Seit 01:05 Uhr Tonart
Dienstag, 26.10.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.05.2016

Deutsches Architekturmuseum FrankfurtMonty Python und technoide Spinnereien

Von Rudolf Schmitz

Futuristische Architektur von Jan Kaplicky: das Einkaufszentrum "Selfridges" in Birmingham. (picture alliance / dpa / CTK / Krystof Kriz)
Futuristische Architektur von Jan Kaplicky: das Einkaufszentrum "Selfridges" in Birmingham. (picture alliance / dpa / CTK / Krystof Kriz)

Wohnkapseln, Hochhäuser mit Grünflächen, bewegliche Städte und an Seilen hängende Eier: Das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt zeigt visionäre Entwürfe von der Architektengruppe Future Systems aus den 80er-Jahren und von Archigram aus den 60er-Jahren.

Archigram, das ist Pop Art, das ist "Yellow Submarine", das ist eine Erinnerung an "Swinging London". Die Gruppe um Peter Cook, Ron Herron und Dennis Crompton, die sich 1961 gegründet hatte, wirkt wie Monty Python der Architekturgeschichte. Ihre Zeichnungen und Collagen, präsentiert auf knallblauen Wänden, sind durchgeknallt.

Da geht es um spitzkegelförmige Wohneinheiten, die wie Pilze in der Stadtlandschaft wuchern, um aufblasbare Häuser, um Wohnmaschinen auf Stelzen, die sich kontinuierlich fortbewegen. Das sind ziemlich ernst gemeinte Konstruktionszeichnungen, aber auch freischwingend wilde Collagen aus Mode, Musik und Lifestyle der Zeit. Die darin verkörperte Zukunftsgläubigkeit kann man nur mit Staunen quittieren:

"Und die Fantasien von Archigram sind lustig anzuschauen, aber eine Megastadt, die auf pneumatischen Beinen durch die Gegend stelzt, die würden wir ungerne selber bewohnen. Also dieser Zukunftsglaube, dass der Mensch die Welt prägt und dass das besser ist, der ist uns gründlich abhanden gekommen". 

Peter Cachola-Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt, lässt aber keinen Zweifel daran, wie sehr ihn die Fantasien von Archigram als Student inspiriert haben. Und schließlich hat Archigram, in der Person von Peter Cook, eine starke Verbindung zur Metropole am Main:

"Peter Cook kam nach Frankfurt, war an der Städelschule lange Zeit, hat viele Leute beeinflusst, zum Beispiel Schneider&Schumacher waren seine Studenten. Und hier im DAM, 1986, gab es die Ausstellung 'Vision der Moderne', die wurde gestalterisch designt und umgesetzt von Peter Cook und Ron Herron, also von Archigram. Eine Ecke in der Ausstellung ist die Future Systems Ecke". 

Future Systems: lange Zeit Fantasien auf Papier

Und Future Systems, das ist vor allem Jan Kaplicky, der nach der Niederschlagung des Prager Frühlings die Tschechoslowakei in Richtung London verließ. Lange Zeit waren seine ebenfalls von der Weltraumbegeisterung geprägten Ideen Fantasien auf Papier, in Frankfurt präsentiert vor pinkfarbenen Wänden. Es gibt eine deutliche Beziehung zwischen Archigram und dem 1979 mit David Nixon gegründeten Büro von Future Systems:

"Das ist lustig, sie verwenden beide die künstlerische Technik der Collage, die vor dem Rendering kam. Um einen Eindruck von Realität zu erzeugen, nimmt er, Jan Kaplicky, fertige Fotos von Landschaft und klebt und zeichnet hinein, seine technoiden Gebilde. Die sehen so gut montiert aus, dass es wie ein Foto wirkt. Und das sind heute künstlerisch ambitionierte und sehr interessante Werke".

Die Wohnhäuser mit Hubschrauberlandeplatz, die in die Erde eingefrästen Wohnhüllen, die in den Bäumen aufgehängten durchsichtigen Blasen, sogenannte Bubbles, wirken nicht unbedingt wie purer Optimismus. Irgendwie hat man das Gefühl, dass alle diese Stelzen und Hängevorrichtungen eher für eine feindliche Umwelt gedacht sind: bloß weg vom Boden, weg von den Elementen. Doch einige von Kaplickys Entwürfen haben unvermutetes Zukunftspotenzial...

"Er hat diese Ideen, die er von Corbusier übernommen hat, ein Obdachlosenheim auf ein Boot zu setzen, in die Neuzeit transportiert. Er hat auch ein sehr großes abwerfbares Zelt für Flüchtlinge in der Wüste in Afrika geplant und detailliert vorgezeichnet. Nie konstruiert worden, nie gebaut worden. Und vor fünf Jahren hätten wir gesagt: Ja, sie sind total spinnert und man wird sie nie bauen..."

Angesichts von Flüchtlingssituation und neuerlichen Hungerkatastrophen in Afrika sind Jan Kaplickys technologisch mobile Wohn- und Versorgungsvorschläge wieder hochaktuell. Dass auch Ideen wie sein verstrebtes Hochhaus mit übereinandergestapelten Wohnmodulen in Saudi-Arabien grade Realität werden oder seine in Hochhäuser integrierten Grünwelten, führt zu einem gänzlich neuen Blick auf Jan Kaplickys collagierte Architekturfantasien. Anscheinend wird die "Zukunft von gestern" grade zu einem Stück  Gegenwart. 

Deutsches Architekturmuseum Frankfurt: Zukunft von gestern/ Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram (14.5.-18.9.2016)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur