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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 08.04.2015

Deutsch-deutsche GeschichtenFlucht durch das Minenfeld

Von Dieter Bub

Grenzturm bei Milz in Thüringen auf dem früheren Todesstreifen, der heutigen Grenze zwischen Thüringen und Bayern. Knapp 1400 Kilometer zieht sich das "Grüne Band" auf der einstigen DDR-Staatsgrenze von der Ostsee bis ins Vogtland und erstreckt sich dabei über mehr als 100 verschiedene Biotoptypen.  (picture alliance / dpa / Foto: Martin Schutt)
Grenzturm bei Milz in Thüringen auf dem früheren Todesstreifen, der einstigen DDR-Staatsgrenze (picture alliance / dpa / Foto: Martin Schutt)

Er ist erst 16 Jahre alt, als er allein aus der DDR flieht. Mit Vaters Kneifzange knackt Berthold Dücker die Drähte des Grenzzauns und läuft durchs Minenfeld – nach Hessen. Angekommen im Westen, spürt er statt Freiheit vor allem den Schmerz, von den Eltern getrennt zu sein.

"Die Grenze verläuft hier auf dem Höhenrücken der Thüringer Berge und macht hier einen Bogen bis hierher. Also das ist der Thüringer Zipfel, der Thüringer Balkon."

Berthold Dücker steht auf dem Wachturm von Point Alpha und weist mit seiner Linken über eine Landschaft, in der sich bis 1989 die sowjetischen und amerikanischen Streitkräfte schwer bewaffnet gegenüberstanden – bei einem militärischen Konflikt wäre hier, im hessisch-thüringischen Grenzgebiet, der dritte Weltkrieg ausgebrochen. Es war und ist die Heimat von Berthold Dücker. Zwei, drei Kilometer Luftlinie entfernt hat er seine Kindheit und Jugend verbracht.

Geismar: Ein kleines Dorf in der Nähe von Geisa. Zwischen 200 und 300 Einwohner. Hier lebt die Familie Dücker seit mehreren Generationen. Ein Bauernhaus. Landwirtschaftlicher Nebenerwerb mit drei Kühen, Schweinen, Schafen, Hühnern. Berthold ist der jüngste von drei Brüdern. Der Vater hat wie der Großvater Schuster gelernt, später im Kabelwerk von Vacha gearbeitet. Schon damals hatten viele zwei oder drei Berufe. Die Dückers sind katholisch, zu den Mahlzeiten und abends beim Zubettgehen wird gebetet. Im Haus gibt es kleine Weihwassergefäße. Der Besuch der Gottesdienste am Sonntag ist selbstverständlich - nicht Pflicht, sondern Bedürfnis.

Nach der Errichtung der Berliner Mauer erlebten die Dückers den Ausbau der Grenze mit ihren tödlichen Sperranlagen.

"Man hört natürlich permanent Geräusche. Da detoniert eine Mine. Da fand vielleicht eine Übung des Militärs statt. Dazu kommt noch, dass die Menschen fortwährend davon erzählen, wer es wieder gewagt hat, über die Grenze zu gehen – egal wie gefährlich es war, da wundert man sich nicht, warum insbesondere junge Menschen gesagt haben – ich war 16 Jahre alt  gesagt haben, das wage ich auch."

Der Vater verbietet, in der Schule aus dem Elternhaus zu erzählen

Als Berthold 1954 in die Schule kommt, gerät er wegen seines Glaubens in den Konflikt mit dem neuen SED-Staat. Eltern und Nachbarn erleben den Zwang des neuen Systems, hören heimlich Westradio: den Hessischen Rundfunk.

Der Vater verbietet dem Kind, bei Nachfragen der Lehrer irgendetwas aus dem Elternhaus zu erzählen. Berthold ist vierzehn, fünfzehn. Wie soll es in seinem Leben weitergehen? Er interessiert sich für zwei Berufswege. Einer seiner Lehrer hat in ihm die Begeisterung für klassische Musik geweckt, eine andere Perspektive wäre  Journalist. Aber soll er SED-Hofberichterstatter werden? Er weiß: Er hätte ohnehin keine Chance.

Zwei Jahre lang quält er sich mit dem Gedanken an die Flucht, zwei Jahre, in denen er nicht mit seinen Eltern und seinen Geschwistern sprechen kann. Er vertraut sich Schulfreunden an, von denen er weiß, auch sie suchen nach Wegen, die DDR zu verlassen.

Am 24. August 1964 ist es so weit. Der 16-Jährige hütet drei Kühe ganz nah an der Grenze und baut einen Weidezaun. Die Wachen der NVA dösen in der Sonne. Er spricht kurz mit ihnen. Sie kennen den Berthold, antworten schläfrig entspannt. An diesem Tag gab es keine besonderen Vorkommnisse.

"Bin nach Hause gelaufen und hab' aus Vaters Werkzeugkiste eine nagelneue Kneifzange genommen, hab' mich aufs Fahrrad dann gesetzt, bin wieder in Richtung Grenze geradelt, musste ja alles sehr schnell gehen. Ich wollte sehen, liegt die Streife da noch, wo ich sie gesehen habe, sind es noch dieselben? Da bin ich dann mit der mit Zange hierhergekommen.

Das sogenannte Minenfeld war der eigentlichen Grenze etwa 50 Meter vorgelagert und ich musste nun erstmal dieses Minenfeld, diesen Doppelzaun, überwinden. Ich bin durch einen ganz kleinen, fast trockenen Bachlauf gerobbt in der Hoffnung, dass da keine Minen liegen. Ich habe erst später erfahren, dass ich durchaus auf eine Mine hätte treffen können und hab' dummerweise mit dem Schaft der Zange immer in die Erde gestochert, weil ich dachte, so könnte ich sie spüren. Dass ich sie hätte auslösen können, auf den Gedanken bin ich nicht gekommen."

Bei einem hessischen Bauern brachte er sich in Sicherheit

Mit der Zange gelingt es Dücker, die beiden unteren Drähte des Doppelzauns zu durchtrennen. Damit hat der junge Flüchtling es aber noch nicht geschafft. Vor ihm liegt gefährliches Terrain.

"Nachdem ich das Minenfeld überwunden hatte, waren da ja noch etliche Meter Niemandsland zu überwinden. Das war DDR-Gebiet noch – dort waren Drähte gespannt und Fallgräben, die hatte ich zu überwinden. Da bin ich über diesen kleinen Bachlauf, über die Wiese gesprungen und mit einem Satz über einen Stacheldrahtzaun, der schon nicht mehr DDR war, sondern das war eine ganz einfache Koppel eines Hesselbacher Bauern und bin dann dort drüben in diesen Unterstand für Kühe gelangt und hab mich erst einmal in Sicherheit gebracht."

Auf der anderen Seite, im Westen, angekommen, empfindet er den großen Schmerz der Trennung von seinen Eltern und seinen Brüdern, die beide ihren Wehrdienst bei der NVA ableisten und intensiv befragt werden.

Um sein Heimweh zu überwinden fährt Berthold Dücker zwei, drei Mal im Jahr an die Grenze, um die Häuser seines Heimatortes und den charakteristischen Kirchturm zu sehen.

Einmal allerdings wird dieser Besuch zu einem für ihn erschütterndem Erlebnis. Jenseits der Grenze sind Frauen der LPG bei der Feldarbeit. Unter ihnen ist die Stimme seiner Mutter. Er ruft nach ihr. Ihr Name hallt weit über die Felder. Kurz danach hört Berthold seinen Namen. Laut und verzweifelt. Seine Mutter weiß, dort drüben, unerreichbar, steht ihr Sohn.

Die Mutter wird von zwei Grenzsoldaten abgeführt. Anfang der siebziger Jahre vereinbaren die Bundesrepublik und die DDR den kleinen Grenzverkehr, und Berthold Dücker darf zum ersten Mal seine Eltern zu Hause besuchen. Als 1989 die Mauer fällt, ist die Mutter schon tot, der Vater erlebt das Ende der DDR noch. Mit der Einheit kehrt Dücker in seine Heimat zurück.

Nach 25 Jahren als Journalist im Münchner Merkur-Verlag im oberbayerischen Murnau übernimmt er die Chefredaktion der "Südthüringer Zeitung" und organisiert den Erhalt und Ausbau von "Point Alpha". Dieser neuralgische Punkt des Kalten Krieges gehört heute zu den wichtigsten Gedenkstätten, mit denen an die Teilung Deutschlands erinnert wird. 

Mehr zum Thema:

Deutsch-deutsche Geschichten - Der Blues aus Buschdorf
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 21.1.2015)

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