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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 10.02.2017

Deutsch-israelische Filmgeschichte"Was mit Juden kommt halt immer gut"

Von Bernd Sobolla

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Szene aus dem Kinofilm "Hannas Reise": Die Schauspieler Doron Amit als Itaj und Karoline Schuch als Hanna (picture alliance / dpa / Zorrofilm)
Szene aus dem Kinofilm "Hannas Reise": Die Schauspieler Doron Amit als Itaj und Karoline Schuch als Hanna (picture alliance / dpa / Zorrofilm)

Regisseur Thomas Harlan und Schauspieler Klaus Kinski waren die ersten deutschen Filmemacher, die sich nach dem 2. Weltkrieg nach Israel wagten. In den 60ern gab es dann die ersten Koproduktionen. Das Kino als Ort der Begegnung beider Länder funktioniert bis heute. Nun ist darüber ein Buch erschienen.

"Das ist nicht dein Ernst, du gehst nach Israel? / Was mit Juden kommt halt immer gut. Und behinderte Juden zählen doppelt. Sonntag fliege ich."

In dem Film "Hannas Reise" reflektiert die Regisseurin Julia von Heinz erfrischend unbefangen über die heutigen deutsch-israelischen Beziehungen – und lässt ihre Protagonisten aber immer wieder über die Vergangenheit stolpern. Doch was wir in den letzten Jahren immer öfter erleben, nämlich deutsch-israelische Koproduktionen bzw. Filmthemen, hat eine lange, wenn auch fast unbekannte Tradition. Darauf weist Tobias Ebbrecht-Hartmann hin. Bereits 1898 begleitete der Filmpionier Oskar Messter Kaiser Wilhelm II. bei seinem Besuch in Jerusalem, wo er u.a. Theodor Herzl traf, der ihn für seine Vision eines jüdischen Staates begeistern wollte.

"Ich fand das auch sehr schön, weil das auch noch mal zeigt, dass der Bezug zu Israel und vor allem zu Jerusalem das deutsche Verhältnis zum sogenannten Heiligen Land was eben lange bis vor die Staatsgründung Israels – auch die zentrale jüdische Besiedlung Israels – zurückreicht."

Nach dem 2. Weltkrieg ist für viele Jahre deutsche Kultur in Israel verpönt. Die ersten, die sich nach Israel wagen, um dort die Filmbeziehung zu erneuern, sind der Regisseur Thomas Harlan und der Schauspieler Klaus Kinski. Allerdings reisen sie 1953 von Marseille aus mit gefälschten Papieren, die sie als Staatenlose ausweisen, nach Israel. Sie planen einen Spielfilm mit dem Titel "Ich will zu den Juden – von Theresienstadt nach Tel Aviv". Doch das Werk scheitert, weil ein ehemaliger Widerstandskämpfer die Presse gegen die Filmemacher mobilisiert.

Eichmann-Prozess 1961 als Wendepunkt

Dennoch: Es ist der Versuch eines Neuanfangs und zugleich geprägt durch Thomas Harlans Auseinandersetzung mit seinem Vater Veit Harlan, der verantwortlich war für den NS-Propagandafilm "Jud Süß", wie Tobias Ebbrecht-Hartmann betont.

"Diese ganze Frage dieser Generation, also der noch im Nationalsozialismus geborenen Generation, die auch noch wie Kinski im Krieg war. Die natürlich hin- und hergerissen war zwischen Schuldgefühlen und Begeisterung für das, was in Israel passierte."

Zwei Jahre später, 1955, dreht dann der Journalist Rolf Vogel mit der Dokumentation "Israel, Staat der Hoffnung" den ersten deutschen Film über Israel. Doch erst der Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 wird zum Wendepunkt.

"Vor allem, glaube ich, dass es das psychologische Moment war, dass weite Teile der israelischen Bevölkerung und auch gerade die Teile, die keinen familiären Bezug zum Holocaust hatten oder die die Überlebenden nur kannten als etwas durchgedrehte, verrückte Leute, die durch die Straßen gingen und rumschrien, das erste Mal diese Geschichten hörten, erfahren konnten, was diese Leute durchlebt haben."

Erleichtert wurde die filmische Annäherung auch durch den Filmproduzenten Artur Brauner, der mit dem israelischen Filmemacher Menachem Golan in den 60er- und 70er-Jahren die ersten deutsch-israelischen Koproduktionen realisierte. Und Andres Veiel dokumentierte 1993 mit "Balagan" das Theaterprojekt einer jüdisch-palästinensischen Theatergruppe, die die Shoah als nationales Selbstbild in Frage stellte. 

"Veiels Projekt war wirklich was Besonderes, weil er einer der ersten war, der wirklich als Deutscher nach Israel gegangen ist, ein Thema bearbeitet hat, was auch mit der deutschen Geschichte zu tun hat."

Kino als Transitraum zwischen Gestern und Heute

Auf der israelischen Seite sticht u.a. der Regisseur Eran Riklis hervor. Er erzählt in "Play off" die Geschichte des legendären Basketballtrainers Ralph Klein, alias Max Stoller, der Ende der 70er-Jahre durch den Gewinn der Europäischen Meisterschaft mit Maccabi Tel Aviv zum Nationalhelden wurde. Dann allerdings zum nationalen Verräter mutierte, als er 1983 die bundesdeutsche Nationalmannschaft übernahm, auch weil er in Deutschland seine eigene Vergangenheit suchte.

"Hier habe ich mal gewohnt. Es war eine Kindheit wie jede andere. / Und wann waren Sie zuletzt hier? / Das sind 39 Jahre."

Wie alle Filme von Eran Riklis, so handelt auch "Play off" von Tradition und Veränderung.

"Man muss Traditionen mit Respekt begegnen, aber manchmal muss man sie auch in Frage stellen, denn die Welt verändert sich ständig."

"Übergänge – Passagen durch eine deutsch-israelische Filmgeschichte" zeigt, dass es zu fast allen Zeiten ein gegenseitig großes Interesse und einen regen Austausch gab. Und dass vor allem das Kino ein Ort ist, wo diese Begegnungen bis heute stattfinden. Ein Transitraum, wie es Tobias Ebbrecht-Hartmann passend bezeichnet, in dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinander treffen.

Eine spannende Reise durch eine über 100-jährige Geschichte, stilsicher geschrieben und gespickt mit vielen Anekdoten. Darüber hinaus macht das Buch klar, dass die Geister der Vergangenheit zwar noch immer allgegenwärtig sind, aber dass sie das Leben nicht mehr dominieren.

Tobias Ebbrecht-Hartmann: "Übergänge - Passagen durch eine deutsch-israelische Filmgeschichte"
Neofelis Verlag, Berlin 2014
300 S., 26,00 Euro

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