Seit 01:05 Uhr Tonart
Mittwoch, 27.10.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.08.2012

Deutscher Sommer

Zu unserem Umgang mit Rechtsextremismus

Von Bernd Wagner

Warum konnte der NSU-Terror so lange unerkannt bleiben, während ansonsten rechtsextreme Aktionen schnell und leicht die Öffentlichkeit alarmieren? (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Warum konnte der NSU-Terror so lange unerkannt bleiben, während ansonsten rechtsextreme Aktionen schnell und leicht die Öffentlichkeit alarmieren? (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

Eine Ruderin mit dem falschen Verlobten und ein Opernsänger mit dem falschen Tattoo werden gnadenlos verfolgt - aber die NSU-Terrorzelle blieb jahrelang unerkannt. Dieses schizoide Verhalten wirft einige Fragen auf, meint der Schriftsteller Bernd Wagner.

Niemand kann der deutschen Gesellschaft mangelnde Vielfalt in ihren Reaktionen auf rechtsextremistische Umtriebe vorwerfen. Sie reichen von bestürzender Unfähigkeit bei der Bekämpfung des "Nationalsozialistischen Untergrunds", dessen Charakter erst erkannt wurde, als er sich selbst eliminierte, bis zur gnadenlosen Verfolgung von Opernsängern mit falscher Tätowierung und blonden Ruderinnen mit falschen Verlobten.

Man könnte das als Symptom einer schizoiden Gespaltenheit dieser Gesellschaft auffassen, in der der eine Teil, die Strafverfolgungsorgane etwa, auf dem rechten Auge blind, der andere auf ihm überscharfsichtig ist. Oder aber, im Bild der Gesellschaft als eines einheitlichen Organismus bleibend, als Beleg dafür, dass das Versagen in dem einen Falle durch Unnachsichtigkeit in einem anderen kompensiert werden soll.

Dieses Verhalten wirft einige Fragen auf. Beispielsweise die, ob es tatsächlich im Sinne der Gesellschaft ist, wenn sie ihre einmal negativ aufgefallenen Kinder mit dem Bade ausschüttet. Es geht dabei nicht nur um deren Schicksal, sondern auch um das unsere.

Was für ein Geist zieht in ein Gemeinwesen ein, wenn es dem Liebesleben von Sportlern nachschnüffelt und darüber debattiert, ob sie vor ihrer Berufung in die Nationalmannschaft nicht einen Gesinnungstest zu absolvieren haben?

Welche Heuchelei wird zur Staatsdoktrin erhoben, wenn einem russischen Musiker zwar die Wandlung vom Punk zum Opernsänger abgenommen wird, aber nicht die von einem Jugendlichen, der sich als Zeichen des Protestes ein Hakenkreuz eintätowieren ließ, zu einem solcher Blasphemie Entwachsenen?

Glauben die Erben von Richard Wagner damit etwas von ihrer familiären Schuld abzubüßen oder erweisen sie sich wieder nur auf der Höhe des Zeitgeistes?

Glauben wir, dass mit dem Festhalten am letzten Tabu in einer völlig tabulosen Zeit, an dem des Hakenkreuzes in nicht durchgestrichener Form, irgendetwas zur geistigen Hygiene beigetragen wird? Oder bestätigen wir damit lediglich den Satz von Johannes Groß, dass 50 Jahre nach Hitlers Tod der Widerstand gegen ihn ins Unermessliche gestiegen ist.

Es ist ein Widerstand, der sich neben Lichterketten und Mediendiskursen vor allem in gesetzlichen Verboten ausdrückt. Würde aber ein Verbot der NPD tatsächlich dazu beitragen, das von ihr verkörperte Gedankengut zu eliminieren oder würde es nur Märtyrer schaffen? Hat das ebenso gut gemeinte Holocaustleugnungs- und relativierungsverbot noch eine andere Wirkung als ähnlich monströse Verbrechen zu leugnen, zu relativieren oder am besten gar nicht erst wahrzunehmen?

So lange Hammer und Sichel, Stasiorden und NVA-Uniformen als harmlose Souvenirs gehandelt werden und die Nachfolgeorganisation der SED als eine demokratische Partei unter anderen gilt, haben solche Verbote einen unangenehmen Beigeschmack.

Sie suggerieren, dass es nur eine totalitäre Gefährdung der Demokratie gibt. Das aber ist ein gefährlicher Irrglaube, nicht nur, weil die Übergänge von rechtem zu linkem Radikalismus stets fließend waren und sie auch heute mitunter nur durch die Farbe der Schnürsenkel in den Springerstiefeln markiert werden.

Entscheidend ist, welche Perspektiven und Zukunftsvisionen unsere Gesellschaft ihrer Jugend zu bieten hat. So lange sie ihnen nur Karrieren als Topmodels oder Leibeigene ihres Computers in Aussicht stellt, werden Rattenfänger aller Coleur immer Aussicht auf Erfolg haben.

Bernd Wagner, Schriftsteller, 1948 im sächsischen Wurzen geboren, war Lehrer in der DDR und bekam durch seine schriftstellerische Arbeit Kontakt zur Literaturszene in Ost-Berlin. 1976 erschien sein erster Band mit Erzählungen, wenig später schied er aus dem Lehrerberuf. Von Wagner, der sich dem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns anschloss, erschienen neben einem Gedichtband mehrere Prosabände und Kinderbücher. Als die Veröffentlichung kritischer Texte in der DDR immer schwieriger wurde, gründete Wagner gemeinsam mit anderen die Zeitschrift Mikado. Wegen zunehmender Repression der Staatsorgane siedelte er 1985 nach West-Berlin über. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen "Die Wut im Koffer. Kalamazonische Reden 1-11" (1993) sowie die Romane "Paradies" (1997), "Club Oblomow" (1999) und "Wie ich nach Chihuahua kam". Zuletzt erschien "Berlin für Arme. Ein Stadtführer für Lebenskünstler".

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Politisches Feuilleton

VerkehrswendeRettet das Ruheabteil
Ein Hinweis "Ruhebereich" neben einem Icon auf dem „Psst“ steht. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Die zukünftige Bundesregierung will dem öffentlichen Personennahverkehr eine neue Wertschätzung verleihen. Um die Bahn konkurrenzfähig zum Auto zu machen, sei aber eins unabdingbar, findet der Journalist Paul Stänner: Ruhe in den Ruhezonen der Züge.Mehr

Ökologische WendeDen eigenen Lebensstil ganz neu denken
Vor einem Supermarktregal hält jemand ein Glas mit veganem Aufstrich in den Händen und liest die Inhaltsstoffe. (picture alliance / photothek / Ute Grabowsky)

Grün zu sein, sei heute einfach, behauptete unlängst Regierungschef Boris Johnson. Der Journalist Uwe Bork hingegen meint, kleine Veränderungen im persönlichen Verhalten seien gut. Um den Planeten zu retten brauche es aber ein radikales Umdenken.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur