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Studio 9 | Beitrag vom 02.08.2018

Deutsche Türkei-UrlauberUnbeschwert genießen?

Von Karin Senz

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Drei Touristinnen sitzen in Antalya auf einer Bank und blicken aufs Meer. (imago / ZUMA Press)
Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen? Türkei-Urlauber wollen von der politischen Situation im Land nichts wissen. (imago / ZUMA Press)

Unschlagbar günstig ist ein Türkei-Urlaub derzeit. Doch in dem Land werden die Menschenrechte verletzt und demokratische Rechte ausgehöhlt. Darf man angesichts dessen dort Urlaub machen? Viele deutsche Touristen meinen: Ja.

Es ist heiß in Antalya fast 40 Grad, die Grillen zirpen in der Mittagssonne. Ein Vater plantscht mit seinem Sohn im Pool. Es ist wenig los, obwohl das Hotel ausgebucht ist, wie die meisten hier am Meer, und das schon seit Mai. Die Anlage ist weitläufig, Platz genug, ein Plätzchen im Schatten zu finden. Alles ist picobello gepflegt, Robert und Patricia aus Hamburg sitzen zwischen bunten Blumen entspannt unter einen Baum:

"Wirklich nur eine Woche Sonne, Pool, Strand", sagt Patricia. Robert ergänzt: "Im Schatten liegen und es sich einfach  gut gehen lassen. Und ab und zu ins Meer zu springen, was Schönes zu essen. Und einfach mal den Kopf freizukriegen. Das war eigentlich auch das Ziel der Reise."

Und bloß nicht an Politik denken. Nihat Tumkaya ist in Hemd und langer Hose vom Restaurant auf dem Weg zum Pool. Er ist der Hotelmanager, grüßt die Gäste und hält Smalltalk: "Wir sprechen kaum über Politik, würde ich sagen. Man ist hier im Urlaub, man ist gelassen, man möchte mehr über Land und Leute wissen als über Politik."

"Die Menschen, die hier leben, können nichts dafür"

Dass Deutschland die Reisehinweise gelockert hat, freut ihn, das ist gut fürs Geschäft. Gisela aus Köln kommt seit Jahren in die Türkei – auch als es die Anschläge in Istanbul gab. Sie hat mehr die politische Situation beschäftigt:

"Natürlich haben wir darüber nachgedacht, wie die Situation hier in der Türkei ist. Aber die Menschen, die hier leben, können nichts dafür. Und im Hotel und in Antalya bekommt man auch nichts mit."

Sie bleibt zwei Wochen hier mit ihrer Tochter Laura, die sagt: "Ich finde nicht, dass wir damit irgendein politisches Statement abgeben, sondern einfach: Wir kommen gerne hierhin. Die Leute, die hier leben und arbeiten, haben damit auch genauso wenig zu tun wie ich zu Hause mit der Politik. Deswegen lasse ich mich davon nicht abschrecken."

ARCHIV - Ein Mann mit einem Besen geht an einem leeren Strand in Antalya, Türkei, am 19.07.2016 entlang. (Zu dpa "Tourismus-Einnahmen in der Türkei brechen 2016 um 30 Prozent ein" vom 31.01.2017) Foto: Marius Becker/dpa | Verwendung weltweit (dpa)Vor zwei Jahren waren die Strände in Antalya leer, jetzt kommen die Urlauber zurück: in den ersten Monaten dieses Jahres schon mehr als im gesamten Jahr 2017. (dpa)

Die beiden sitzen braungebrannt unter einem Sonnenschirm am Pool, tragen knappe Bikinis und weit ausgeschnittenen T-Shirts drüber. Nein, die Türkei hat zumindest hier keinen konservative Kehrtwende hingelegt, sagt Can aus der Schweiz vom Nebentisch.

"Das interessiert den Erdogan nicht, was wir hier machen. Wir hatten hier letzte Nacht eine Samba-Show. Die ganze Show hätte eigentlich seinem politischen Ideal nicht gepasst. Die waren halbnackt am Tanzen und keinen Menschen hat das interessiert."

Mal vom Weltgeschehen abschalten

Vor kurzem ist der Ausnahmezustand in der Türkei ausgelaufen. Zwei Jahre lang hat er gegolten, seit dem Putschversuch. Vielen Hoteliers war er ein Dorn im Auge, nicht gut fürs Image. Robert hat mitgekriegt, dass Erdogan das Präsidialsystem eingeführt hat und neue Anti-Terrorgesetze gelten:

"Aber er hat durch seine neuen Befugnisse ja im Prinzip die Möglichkeit, jederzeit irgendwelche anderen Sachen auch zu beschließen, auch wenn kein Ausnahmezustand ist. Aber das betrifft uns ja eigentlich als Urlauber hier auch immer nur sehr peripher, würde ich sagen."

Der Bild zeigt den türkischen Präsidenten Erdogan. Er hält in seiner Residenz eine Rede an die Nation. (AP /Dpa-Bildfunk/ Lefteris Pitarakis)"So weit auseinander sind wir dann doch nicht", sagt ein Hamburger Tourist über die Türkei unter Präsident Erdogan. (AP /Dpa-Bildfunk/ Lefteris Pitarakis)

Dabei wollte der Hamburger eigentlich komplett abschalten vom Weltgeschehen: "Ich will ja hier in Urlaub und ich mache mir keine großen Gedanken um die Regierung dann. Und ich finde auch nicht alles toll, was er macht, aber so weit auseinander sind wir dann trotzdem nicht. Es gibt ja immer Unstimmigkeiten, und wir müssen uns damit ja nicht identiziferen. Boykottieren muss man es dann auch nicht, finde ich eigentlich."

Türkeiurlaub - unschlagbar günstig

Immer mehr Deutsche scheinen so zu denken. Seit Beginn des Jahres sind schon mehr in die Region Antalya gekommen als im ganzen letzten Jahr. Die Türkei ist im Moment einfach unschlagbar günstig - noch. Das kann so nicht bleiben, weiß der Reiseveranstalter Kadir Ugur:

"Wir raten Hoteliers, dass sie die Preise nicht sofort auf das alte Niveau heben, sondern sukzessive in zwei Jahren."

Die Kölnerin Gisela hat sich gefreut, dass sie die letzten Jahre so günstig mit ihrer Tochter hier Urlaub machen konnte. Aber das ist für sie nicht ausschlaggebend:

"Die Menschen sind total freundlich. Das Wetter ist schön. Es ist alles schön hier. Also, wir werden immer wiederkommen."

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