Leute, die da Forderungen aufstellen und sich beklagen, nicht der Logik eines Krieges oder einer Destabilisierung Kameruns folgen, wie es die Regierung glauben machen will. Es ist nur eine Frage des Wohlergehens – die Leute wollen besser leben. Sie wollen keine Menschen töten und Kamerun nicht zerstören."

Die Forderungen nach einem besseren Leben und weniger Benachteiligung sind alt im anglophonen Teil Kameruns – sie begannen kurz nach der Vereinigung der beiden Landesteile. Dies geschah in zwei Etappen: 1961, kurz nach der Befreiung von der französischen bzw. britischen Kolonialmacht entstand ein föderaler Staat, Bundesrepublik genannt. Diese wurde am 20. Mai 1972 per Referendum zur "Vereinigten Republik".

Der Fotograf Lawrence Chi Nyamngoh, der schon damals aus dem anglophonen Teil in die Hauptstadt Yaounde gezogen war, erinnert sich:

"In der Zeit gab es diese Euphorie, wir wollten uns vereinen. Mich ließ die Bezeichnung Vereinigte Republik von Kamerun an die Vereinigten Staaten von Amerika denken; es machte mich glücklich, weil ich dachte, das wäre anders als eine Bundesrepublik, und besser."

Dominanz der Zentralregierung wirkt diskriminierend

Doch damit wurde auch die starke Dominanz der Zentralregierung in der Hauptstadt Yaounde besiegelt, die sich trotz verschiedener Verfassungsänderungen bis heute gehalten hat. Die seit den 1990ern versprochene Dezentralisierung wurde kaum umgesetzt, und die anglophonen Bürger fühlen sich im Bildungssystem, in der Justiz und im Alltag von der Zentralregierung und den Behörden diskriminiert.

Der Familienvater Peter, der seinen echten Namen lieber nicht nennen will, hat da seine eigenen Erfahrungen gesammelt:

"Ich persönlich hatte eine Auseinandersetzung mit der Polizei hier in Douala, weil sie mich behandelt haben wie einen Ausländer, wie einen Nigerianer. Das war schlimm. Ich habe ihnen meinen Ausweis gezeigt, aber sie sagten, der sei gefälscht. Ich wurde diskriminiert, weil ich anglophon bin. Das war 2011. Ich habe sie gefragt: Warum behandelt ihr mich wie einen Ausländer in meinem eigenen Land? Es war klar, dass so ein Aufstand eines Tages kommen könnte, weil die Rechte der Minderheit nicht respektiert wurden."

Die Proteste begannen 2016 zunächst mit Streiks von Lehrern und Rechtsanwälten. Doch innerhalb eines Jahres wurde daraus ein bewaffneter Aufstand, stark geschürt von Kamerunern im Ausland. Sieben verschiedene Milizen kämpfen einem aktuellen Bericht des Thinktanks International Crisis Group mittlerweile vor Ort gegen die Sicherheitskräfte. Die Zivilbevölkerung, sofern sie noch ausharrt, steht dazwischen.

Mehr zum Thema

Missbrauch in Kamerun - Die Priester und der Sex
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 06.06.2019)

Blick Bassy mit Live-Song - Kameruns Geschichte ohne Wut erzählt
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 15.03.2019)

Afrikacup - Ersatzausrichter für Kamerun gesucht
(Deutschlandfunk, Sport am Wochenende, 01.12.2018)

Weltzeit

Afghanistans Weg aus dem KriegTerror, Taktik, Taliban
Ein kleines Mädchen umringt von afghanischen Frauen in blauen Burkas warten vor einer Klinik in der afghanischen Stadt Kalakan auf medizinische Hilfe. (Getty Images  /  Paula Bronstein)

Nach UN-Angaben wurden im vergangenen Jahr in Afghanistan 4000 Zivilisten getötet, mehr als 7000 wurden verletzt. Gleichzeitig laufen die Gespräche zwischen den USA und den Taliban mit dem Ziel das Land zu befrieden. Mit Aussicht auf Erfolg?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur