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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 12.06.2016

Deutsche Fußball-HooligansNach der Schande von Lens

Von Moritz Cassalette

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Randalierende deutsche Hooligans vor dem Fußball-WM-Spiel Deutschland gegen Jugoslawien in Lens. Das Schwurgericht Essen verkündet am Dienstag (09.11.1999) die Urteile gegen vier junge Deutsche, die den französischen Gendarm Daniel Nivel bei den Krawallen am Rande der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich halb tot geprügelt haben. Der 44-jährige Polizist ist seitdem schwer behindert.  (picture alliance / Oliver Morin)
Randalierende deutsche Hooligans bei der WM in Frankreich im Jahr 1998. (picture alliance / Oliver Morin)

Es war ein milder Sommertag während der Fußball-WM 1998, als eine Gruppe junger Männer den französischen Polizisten Daniel Nivel aus heiterem Himmel attackierte und ins Koma prügelte. Jetzt ist die internationale Fußball-Familie wieder zu Gast in Frankreich und in Lens werden Erinnerungen wach.

"Guten Tag in Deutschland, Willkommen. Und wir grüßen Sie aus dem Stade Felix Bauleart. Äußeren Bedingungen sehr gut, ein, zwei Wölkchen am Himmel, insgesamt aber freundliches, sommerliches Wetter. Das ganze macht nicht nur den deutschen Fans gute Laune."

Der 21. Juni 1998 war ein warmer Sommertag. Den Zuschauern knallte die Sonne teilweise ins Gesicht. Deutschland spielte gegen Jugoslawien – nur 2:2, ein enttäuschender Punktverlust für die DFB-Elf in der Vorrunde. Der sollte aber schnell zur Nebensache werden.

Wovon die Fans im Stadion nichts mitbekamen: draußen, in der Innenstadt von Lens heizte sich die Stimmung immer weiter auf. Hooligans, die keine Karten für das Spiel hatten, lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Stühle flogen durch die Luft und zerschlugen Schaufenster. Nach dem Spiel hieß es, 100 Engländer würden am Stadion warten, um sich mit Deutschen zu prügeln. Doch für die gab es kein Durchkommen, die Gendarmerie hatte die WM-Arena abgeriegelt. Dann machte die Botschaft die Runde, am Ende einer Seitenstraße stünden nur drei Polizisten. Und es folgten zwei Minuten, die den Tag zu einem der schwärzesten der deutschen Fußballgeschichte machten. Und die laut Zeugenaussagen so begonnen haben müssen:

"Los jetzt, es sind nur drei. Die hauen wir um jetzt. Rauf auf die Bullen. Jetzt machen wir sie platt."

"Sie haben das Leben meines Mannes zerstört"

"Sie haben das Leben meines Mannes zerstört. Und unserer Familie endloses Leid zugefügt."

Sagte Lorette, die Ehefrau von Daniel Nivel, einige Jahre später.

Die Rue Romauld Pruvost ist eine ruhige Straße in einer unscheinbaren Stadt im Norden Frankreichs. Lens hat nur 35.000 Einwohner. An jenem Sonntag im Jahre 1998 war der Ort überlaufen von Fußballfans. Rund 40.000 kamen ins Stadion, weitere 20.000 hatten keine Karte und tummelten sich in der Stadt. Burkhard Matthiak war damals Sozialarbeiter beim Fanprojekt des FC Schalke 04 und privat beim Spiel:

"Ja, ich bin morgens früh mit Bekannten nach Lens gefahren und hab dann relativ schnell gemerkt, dass dieser Tag nicht so verlaufen wird, wie viele andere Fußballspiele. Weil die Stimmung schon sehr aufgeheizt war und einen sehr aggressiven Eindruck machte dort. Und nachdem das Fußballspiel zu Ende war, hat sich auch relativ bald rumgesprochen, dass da was passiert sein muss."

Daniel Nivel ist damals 43 Jahre alt. Der Polizist hat die Aufgabe, gemeinsam mit zwei Kollegen die Seitenstraße abzusichern. Sie stehen am Ende der Rue Pruvost, auf der einen Seite kleine Reihenhäuser und ein Bürgersteig. Auf der anderen Seite der schmalen Fahrbahn parken Autos, und hinter einem Zaun geht es die dicht bewachsene Böschung hoch zu Bahngleisen. Nivel hat zwei Söhne und ist verheiratet mit Lorette:

"An jenem Tag ging Daniel wie jeden Morgen zum Dienst. Als wir uns verabschiedeten, sagte ich zu ihm - wie es wahrscheinlich jede Ehefrau macht: pass gut auf dich auf."

Daniel Nivels Kollegen ziehen sich zurück, als die Hooligans kommen. Er selbst bleibt stehen. Das wird ihm zum Verhängnis. Die Täter gehen mit einer Brutalität vor, die selbst in der Hooliganszene später scharf verurteilt wird. Einer der Männer schlägt mit einem Werbeschild auf den hilflosen Beamten ein. Als der auf dem Bürgersteig zu Boden geht, verliert er seinen Gewehraufsatz. Den nutzen die Täter als Schlagknüppel, so einer, der dabei war:

"Normal ist der Ehrenkodex gewesen: Personen, die auf dem Boden liegen, da wird nicht nachgetreten, und auch nicht bei Polizeibeamten. Ich konnte das zu dem Zeitpunkt, weil die Stimmung schon vom Vormittag so angeheizt war, nicht raus kristallisieren, dass das ein Beamter war. Ich hab da rein getreten und bin dann weggelaufen. Ich hab jetzt keine Glücksgefühle gekriegt dabei, dass ich da zugetreten habe. Das war einfach situationsbedingt, weil alle getreten haben."

In nur zwei Minuten zerstören die Täter das Leben eines Mannes und dessen Familie. Die Gruppe um den damals 30-Jährigen Frank Renger flieht. Daniel Nivel bleibt bewusstlos liegen, neben seinem Kopf eine Blutlache. Die Ärzte kämpfen in den darauffolgenden Tagen um sein Leben:

"Er ist in einem tiefen Koma. Er hat schwere Schäden am Gehirn. Wir sind dabei, gegen diese schweren Verletzungen zu kämpfen und ihn am Leben zu halten. Wir werden versuchen, die Auswirkungen der Gehirnverletzungen klein zu halten. Aber ob es Blutungen oder ein Blutgerinsel gibt, ist noch zu früh zu sagen. Wir müssen abwarten."

Die Welt war entsetzt

Die Welt war entsetzt, der brutale Angriff auf Daniel Nivel stellte die WM in den Schatten. Bundeskanzler Helmut Kohl sprach vielen Deutschen aus der Seele:

"Das ist eine Schande. Das ist eine wirkliche Schande für unser Land. Wenn das Ergebnis ist, dass wir das billigend zulassen, dann brauchen wir praktisch in Zukunft überhaupt keine internationale Veranstaltung machen. Das ist eine Form eines modernen Vandalismus‘, der völlig inakzeptabel ist. Man kann das gar nicht scharf genug verurteilen."

Das enttäuschende Spiel der deutschen Fußballer gegen Jugoslawien wurde unwichtig. Der heutige Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff - damals auch Torschütze beim 2:2 - erinnert sich an die Stunden nach der Partie:

"Wir haben es eigentlich sehr spät erst erfahren. Den genauen Zeitpunkt weiß ich gar nicht, aber man war natürlich mit dem Spiel und Medien so beschäftigt. Damals gab es noch keine Social Media, noch nicht das Internet. Das kam also nur bruchstückhaft an und führte dann später so ein bisschen natürlich zur Aufregung, weil der damalige Präsident Egidius Braun verschiedene Maßnahmen sich überlegt hat, bis hin zur Abreise der Mannschaft."

Vielleicht war es nur eine Geste, aber Egidius Braun wählte starke Worte:

"Es hat mich zermürbt. Es hat mich fertig gemacht. Und ich bin dabei eben das aufzuarbeiten. Wie können wir reparieren, was da gestern Abend geschehen ist? Welchen Beitrag können wir dazu leisten?"

"Dass man deshalb überlegt von Seiten des DFB, die Mannschaft zurückzuziehen, dafür fehlen mir jegliche Worte", sagte Bundestrainer Berti Vogts durfte mit seiner Mannschaft im Turnier bleiben. Doch die Schande von Lens hat Torwart Andreas Köpke damals vor Augen geführt, dass es wichtigeres gibt, als Fußball:

"Man schämt sich sicherlich und innerhalb der Mannschaft ist also wirklich das Entsetzen zu sehen gewesen. Und man spricht darüber, wie schlecht wir gespielt haben 70 Minuten, oder dass ich den Fehler gemacht hab. Aber wenn man solche Bilder sieht, wenn man das Bild sieht, wie der Polizist am Boden liegt und blutet, dann ist sowas absolut zweitrangig. Und irgendwo packt einen auch die Wut, dass man das nicht in den Griff bekommt. Und es ist sicherlich schwer für die Polizei, für alle Beteiligten. Aber es ist schon der Wahnsinn. Vielleicht sollte man da auch wesentlich härter durchgreifen."

Angriff war in jeder Nachrichtensendung

"Guten Tag verehrte Zuschauer. Empörung und Fassungslosigkeit nach den Gewalttaten deutscher Hooligans bei der Fußball-WM. Ein schwer verletzter französischer Polizist ringt noch immer mit dem Tode. Er war von einem Deutschen brutal zusammengeschlagen worden."

Am Tag danach war der Angriff auf Daniel Nivel in beinahe jeder Nachrichtensendung und auf jeder Titelseite in Deutschland der Aufmacher. Eine große Boulevard-Zeitung titelte: "Das Foto, das die Welt entsetzt!" Sie hatte exklusive Bilder der Tat von einem jungen Österreicher bekommen. Der hatte die Hooligans begleitet und die Aufnahmen in Lens gemacht. Burkhard Mathiak kannte sich als Fanbetreuer beim FC Schalke in der Szene gut aus. Er bekam beim Anblick der Bilder einen großen Schrecken:

"Als die Fotos damals in der BILD-Zeitung glaube ich zum ersten Mal veröffentlicht worden sind, war mir natürlich auch ziemlich schnell klar nach zweimaligem Hinsehen, dass die Leute, die darauf zu sehen sind, dass ich die kenne."

Die Fotos zeigen, wie Daniel Nivel vor der dunklen Holztür eines roten Backsteinhauses leblos am Boden liegt, in dunkler Uniform mit hohen Stiefeln. Ein Täter in Jeans und blauem T-Shirt steht breitbeinig an der Bordsteinkante, beugt sich gerade über ihn und schlägt dem Polizisten auf den Kopf. Links und rechts stehen zwei Männer in Jeans und schwarzem T-Shirt, zwei weitere Täter rennen durch das Bild. Burkhard Mathiak konnte zwei der Männer identifizieren. Er wurde zum wichtigsten Zeugen.

"Ich bin von der deutschen Polizei daraufhin angesprochen worden, die ja wussten, dass ich gute Kontakte habe und sehr involviert bin. Sie haben mich gefragt und daraufhin habe ich dann eine Nacht überlegt und natürlich auch mit meiner Familie das ganze nochmal diskutiert und habe dann gesagt: ok, ich stelle mich da als Zeuge zur Verfügung."

Zunächst sagte Mathiak anonym aus, später bei der Gerichtsverhandlung hatte er den Mut, sich zu zeigen. Er galt in der Szene als Verräter, bekam später Morddrohungen. Aber nur dank seiner Aussage konnte der Richter vor dem Essener Landgericht die Angeklagten auch verurteilen. Für Mathiak war der gewagte Schritt alternativlos, auch wenn er sein Leben verändert hat:

"Ich hab dann den alten Job nicht mehr weiter machen können, hab dann von Schalke 04 das Angebot bekommen, beim FC Schalke 04 in der Presseabteilung tätig zu sein, was ich bis 2006 dann auch getan hab. Und ich konnte glücklicherweise da weiter wohnen bleiben, wo ich vor der Aussage auch gewohnt habe. Also mein Privatleben war da nur am Rande von betroffen. Natürlich hat das die Familie schon stark belastet, natürlich hat man sich viele Gedanken gemacht, natürlich wusste man nie so genau, was passiert am nächsten Tag. Wir sind ja auch einige Tage, einige Wochen außer Landes gebracht worden, um einfach mal zu schauen, was passiert in Deutschland jetzt, wie sind die Reaktionen in der gewaltbereiten Szene, muss man sich Sorgen machen, wird man bedroht. All diese Dinge. Aber in Endeffekt konnten wir dann doch da wohnen bleiben, wo wir auch vor der Aussage gewohnt haben. Das hat ganze dann schon etwas leichter gemacht."

Insgesamt wurden sechs Täter in mehreren Prozessen zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt - einer von ihnen wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu zehn Jahren Haft. In der aktiven Hooliganszene ist heute keiner mehr von ihnen. Zum Teil haben sie sich der Rockerszene angeschlossen, zum Teil sitzen sie wegen Drogendelikten wieder im Gefängnis. Öffentlich geäußert hat sich nur einer von ihnen vor einigen Jahren: Frank Renger ist im Nachhinein dankbar dafür, dass er damals überführt wurde:

"Denn, was wäre gewesen, wenn man mich nicht erwischt hätte? Wenn ich nicht meine Haft verbüßt hätte? Wäre ich heute immer noch in der Szene? Ich weiß es nicht."

Frank Renger hat während des Prozesses zumindest Reue gezeigt. Das taten nicht alle. Er und der ehemalige Sozialarbeiter Burkhard Mathiak - also der, der ihn verraten hatte - sind sich seit dem einmal zufällig begegnet, im Fanshop von Schalke 04. Sie haben sich gegrüßt, mehr nicht. Mathiak sieht in dem Überfall von Lens ein gutes Beispiel dafür, wie schnell junge Männer in etwas hineingeraten können, dass sie später nicht mehr loslassen wird:

"Klar, da habe ich viel drüber nachgedacht, muss ich sagen. Aber ich glaube, da haben auch viele Jugendliche drüber nachgedacht, wie schnell man in so eine Situation kommen kann, in der Dinge geschehen, die völlig aus dem Ruder laufen. Und ich hatte damals zumindest direkt nach der Tat und auch Monate später das Gefühl, dass viele der Jugendlichen, die ich damals so kannte, sich so ein bisschen distanziert haben von dieser ganzen Gruppe und auch von dem ganzen Gesehen und dem - ich sag mal - Hooligan-sein in Gelsenkirchen. Die Szene danach war schon sehr, sehr, sehr viel kleiner, als sie vor diesem Geschehen war. So hab ich es beobachtet. Und ich glaube, das hatte etwas damit zu tun, dass viele so ein bisschen Respekt davor bekommen haben, wie gefährlich das eigentlich auch sein kann, was da jeden Samstag oder zum Spieltag in den Stadien oder speziell vor dem Stadion passiert ist."

Sechs Wochen lag er im Koma

Die Täter haben ihre Strafe abgesessen. Daniel Nivel aber wird sein Leben lang an den Folgen leiden. Er und seine Frau Lorette konnten die Entschuldigungen damals nach dem Prozess in Essen nicht annehmen:

"Ich habe ihre Bitte um Verzeihung gehört. Ich hab sie wohl gehört, aber das kann ich nicht. Mein Mann, meine Familie, wir haben zu sehr darunter gelitten."

Sechs Wochen lang hatte Daniel Nivel nach dem Überfall im Koma gelegen. Seitdem ist er behindert.

"Dieser Tag hat uns in den Horror versetzt. Es war für ihn wirklich schrecklich. Die Täter können alles machen, was sie wollen. Mit ihren Händen. Sie können auch immer noch das tun, was sie gerne tun. Mein Mann musste alles wieder von Anfang an erlernen. Sie haben alles getan, um ein Leben zu vernichten."

Daniel Nivel ist rechtsseitig gelähmt, blind auf einem Auge. Er hört schlecht, kann nicht mehr riechen und nicht schmecken. Oliver Bierhoff ist ihm vor drei Jahren am Rande eines Länderspiels in Paris begegnet:

"Ich fand eigentlich toll, wie mit einem charmanten und verschmitzten Lächeln er uns auch begrüßt hat. Man könnte ja auch vermuten, dass da viel Wut und Hass in ihm gegen die Deutschen ist. Aber sowohl er wie seine Familie waren da sehr freundlich, sehr offen, haben sich auch über unsere Geste damals gefreut. Und es hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass wir uns mehr und mehr Gedanken darüber machen, wie die Völker zu einander stehen. Unter anderem haben wir deswegen auch einen deutsch-französischen Wettbewerb indiziert, wo Kinder einfach diese Freundschaft von Deutschland und Frankreich zeigen. Und ich glaube, dass einfach viele Hindernisse und Mauern, die es in der Vergangenheit, in der Nachkriegsgeneration noch gab, mittlerweile gar nicht mehr vorhanden sind."

Der DFB kümmert sich bis heute um die Familie Nivel, unterstützt sie finanziell, und will dies auch weiter tun. Der Verband hat vor der EURO Kontakt zu ihr aufgenommen und das Ehepaar zu einem Spiel eingeladen.

Daniel und seine Frau Lorette leben heute zurückgezogen in einem behindertengerechten Haus in der Nähe von Lens, finanziert damals überwiegend mit Spendengeldern aus Deutschland:

"Die Deutschen fühlten sich verantwortlich für das, was passiert war. Aber das war ja nicht ihre Schuld, sie konnten nichts dafür. Die Täter kamen aus ihrem Land, deswegen fühlten sie sich verantwortlich und wollten uns zur Seite stehen."

Übungen gegen Terror

Weil damals so viel Geld zusammenkam, wurde unter Beteiligung von DFB und FIFA im Oktober 2000 die Daniel-Nivel-Stiftung gegründet. Der rennomierte Fan-Forscher Gunter Pilz arbeitet hier mit:

"Also die Stiftung hat ja den Auftrag, Maßnahmen und Projekte zu unterstützen, zu finanzieren, die im Prinzip dazu beitragen, dass das, was 1998 in Lens passiert ist, nicht wieder passiert. Also präventive Maßnahmen zu ergreifen. Und der Schwerpunkt, den wir als Stiftung in den letzten Jahren eindeutig gemacht haben, war der Versuch und die Bemühung, Feindbilder zwischen Fans und Polizei abzubauen, weil die ja eine wesentliche Ursache für die Ereignisse damals in Lens waren. Also Fans und Polizei zusammenzubringen in Zukunftswerkstätten, damit sie sich gegenseitig besser kennenlernen, reflektieren und versuchen über das bessere Kennenlernen, das besser Verstehen gegenüber Feindbilder abzubauen."

Anfang März dieses Jahres südöstlich von Paris. Die französische Polizei probt den Ernstfall: ursprünglich wollte sie nur die Auseinandersetzungen mit Hooligans simulieren. Aber die jüngsten Ereignisse haben aus der Übung auch eine gegen Terror gemacht:

"Es ist richtig, dass sie dafür vorgesehen war, um die komplizierten Fans zu führen. Dann haben wir das System verstärkt, um gegen Terroristen vorzugehen. Das mussten wir machen. Nachdem was in Paris, Brüssel und in anderen Ländern passiert ist, mussten wir es anpassen", sagte ein Polizist.

Nach den Terroranschlägen wird die französische Polizei bei der Fußball-Europameisterschaft sehr präsent sein. Das soll auch Hooligans abschrecken, in den Städten zu randalieren. Im Vorfeld der EM ist immer wieder von einer Null-Toleranz-Taktik der Polizei zu hören. Die deutschen Behörden erwarten in den kommenden vier Wochen trotzdem einen großen Zulauf von Krawallmachern. Uwe Ganz leitet bei der EURO eine Gruppe der deutschen Polizei. Szenekundige Beamte sind als Unterstützung bei den Spielen der DFB-Elf jeweils vor Ort ist:

"Die Informationen, die wir bis jetzt haben, die lassen darauf schließen, dass schon Frankreich eine große Anziehungskraft auf Störer, auf Hooligans ausübt. Das liegt zum einen daran, dass die Fußballturniere in der Vergangenheit recht unattraktiv gewesen sind für dieses Störerklientel. Sie waren entweder weit weg wie in Südafrika oder Brasilien, oder von den Rahmenbedingungen wie in den Polen und der Ukraine einfach nicht attraktiv. Und auch wenn wir in die Zukunft schauen mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland, einer weiteren in Katar und der Europameisterschaft über ganz Europa verteilt - da stellt Frankreich natürlich eine Besonderheit dar. Wir haben Informationen aus den verschiedenen Bundesländern, wissen durch unsere Szenekundigen Beamten, dass diese Europameisterschaft in diesen Kreisen jedenfalls ein heißes Thema ist."

Anwesenheit der Polizei soll abschrecken

Uwe Ganz und seine Kollegen sind in Uniform und Zivil unterwegs. Sie wollen Hooligans, die sie zum Teil seit Jahren kennen, auch gezielt ansprechen.

"Ein Kernbereich unserer Arbeit besteht darin, Fans und Störer aus ihrer Identität zu holen. Es sind immer doch eine Personengruppe von sogenannten Allesfahrern, die zu jedem Spiel unterwegs ist und dementsprechend auch mir bzw. meinen Beamten bekannt ist. Und die sprechen wir ganz gezielt an und manchmal reicht es auch schon, dass man sich sieht. Denn das ist ja ein gegenseitiges Sich-Wiedererkennen. Also die Kollegen erkennen Störer, und die Störer erkennen uns. Und dann weiß man: ‚Ach ja, deutsche Polizei ist vor Ort.'"

Allein die Anwesenheit soll abschrecken. Doch Kenner der Hooliganszene - wie Gunter Pilz - hoffen, dass auch die französische Polizei dieses Mal besser vorbereitet ist als vor 18 Jahren:

"Ich kann mich erinnern, 1998 bei der WM hat die französische Polizei im Vorfeld gesagt: 'wir brauchen keine Unterstützung, wir brauchen keine Belehrung, wir brauchen keine Informationen.' Und das hat sich im Nachhinein dann sicherlich negativ ausgewirkt."

Pilz will die Täter damit nicht entschuldigen. Aber er sagt: hätte die französische Polizei damals gewusst, wie sich deutsche Hooligans verhalten, wäre Daniel Nivel möglicherweise unversehrt geblieben:

"Was in Lens abgelaufen ist, war im Prinzip etwas, womit deutsche Hooligans nicht gerechnet haben. Sie waren gewohnt, Auseinandersetzungen mit der Polizei wie eine Art Räuber- und Gendarmspiel zu machen. Sie waren auch gewohnt, wenn eine Übermacht an Hooligans auf Polizei zugeht, dass die sich zurückzieht."

Und genau das hat Nivel nicht getan. Das hat die deutschen Angreifer überrascht und überfordert.

"Der Daniel Nivel hatte den Auftrag, ein Polizeiauto zu bewachen und sich da nicht zu entfernen und blieb stehen. Ein erster Hooligan lief auf ihn zu und er blieb stehen. Der hat ihn umgerannt und als er unten lag und die nächsten liefen, ging es wie in einem Domino-Effekt. Jeder hat was gemacht und dann hat sich ganze entladen, enthemmt und keiner hatte sich mehr unter Kontrolle. Und im Nachhinein waren alle erschrocken, was da passiert ist. Also, es war ein Stück Ungewohnt sein, dass sich ein Polizist nicht zurückzieht sondern stehen bleibt. Und mit dieser Situation konnten sie nicht umgehen."

Hooligans an der Ausreise hindern

Dieses Mal sind die Franzosen gut eingestellt auf das große Turnier - sagt Polizeioberrat Uwe Ganz. Es habe einen regelmäßigen Austausch unter den teilnehmenden Nationen gegeben. Auch die deutsche Polizei hat im Vorfeld Maßnahmen ergriffen:

"Es gibt natürlich auch Personen, Störergruppen, die wir in Frankreich nicht haben möchten. Und es gibt ein abgestuftes System, abgestuftes Konzept, das zunächst mal vorsieht, sogenannte Gefährderansprachen durchzuführen. dass es zu sogenannten Hausbesuchen kommt und man der Person sagt, dass es besser wäre, wenn er das Land eben nicht verlässt, sondern in Deutschland bleibt, damit es zu keinem Fehlverhalten kommt. Das ist eine präventive Maßnahme, eine Empfehlung. Eine zweite Maßnahme ist, dass man Personen eine Meldeauflage erteilen kann, das heißt zu dem Spiel hat sich diese Person auf einer Polizeiwache zu melden. Und damit kann man sicher stellen, dass eben eine Ausreise nicht möglich ist. Kommt er eben dieser Meldeauflage nicht nach, begeht er ein Vergehen und wird eben entsprechend bestraft."

Und in Extremfällen kann die Polizei einzelnen Hooligans für kurze Zeit auch den Reisepass oder den Personalausweis wegnehmen, um sie an der Ausreise zu hindern. Die Franzosen haben nach den Terroranschlägen die Grenzkontrollen verschärft, ohne Dokumente gibt es kein Durchkommen. Doch ein weiteres Problem bahnt sich an.

Die EURO ist so groß wie nie. Erstmals nehmen 24 Mannschaften an der Fußball-Europameisterschaft teil. Das könnte die Lage zusätzlich erschweren, fürchtet Uwe Ganz:

"Den Punkt muss man zumindest aus zwei Richtungen betrachten, vielleicht sogar aus drei Richtungen. Zum einen leben natürlich auch große Bevölkerungsgruppen aus anderen Ländern in Deutschland. Dementsprechend sind nicht nur die Spieltage der deutschen Nationalmannschaft für die polizeiliche Lagebewertung in Deutschland von Bedeutung." Uwe Ganz denkt an Jubelfeiern und Autokorsen von Fans anderer Nationen in den deutschen Innenstädten. "Das zweite ist, dass Schweden im Norden aber viele Ländern eben aus dem Osten Südosten wahrscheinlich Deutschland als Transitland benutzen werden, und es da auch zu Transitsachverhalten kommen kann, zu Begegnungen auf Rasthöfen, auf Parkplätzen, die man sich so eben nicht wünscht. Wo dann eben schon die falschen zusammen kommen. Und das dritte ist natürlich tatsächlich in Frankreich dann selber, da wird abzuwarten sein, mit welchen Reiseabsichten dort gerechnet werden muss."

Andere Experten befürchten, dass auch aus Ländern wie Kroatien, Polen oder Russland viele Hooligans nach Frankreich reisen könnten. Daniel Nivel wird die Fußball-Europameisterschaft überwiegend vor dem Fernseher verfolgen.

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