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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.04.2011

Detektiv-Blick ins Innere

Ausstellung "Zwillingsbilder" in der Berliner Charité

Von Frank Kaspar

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Unter dem Röntgenblick entpuppen sich manche Kunstwerke als Geheimnisträger. (Stock.XCHNG / Adam Ciesielski)
Unter dem Röntgenblick entpuppen sich manche Kunstwerke als Geheimnisträger. (Stock.XCHNG / Adam Ciesielski)

Röntgenbilder von Kunstwerken werden im Medizinhistorischen Museum der Berliner Uniklinik Charité ausgestellt. Sie treten in einen ungewöhnlichen Dialog mit den Zeugnissen der Heilkunst, die dort eigentlich zu bestaunen sind.

Es fühlt sich an, als wäre man selbst gerade untersucht worden. Nach dem Röntgen, bitte noch einen Augenblick Geduld! – Dann kommen die Bilder: schimmernd, schwarz und geheimnisvoll, bis jemand Licht in die Sache bringt.

Uta Kornmeier: "Man ist vielleicht auch ein bisschen nervös, was denn da jetzt auf diesem Bild zu sehen ist, und dann kommt der Arzt und knallt das da auf diesen Röntgen-Kasten drauf, dann springt vielleicht so mit einem leichten 'Ping' die Leuchtröhre an, und auf einmal sieht man sein Inneres."

Der Blick ins Innere: ein Moment der Wahrheit – selbst wenn es nicht direkt um den eigenen Körper geht. Im Medizinhistorischen Museum der Berliner Uniklinik Charité sind neben den Modellen kerngesunder Kehlköpfe, Herzen und Hirnhälften, präparierte Staublungen und Nierensteine, Hüft- und Kieferprothesen zu sehen.

In einen ungewöhnlichen Dialog mit diesen Zeugnissen der Heilkunst treten jetzt Röntgenbilder von Kunstwerken. "Zwillingsbilder" heißt eine Ausstellung, die auf medizinischen Leuchtkästen zwischen den Vitrinen achtzehn Röntgenfotografien von Skulpturen präsentiert.

Die Blicke unter die Haut von Engeln und Heiligen, von Sagengestalten oder Muskelmännern laden zu diagnostischer, detektivischer und ästhetischer Betrachtung ein, sagt die Kuratorin Uta Kornmeier vom Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung:

"In welchem Zustand ist überhaupt das Kunstwerk? Wie stabil ist es? Gibt es Hohlräume, gibt es Schwachstellen? Muss man jetzt irgendwo intervenieren? Muss man besonders vorsichtig sein irgendwo? Man kann aber dann auch einen forensischen Zugang darauf haben und sagen: okay, der Tatbestand ist jetzt kein Mord, sondern ein Kunstwerk. Anhand der Hinweise und der Spuren kann man herleiten, wie denn wohl der Künstler vorgegangen ist, um diese Skulptur herzustellen."

Über die Zeiten hinweg eröffnen die Röntgenbilder Einblicke in die Künstlerwerkstatt. Uta Kornmeier hält eine Fotografie gegen das Licht. Sie zeigt die Bronze-Figur "Theseus und Antiope" von Adriaen de Vries, entstanden um 1600.

"Man sieht hier sehr schön, wie der Künstler diese beiden Figuren aufgebaut hat. Wir sehen eine männliche Gestalt, die hier eine weibliche Figur auf ihren Armen hoch hebt. Und man sieht also hier, im Bauch von Antiope, da sind so verschiedene Metall-Stücken, so Draht-Enden zusammen geknüpft worden, und dann sieht man, dass hier das rechte Metallstück, das geht hier so durch, durch ihren Unterleib, und dann geht es in die männliche Figur hinein."

Das Innenleben verrät, dass der Künstler dieses Figurenpaar von vornherein als Ganzes geplant und aufgebaut hat, während für eine andere Bronze-Gruppe aus dem 19. Jahrhundert offensichtlich sogar die Köpfe einzeln gegossen und nachträglich angebracht wurden. Wie Korken sieht man sie auf den Körpern sitzen.

Unter dem Röntgenblick entpuppen sich manche Kunstwerke als Geheimnisträger: In der japanischen Holzfigur eines Mönchs aus dem 14. Jahrhundert ist eine Schriftrolle mit einem heiligen Text verborgen.

Aus den Staatlichen Museen zu Berlin und aus amerikanischen Museen in Boston und Cambridge, Los Angeles und Malibu stammen die Fotografien, die ursprünglich gemacht wurden, um die Zuschreibung und den restauratorischen Zustand der Kunstwerke zu überprüfen.

Der Kunst- und Kulturhistorikerin Uta Kornmeier geht es vor allem um das ästhetische Eigenleben, das die Bilder ohne jede Absicht entfalten. Dem äußeren Kunstwerk stellt sie einen "inneren Zwilling" mit eigener Ausdruckskraft gegenüber:

"Man sieht eben, sie sind eigentlich fast auch wie Menschen: Man sieht eine Oberfläche, und innen drin steckt ein Skelett, und manchmal sieht es auch so aus, als hätten sie ein Herz, weil sich da gerade natürlich in der Brust besonders viele Metallstreben kreuzen."


Dass Kunstwerke mit Röntgenstrahlen auf Herz und Nieren geprüft werden, gehört seit den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts zum Handwerkszeug der Kunstwissenschaft – trotz der Skepsis von Autoritäten alter Schule wie dem Kunsthistoriker und Museumsmann Wilhelm von Bode, der die neue Technik noch 1921 als "Mumpitz" bezeichnet hat. Mittlerweile ist die Röntgenfotografie selbst auf bestem Wege, museal zu werden. Die Medizin hat weitgehend auf digitale Verfahren umgestellt.

Uta Kornmeiers "Zwillingsbilder" dokumentieren auch ein Stück Technikgeschichte:

"Die Röntgenbilder haben eine ganz wunderbare Tiefe, sie haben ganz, ganz feine Schattierungen, und das geht natürlich alles jetzt verloren. Und ich würde gerne jetzt noch als Letztes das noch einmal einfangen, bevor jetzt nun wirklich alle Röntgenapparate digital werden."

Service:
Die Ausstellung Zwillingsbilder - Röntgenfotografien von Skulpturen ist noch bis zum 5. Juni 2011 im im Mim Medizinhistorischen Museum der Berliner Uniklinik Charité zu sehen.

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