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Zeitfragen | Beitrag vom 15.04.2021

DetransitionWer hilft bei Zweifeln nach einer Geschlechtsangleichung?

Von Pia Masurczak

Illustration: Transfrau mit Stoppelbart (imago / fStop Images / Malte Müller)
Die Akzeptanz von Menschen mit einer Transidentität wächst und mit ihr die Zahl derer, die ihr Geschlecht angleichen. (imago / fStop Images / Malte Müller)

Für viele transidente Menschen ist die Geschlechtsangleichung ein Schritt in Richtung Normalität. Manche stellen aber fest: Das war die falsche Entscheidung. Für beide Gruppen gilt: Oft fehlt es an psychologischer und medizinischer Beratung.

"Es ist halt schwierig, damit aufzuwachsen, wenn man die ganze Zeit hört – das hatte ich ja nicht von meiner Familie gehört, sondern von anderen – wenn du dich so und so verhältst, dann bist du doch keine richtige Frau, du bist ein Mannsweib, du hässliche Lesbe oder irgendetwas so in die Richtung."
 
Sarah (Name geändert) wächst in einem Dorf in Bayern auf. Sie gilt als eher burschikoses Mädchen. Wie Mädchen und Jungen zu sein haben, davon haben die Menschen um sie herum eine sehr enge Vorstellung, und Sarah passt dort nicht hinein. Als 21-Jährige beginnt sie eine Hormontherapie mit Testosteron und lässt sich ihre weibliche Brust entfernen. Insgesamt fünf Jahre lebt Sarah während Fachabitur und Studium offiziell mit einer männlichen Identität. Mittlerweile sagt Sarah, sie habe keine Geschlechtsidentität. Sie sei biologisch eben eine Frau.

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Das ist die Geschichte von Sarahs Detransition – von ihrer Entscheidung, den Prozess der Geschlechtsangleichung rückgängig zu machen. Es ist auch die Geschichte über eine aufgeladene Debatte, deren wissenschaftliche Grundlagen noch zu wenig erforscht sind.

"Mit 19, 20 bin ich auf die Idee von der Transition gekommen. Da habe ich eine Bekannte aus Ungarn getroffen. Sie meinte, dass sie ein Transmann ist. Sie oder er hat mir halt ihre oder seine ganze Geschichte erzählt. Und was ich so in Bayern erlebt habe, klang für mich total gleich. Ich hab mich total damit identifiziert und womöglich dachte ich, dass das bei mir auch so ist. Wobei ich mir da jetzt auch nicht hundertprozentig sicher war."

Selbsthilfe statt Therapie

Nach dieser Begegnung mit ihrer Bekannten beginnt Sarah sich eine Frage zu stellen: Passt mein biologisches Geschlecht zu meinem Selbstbild? Als sie 2012 nach Berlin zieht, geht sie erste Schritte in Richtung einer transmännlichen Identität.

"In Berlin bin ich dann in so eine Selbsthilfegruppe für Transmänner gegangen und hab gleichzeitig immer nach einem Therapieplatz gesucht."
 
Eine schwierige Suche – für Sarah genauso wie für viele Menschen mit ähnlichen Fragen: Es gibt kaum freie Therapieplätze, und wenn, dann mit langen Wartezeiten. Und nur wenige Psychotherapeut*innen kennen sich mit dem Thema Geschlechtsidentität aus.

"Ich hatte immer Therapeuten gefunden, die bereits im Vorgespräch gesagt haben, dass sie diesen Zettel nicht ausstellen wollen. Irgendwann war ich dann so genervt, dass ich gesagt habe: Okay, mach ich halt bei so einer Person Therapie."
 
"Dieser Zettel" – das ist die ärztliche Indikation für weitere Behandlungen. Wer in Deutschland eine Hormontherapie mit Testosteron oder Östrogen in Anspruch nehmen will, muss zuvor eine sogenannte Geschlechtsdysphorie attestiert bekommen. So wird das Unbehagen oder Leiden genannt, das aus einer dauerhaften Diskrepanz zwischen dem eigenen Geschlechtsidentitätserleben und dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht resultiert.

Eine aufgeladene Debatte

Geschlechtstransition und Detransition: Das Thema ist aufgeladen. Transmenschen – und überhaupt all jene, die nicht einem binären Mann-Frau-Schema entsprechen – werden häufig diskriminiert und sind Gewalt ausgesetzt. Geschichten von Detransitionierer*innen laufen daher schnell Gefahr, benutzt zu werden: um Transidentitäten insgesamt infrage zu stellen. Fordern einige Detransitionierer*innen etwa aufgrund ihrer Erfahrungen mehr Zurückhaltung bei geschlechtsangleichenden Behandlungen, sieht die Trans-Community dadurch hart erkämpfte Rechte in Gefahr. Aber um wie viele Menschen geht es überhaupt?

"Transgender-Diagnosen nehmen zu – mit teils bedenklichen Folgen." (NZZ, November 2020)

"Wir erleben einen regelrechten Hype." (Tagespost, August 2019)

"Wir wissen nicht, was wir anrichten." (Emma, Dezember 2020)

So aufgeregt die Debatte in den Medien geführt wird, so dünn ist die Datenlage – und das gilt gleichermaßen für Trans-Personen wie für diejenigen, die detransitionieren. Offizielle Zahlen gibt es in Deutschland nicht. Studien und Umfragen zufolge identifizieren sich etwa 0,5 bis 1,3 Prozent der Bevölkerung als transgender.

Wie groß dabei der Anteil derer ist, die diese Selbsteinschätzung später ändern, ist unbekannt. Nach allem, was bekannt ist, ist ihre Zahl eher klein. Für sichere Aussagen bräuchte es aber eine bessere Datenlage, sagt Annette Richter-Unruh, Hormonexpertin in einem Fachzentrum für Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie an der Universitätsklinik Bochum: "Wie ist es mit den Desisters und den Persisters? Also wer ist sehr zufrieden nach zehn, 20 Jahren und wer ist es nicht? Und ich glaube auch, dass die persönliche Zufriedenheit ein ganz, ganz wichtiges Moment ist."

Ein Transmensch schaut sich in einem kleinen Handspiegel an, nur die geschminkten Augen und Lippen sind zu sehen. (imago / Leire Cavia)Wer gilt überhaupt als trans, wer als detrans? (imago / Leire Cavia)
 
Dass Zahlen fehlen, ist auch eine Frage der Definition: Wer gilt überhaupt als trans, wer als detrans? Längst nicht alle Menschen, die eine Geschlechtsdysphorie attestiert bekommen, entschließen sich später zu einer Hormontherapie oder einer geschlechtsangleichenden Operation. Und nicht bei allen bleibt die Geschlechtsdysphorie bestehen.

Eine 2021 veröffentlichte Studie der Universität von Toronto legt nahe, dass rund zwölf Prozent der Jungen mit Geschlechtsdysphorie im Erwachsenenalter mit einer weiblichen Identität leben. Aber: Wie aussagekräftig sind diese ab 1975 erhobenen Zahlen heute noch – unter ganz anderen therapeutischen Bedingungen?

Das ist unklar, schreiben die Autor*innen. In einer Statistik auftauchen wird jedenfalls nur, wer eine medizinische oder psychologische Behandlung in Anspruch nimmt oder seinen Namen und Personenstand ändert. Deshalb wünscht sich auch Julia Monro von der Deutschen Gesellschaft für trans und inter (dgti) dringend mehr Informationen.

"Das wäre wirklich mal ganz gut. Wann in welchem Stadium welche Schritte gegangen werden, und da spielt natürlich dann auch der Abbruch der Hormoneinnahme eine Rolle. Dass man das alles einmal richtig statistisch erfasst, dass man da repräsentative Zahlen hat, mit denen man arbeiten kann. Das würde ich mir sehr wünschen, dass man das so ein bisschen forciert."

Prekäre Gesundheitsversorgung für Transpersonen

Wie viele Menschen beginnen eine medizinische Transition? Wie viele bleiben dabei und wer bricht die Behandlung ab? Welche Gründe es für eine Detransition gibt – und ob Betroffene darunter dann tatsächlich leiden: Diese Fragen lassen sich nur individuell beantworten. Klar wird bei einem genaueren Blick aber: Dass wir bislang oft nur individuelle Geschichten kennen und die Datenlage schlecht ist, wirkt sich auf die Gesundheitsversorgung von Detransitionierer*innen wie Transmenschen aus. Die ist nach wie vor prekär.

Sarah steht also mit 21 vor der Frage: Wenn die Therapeut*innen einen Behandlungsschein von vornherein ausschließen, was dann? Schließlich erfährt sie über Bekannte von einem Arzt, der Testosteron auch ohne medizinische Indikation verschreibt.

"Dann bin ich auch recht schnell zu diesem Arzt gegangen. Es war ein Gynäkologe, und dort habe ich Testosteron verschrieben gekriegt. Ich weiß gar nicht, ob ich dafür überhaupt irgendwas unterschrieben habe, wegen Risiken oder so was. Davor wurde auf jeden Fall ein Bluttest gemacht, und ich habe das Testosteron nicht direkt gekriegt, sondern es wurde erst einmal ein Blutbild gemacht."

Sarah nimmt die Hormone, spürt, wie sich ihr Körper verändert und die Stimme tiefer wird. Über mögliche Nebenwirkungen wird sie von ihrem Arzt nicht aufgeklärt. Aber auch einen Therapieplatz findet sie nicht, der ihr erlauben würde, von Spezialist*innen behandelt zu werden.

Ganz ähnlich läuft es zwei Jahre später, als Sarah eine Mastektomie vornehmen lassen will. Die Entfernung ihrer weiblichen Brust ist für die damals 23-Jährige der nächste Schritt. Auf diesem Weg fühlt sie sich von ihrer Selbsthilfegruppe bestärkt.

"Ich habe zwei Jahre lang Testosteron genommen und war eben der Meinung, dass noch eine Mastektomie ganz sinnvoll wäre, weil mir die ganze Zeit erzählt wurde, dass es besser ist, wenn man eine Mastektomie hat, weil man dann ein besseres Passing hat."

Operation ohne informierte Zustimmung

Passing, das heißt in Sarahs Fall, in der Öffentlichkeit als Mann wahrgenommen zu werden. Für einen Teil der Transmenschen ist das ein wichtiges Kriterium für eine erfolgreiche Transition. Doch wie eine Klinik finden, die ohne psychotherapeutische Diagnose operiert?

"Irgendwann war ich so genervt, dass ich mir gedacht habe, ich bezahle jetzt die Mastektomie einfach. Und dann war ich deutschlandweit auf der Suche: Wo kann ich denn Mastektomie bekommen? Und welche Operateure machen es überhaupt, wenn man selbst bezahlt und nicht diese vorgeschriebenen Fristen von den Krankenkassen und keine Krankenkassenzusage hat?"
 
Sarah findet schließlich eine Klinik bei Hamburg, in der sie operiert wird, ohne Vorgespräch über die Operationsmethode, ohne Aufklärung über die Risiken einer Operation.

"Per Post habe ich einen Zettel gekriegt, ich hätte ein Vorberatungsgespräch gehabt. Was aber gar nicht gestimmt hat. Ich war davor nie in diesem Krankenhaus."

Eine fachkundige Gesundheitsversorgung ist nur wenigen Betroffenen zugänglich – das gilt für Detransitionierer*innen wie für Transmenschen. Oft wirkt es in dieser Debatte so, als gäbe es nur zwei Extrempositionen: Transmenschen, die unbedingt alle Behandlungen so schnell es geht durchführen lassen wollen, und Detransitionierer*innen, die alle Eingriffe zutiefst bereuen.

Tatsächlich aber ähneln sich die medizinischen Bedürfnisse aller Betroffenen – an erster Stelle der Wunsch nach psychotherapeutischer Unterstützung bei Fragen wie: Welches Verhältnis habe ich zu meinem biologischen Geschlecht? Wie gehe ich mit psychischen Problemen um, die wegen oder neben meiner Geschlechtsdysphorie bestehen? In welcher Rolle möchte ich künftig leben? Dazu kommt die ärztliche Begleitung vor, während und nach Hormontherapien und Operationen.

Dass Sarah vor der Operation keine umfangreiche Aufklärung erhalten hat, verletzt zudem die Empfehlungen der World Professional Association for Transgender Health (WPATH). Dort heißt es: "Diese Diskussionen sind der Kern des Prozesses der informierten Zustimmung, die sowohl eine ethische als auch rechtliche Voraussetzung jeglicher chirurgischen Intervention darstellt."

Kaum Aufklärung über Risiken

Wie alle Operationen bergen auch geschlechtsangleichende Eingriffe Risiken. Bei feminisierenden Genitaloperationen wird beispielsweise der Harntrakt verkürzt. Häufige Blasenentzündungen und sogar eine Beeinträchtigung der Blasenfunktion können die Folge sein. Und auch über die Nebenwirkungen einer Hormontherapie muss vor Beginn Klarheit herrschen, sagt Annette Richter-Unruh.

"Man muss auch sagen, dass die Hormone negative Auswirkungen auf den Körper haben. Sie müssen ja dann auch Ultraschalluntersuchung mal machen, von der Leber, die Blutwerte kontrollieren, gucken, unter dem Testosteron, dass das Blut nicht zu dick wird. Wenn man seinem Körper Hormone gibt, die er eigentlich nicht selber produziert, ist es natürlich schon schön, wenn man das auch kontrolliert, dass es keine Folgeerkrankungen gibt."
 
"Ich habe eine vaginale Atrophie, Scheidenatrophie entwickelt. Es ist quasi wie eine Frau in den Wechseljahren, wenn das Gewebe immer dünner und zerbrechlicher wird", erzählt Laura. "Und später, nachdem ich schon kein Testosteron mehr genommen habe, bin ich dann mit einer Blasensenkung diagnostiziert. Mein Beckenboden ist quasi kaputt. Und ich bin mir sicher, und auch meine Frauenärztin hat gesagt, dass die Hauptursache diese Testosteronbehandlung war."

Laura hat mit 18 Jahren eine maskulinisierende Hormontherapie begonnen. Auch nach ihrer Detransition stellt sie an sich selbst massive Nebenwirkungen fest. Die 37-Jährige, die in den USA aufgewachsen ist und seit einigen Jahren in Österreich lebt, leidet unter den körperlichen Folgen, fühlt sich von ihren Ärzt*innen schlecht aufgeklärt.

Zweimal lässt sie sich an der Brust operieren, beide Male bleiben Schmerzen und tiefe Narben. Doch erst, als sie einige Zeit später das Testosteron absetzt, stellt sie fest: Ihre größte Sorge sind nicht die Schmerzen.

"Jetzt, im Rückblick, kann ich nur glücklich sein, dass ich nicht früher anfangen durfte. Wenn ich früher angefangen hätte, wäre ich wahrscheinlich ungewollt kinderlos, weil: Wenn ich eine Behandlung früher anfangen hätte, dann hätte ich wahrscheinlich meine Fruchtbarkeit verloren."

Wenig Wissen über Nebenwirkungen

Tatsächlich kann eine gegengeschlechtliche Hormonbehandlung die Fruchtbarkeit, nicht nur bei biologischen Frauen, beeinträchtigen. Das Ausmaß allerdings, schreibt die World Professional Association for Transgender Health, sei bislang unbekannt. Aus Sicht von Annette Richter-Unruh besteht keine grundsätzliche Gefahr.

"Die Eierstöcke werden nicht arbeiten, weil die nicht stimuliert werden, weil sie keine Botenstoffe für die Eierstöcke haben. Wenn sie das alles absetzen, würde ich mal davon ausgehen, wenn sie jetzt nicht gerade über 40 sind, dass die Eierstockfunktion normal wieder in Gang kommt. Also eine Testosteronbehandlung, jetzt sage ich mal über fünf oder acht Jahre, wird die Eierstöcke nicht zerstören."

Dennoch rät die WPATH dringend dazu, vor Beginn einer Behandlung den eigenen Kinderwunsch zu klären und für den Fall der Fälle Samen- oder Eizellen einfrieren zu lassen.

Im Zweifel allein

Bei Sarah zeigt sich, welche Auswirkungen es haben kann, wenn Aufklärung und Begleitung fehlen. Silvester 2016 wacht sie nach ihrer Brust-OP auf – mit heftigen Schmerzen und großen Zweifeln an ihrer Entscheidung.

"Ich hab halt direkt nach der Operation gemerkt, das war das komplett Falsche für mich. Das war halt so ein Nervenschmerz. Ich glaube, dass da so ein bisschen größerer Nerv durchtrennt wurde."
 
Mit diesen Schmerzen hatte Sarah nicht gerechnet. Von anderen Transmännern weiß sie, dass sich bei vielen direkt nach der Mastektomie ein Gefühl großer Erleichterung einstellt, das etwa ein halbes Jahr anhält.

"Und dass es dann eben erst abflaut, dass man sich dann Sorgen macht und so weiter. Bei mir war das tatsächlich direkt nach der Operation, weil ich einfach starke Schmerzen hatte. Und dann hab ich halt irgendwie in der Nacht auch noch so herumgezappelt, dass ich noch eine Nachblutung hatte. Die musste dann auch noch einmal operativ behandelt werden."

Die Schmerzen hat Sarah auch heute noch, fünf Jahre nach der Operation. Die Klinik, in der sie operiert wurde, fühlt sich für die Nachsorge nicht zuständig und verweist Sarah an ihren Hausarzt. Enttäuscht ist sie aber auch von der Reaktion ihres Umfelds.

Ich bin eben dann zu diesem Transmänner-Stammtisch hingegangen, habe dann die ganze Zeit von den Schmerzen erzählt. Und dann sind plötzlich Leute hervorgekommen und meinten, sie haben auch Dauerschmerzen, die davor nie davon erzählt haben. Und das fand ich irgendwie brenzlig. Mich hat es einfach gewundert, dass die davor nicht davon gesprochen haben. Da hatte ich dann einfach irgendwie die Sympathie für die Leute verloren, so ungefähr.

Ein Umzug bringt neue Perspektiven

Für Sarah ändert sich nach der Operation viel. Zum einen muss sie lernen, mit den Schmerzen umzugehen. Aber sie holt auch ihr Fachabitur nach und beginnt ein Studium als Elektrotechnikerin.

"Nach dem Fachabitur, für das Studium habe ich die Stadt gewechselt und bin aus Berlin in ein kleines Dorf gezogen. Dadurch hatte ich natürlich komplett andere Leute kennengelernt und war aus meiner Trans-Blase draußen."

Der Umzug bringt für die damals 25-Jährige große Veränderungen. Schritt für Schritt verabschiedet sie sich von ihrer männlichen Identität, auch wenn sie juristisch immer noch als Mann registriert ist.

"Ich hab neue Leute kennengelernt, und ich habe immer das Gefühl gehabt, die Leute kennen mich gar nicht, und ich lüge diese Leute an, weil ich mich ja gar nicht richtig vorstelle, sozusagen. Und gleichzeitig… Also durch Testosteron sind die Gefühle sehr stark gedämpft. Und in der Großstadt ist mir das nicht so sehr aufgefallen, weil man da natürlich immer super Input hat. Und auf dem Dorf ist mir das extremst aufgefallen, und deshalb war ich der Meinung, ich muss jetzt mal Testosteron absetzen."

Sowohl Sarah als auch Laura sind aufgrund ihrer Erfahrungen skeptisch gegenüber einer medizinischen Transition. Beide hatten das Gefühl, keinen anderen Weg aufgezeigt zu bekommen – und sie befürchten, dass es vielen anderen ähnlich geht.

Laura beschäftigt dabei besonders der Zusammenhang von Transitionswunsch und anderen Diagnosen: Wie bei einigen Detransitionierer*innen wurde bei ihr eine Variante des Autismus festgestellt. Ob und wie die beiden Diagnosen tatsächlich gekoppelt sind, ist unklar. Laura ist aber überzeugt, dass ihr Asperger-Syndrom Einfluss auf ihre Transitionsentscheidung hatte.

"Ich war schon mit ADHS diagnostiziert, später kam auch eine Asperger-Autismus-Diagnose dazu. Zu denken, dass alle meine Probleme von meinem Geschlecht abhängen würden, war schon sehr unrealistisch. Aber ich hatte diese große Hoffnung, dass das die Lösung für alle meine Probleme sein könnte."

Berechtigte Skepsis in der Trans-Community

Sie war es nicht. Sarah und Laura erfahren erst spät, dass auch andere Menschen ähnliche Geschichten haben. Schon Vorbilder für ein gelingendes, gutes Leben als Trans-Person sind selten. Für Detransitionierer*innen sind solche öffentlichen Identifikationsfiguren praktisch gar nicht vorhanden.

"Es gab damals keinen Begriff von Detransition. Das war 2006. Ich war damals seit fünf Jahren auf Testosteron. Ich habe einfach aufgehört."
 
Weder Laura noch Sarah wussten, welche Folgen ein abruptes Ende der Hormontherapie hat. Ähnlich wie Transmenschen sind sie darauf angewiesen, dass auch ihre Hausärzt*innen über mögliche gesundheitliche Folgeerscheinungen Bescheid wissen. Doch, dass es Detransitionierer*innen überhaupt gibt, ist vielen unbekannt.

Therapiebedarf gibt es möglicherweise weiterhin, sagt Grace Branham. Sie setzt sich bei der amerikanischen Nichtregierungsorganisation GCCAN für Patient*innenrechte von Trans- und Detransmenschen ein.

"Gar nicht so wenige Detransitionierer*innen, mit denen ich gesprochen habe, sagen, dass sie nach wie vor an einer Geschlechtsdysphorie leiden, auch nach der Detransition."

Nicht zuletzt werden Detransitionierer*innen teilweise auch von der Trans-Community mit Argwohn betrachtet. Bei allem Verständnis für die individuellen Entscheidungen, die zu einer Detransition führen, kann Julia Monro diese Skepsis nachvollziehen.

"Das ist schon ein sehr schwieriges Thema. Das ist ja fast ein rotes Tuch, weil das denjenigen, die es brauchen, natürlich auch im Weg steht. Das hat einen Effekt auf die Krankenkassen, die dann sagen: Oh, jetzt müssen wir aber die eingereichten Anträge erst einmal alle ablehnen oder so."

Streit um Zugang zu Transitionen vor der Pubertät

Die Sorge, dass Fälle von Detransitionen dazu benutzt werden, den Zugang zu Transitionen abzulehnen oder zu erschweren, ist nicht unbegründet. Das zeigt ein Fall in Großbritannien. Ab dem Alter von 16 Jahren wurde Keira Bell wegen einer Geschlechtsidentitätsstörung in der Tavistock-Klinik in London behandelt. Bell bereute ihre Transition später und klagte als mittlerweile 23-Jährige gegen die Klinik.

Im Dezember 2020 verbot ein Gericht schließlich die Behandlung mit Pubertätsblockern für unter 16-Jährige – Begründung: Die Jugendlichen besäßen erst dann die nötige Reife für eine solche Entscheidung. Annette Richter-Unruh ist überzeugt: Das Urteil bringt keine Verbesserung für Minderjährige.

"Grundsätzlich braucht man natürlich auch immer Mut zu sagen: Wir behandeln jetzt die Jugendlichen, weil es nicht vertretbar ist, dass wir den Leidensdruck lassen, bis die 18 sind. Ich glaube, dass man sich dieser Jugendlichen annehmen muss und dass es keine klaren Altersregeln gibt – dass man sagt, nur dann, wenn man 18 ist oder nur dann, wenn man 16 ist. Sondern, dass man das ganz individuell entscheiden muss."

Die Frage, ob bereits Jugendliche mit Pubertätsblockern und Hormontherapie behandelt werden dürfen, wird nach wie vor besonders kontrovers diskutiert. Können Minderjährige diese Entscheidung für ihr weiteres Leben tatsächlich noch nicht fällen, wie das Gericht im Bell-Fall attestierte? Streben viele von ihnen dann später tatsächlich eine Detransition an? Oder nicht?

Gerade bei dieser Frage besteht die Gefahr, Detransitionierer*innen als Argument gegen jegliche Behandlung ins Feld zu führen. Annette Richter-Unruh sagt: Jugendliche können eine für sie stimmige Entscheidung treffen – wenn es eine ausführliche medizinische und therapeutische Begleitung gibt.

"Dann muss man zum einen gucken: Ist wirklich keine übergeordnete Erkrankung da? Dann muss man das gemeinsam mit dem Psychotherapeuten, mit dem Kinder- und Jugendpsychiater, mit den Eltern besprechen, wie wir es machen. Das ist ganz individuell. Es ist wirklich sehr komplex. Das Wichtigste ist natürlich, dass es eine klare Diagnostik gibt."

Kaum Forschung über Langzeitwirkung von Pubertätsblockern

Umstritten sind auch die Langzeitwirkungen von Hormonen und Pubertätsblockern. Der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Alexander Korte plädiert gegen eine Behandlung vor Abschluss der Pubertät. Davor, so Korte, sei keine eindeutige Diagnose über den Verlauf einer Geschlechtsdysphorie möglich. Pubertätsblocker, also ein bewusst herbeigeführtes Aussetzen der pubertären Entwicklung, seien nicht genügend erforscht.

Aus Sicht von Annette Richter-Unruh dagegen gibt es mittlerweile genügend Daten, die einen vorsichtigen und begründeten Einsatz von Pubertätsblockern und Hormonen rechtfertigen.

"Es gibt ja auch in Deutschland verschiedene Lager, die sagen, wenn man Pubertätsblocker gibt, wird das Gehirn in eine neutrale Stellung gesetzt – und kann dann sozusagen die körpereigene Pubertät gar nicht weiterentwickeln und weiterdenken. Ich glaube nicht, dass es so viel ausmacht. Ich würde denken, dass die Pubertätsblocker nicht den Einfluss haben. Aber das ist meine persönliche Einschätzung und Erfahrung."

Diese Unsicherheiten dürfen aber nicht eine Behandlung derjenigen verhindern, die sie tatsächlich brauchen, fordert Julia Monro. Wer bereits im Kindesalter unter seinem biologischen Geschlecht leidet und anhaltend den Wunsch äußert, im anderen Geschlecht leben zu wollen, dem müsse auch eine Hormonbehandlung im Jugendalter ermöglicht werden.

Für Sarah zeigt der Fall von Keira Bell, dass zu frühe Eingriffe zu massiven Problemen führen können. Aber auch sie wünscht sich kein generelles Verbot von geschlechtsangleichenden Behandlungen, sondern vor allem: mehr Forschung zu den Gründen für Transitionsentscheidungen bei jungen Menschen und – bessere Ärzt*innen.

"Ich glaube, wenn es so ein Zentrum gibt, dass speziell für Trans-Behandlungen ausgebildet ist, dass dann die Behandlung auf jeden Fall besser wird."

Und Sarah ist überzeugt: Ärzt*innen müssten auch Geschlechterbilder jenseits des binären Mann-Frau-Schemas kennen, um gute Behandlungen anbieten zu können:

"Ich glaube aber auch, dass viele Leute so etwas wie Gender-Nonconforming nicht auf dem Schirm haben, also wenn Leute einfach gender-nonkonform auftreten. Und dass dadurch dieser Druck entstehen kann, dass man sich anpasst, also sehr, sehr weiblich oder sehr, sehr männlich."

Trans- und Detrans-Personen werden politisch instrumentalisiert

Bei allen offenen Fragen zu Hormontherapien und psychiatrischen Diagnosen: Die Debatte um Detransitionierer*innen und ihre Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem war noch nie eine rein medizinische Diskussion. Beispiele von Detransitionierer*innen, vor allem Jugendliche wie Keira Bell, werden auch benutzt, um die Forderungen nach Anerkennung von Transmenschen grundsätzlich infrage zu stellen. So wie in einer Fernsehdokumentation des russischen Staatssenders Russia Today.

"Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Ich wurde als Mann geboren und begann mit 19 Jahren, als Frau zu leben. Mit 30 hatte ich eine Geschlechtsumwandlung."

Über bedrohlicher Musik und Bibelzitaten berichten hier US-amerikanische Detransitionierer*innen von traumatischen Kindheitserfahrungen, sexueller Belästigung und Suizidgedanken.

"28 Jahre habe ich jetzt als Frau gelebt und bereue es zutiefst. Niemand kann sein Geschlecht wechseln! Das ist unmöglich."

Andere Stimmen, die von medizinischen Einschätzungen oder auch einem gelungenen Leben als Trans-Person berichten könnten, tauchen nicht auf.

"Ich bezeichne das als typischen Populismus. Da werden ein Fall oder wenige Fälle instrumentalisiert, um daraus ein Riesenproblem zu konstruieren. Das Thema wird immer wieder instrumentalisiert, um damit Stimmung zu machen und es als Gefahr für Kinder und Jugendliche darzustellen."

Recht auf umfassende medizinische Versorgung

Wie vertretbar die Risiken und Nebenwirkungen sind, wie gut es sich mit – auch im Fall einer Detransition dauerhaften – körperlichen Veränderungen leben lässt – das müssen die Betroffenen jeweils für sich klären. Allerdings können sie das nur, wenn sie zuvor umfassend aufgeklärt werden. Und wenn sie sich darauf verlassen können, auch langfristig medizinisch versorgt zu werden. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, sagt Grace Branham.

"Wir alle, egal ob trans oder detrans, bekommen nicht die medizinische Versorgung, die wir brauchen. Und ich glaube, das ist unser wichtigstes Ziel: Die Versorgung so sicherzustellen, dass wir davon profitieren."

Grace Branham ist selber detrans. Ihre NGO – in der gleichermaßen Trans- wie Detransmenschen engagiert sind – kämpft unter anderem mit einer Bill of Rights für eine bessere Gesundheitsversorgung, die den gemeinsamen Bedürfnissen gerecht wird.

"Wir haben das Recht auf eine hochwertige und unvoreingenommene Forschung und auf eine ebensolche lebenslange medizinische Begleitung. Für alle, die sie brauchen."

Verbote helfen nicht

Doch selbst, wenn es das perfekte Gesundheitssystem mit genügend gut ausgebildeten, fachkundigen Therapeut*innen und Ärzt*innen gäbe: Nach allem, was man weiß, würden wohl weiterhin Menschen eine Transition abbrechen oder rückgängig machen wollen – also vielleicht im Rückblick sagen, dass sie eine Fehlentscheidung getroffen haben. Gesetze, die Transitionen erschweren oder gar völlig unmöglich machen, führen dabei nicht weiter, sagt Grace Branham.

"Ich glaube nicht, dass Verbote irgendjemandem helfen. Ich glaube, weniger Leute würden Fehlentscheidungen treffen, wenn die Gesundheitsversorgung ganzheitlicher wäre. Und wenn sie so wäre, wie wir uns das vorstellen, können Menschen auch mit Fehlentscheidungen viel besser umgehen. Aber ich würde niemals jemandem verbieten wollen, die Entscheidungen über den eigenen Körper selbst zu treffen. Körperliche Autonomie steht immer an erster Stelle."

Ein Recht auf Fehlentscheidungen

Fehler müssen möglich sein, sagt Julia Monro von der Deutschen Gesellschaft für trans und inter.

"Jeder Mensch darf auch Fehler machen. Das gehört ja meiner Meinung nach zu einem Entwicklungsprozess dazu. Ich weiß nicht, ob ich in zehn Jahren immer noch die gleiche Meinung habe wie heute. Vielleicht sage ich dann auch: Jetzt lebe ich halt wieder irgendwie als – ja, männlich, weiblich, androgynes Wesen. Das kann ich heute nicht sagen. Ich denke, dass wir uns auch Fehler eingestehen müssen oder das tun dürfen, ohne das immer zu problematisieren."
 
Und Sarah? Die mittlerweile 27-Jährige hat sich mit ihrem Geschlecht angefreundet. Nicht zuletzt, sagt sie, weil die zweite Welle der Frauenbewegung einen so weiten Begriff vom Frausein formuliert hat. Darin findet sie sich wieder.

"Man kann also anziehen, was man möchte. Man kann auftreten, wie man möchte. Man bleibt nach wie vor eine Frau, und mir hat einfach diese Grundidee auf jeden Fall sehr, sehr weitergeholfen.
 
Das sei gemeint, sagt Julia Monro, wenn sie und ihre Mitstreiter*innen von Selbstbestimmung reden. 

"Wir sagen, wir möchten selbstbestimmt leben, ohne von irgendwelchen Geschlechterklischees beeinflusst zu werden."
 
Sarah bereut ihre Entscheidungen heute nicht mehr.

"Aber ich denke mir halt, dass sich während der Zeit auf jeden Fall sinnvollere Sachen hätte machen können, wenn mehr Alternativen aufgezeigt worden wären."

SprecherInnen: Monika Oschek und Max Urlacher
Ton: Martin Eichberg
Regie: Beatrix Ackers
Redaktion: Jana Wuttke und Lydia Heller

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