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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.11.2009

Des Mentors Jünger

Ulrich Raulff: "Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben", Verlag C. H. Beck, München 2009, 544 Seiten

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Der Dichter Stefan George aus Bingen.
Der Dichter Stefan George aus Bingen.

Stefan George, 1868 – 1933, ist ein Dichter, dessen Name sich heute eher raunt, als dass man seine Gedichte wirklich kennt. Er stand für eine exklusive und elitäre Kunstauffassung, eine "Aristokratie des Geistes". Gerade wegen dieses Gedankens des Auserwähltseins konnten ihn die Nationalsozialisten für sich vereinnahmen.

Stefan George ist heute Literaturgeschichte, ein Dichter der zweiten Reihe, der vor allem noch von Germanisten gelesen wird. So steht man etwas ratlos vor der ungeheuren Wirkung dieses Autors. Sie ist im 20. Jahrhundert einzigartig, weil sie weit über alles Literarische hinausgeht. Der Charismatiker wurde zum Mittelpunkt einer weitverzweigten Geheimgesellschaft.

Der "Meister" ist die "message" – aber was passiert, wenn ein solch elitäres "Syndikat der Seelen" (Borchardt) plötzlich sein Gravitationszentrum verliert, wenn die kultisch verehrte Persönlichkeit unversehens stirbt und kein Nachfolger installiert wurde? Es spricht offenbar doch für George, dass sein "Kreis" sich nicht jäh wie Spuk und fauler Zauber auflöst, sondern erst in einer jahrzehntelangen Geschichte des Zerfalls – einem "Meisterwerk der Dekomposition", das in Raulffs Buch zu besichtigen ist.

Erzählt wird eine Apostelgeschichte, beginnend mit teils skurrilen Episoden rund um das Begräbnis des Meisters im Jahr 1933. Raulff schildert die leisen, aber erbitterten Kämpfe um die Deutungshoheit, die neuen Frontbildungen und Allianzen, die Herausbildung diverser Kreis-Kolonien im Exil, die Prozesse der Hybridisierung, denen die Ideen allmählich ausgesetzt wurden.

Ungeachtet des Titels ist der "Meister" dabei immer sehr präsent. Nicht ohne Süffisanz wird er als Guru einer teils faszinierenden, teils verschrobenen Sekte entmythisiert. Raulff beschreibt die Strategien seiner priesterlichen Auftritte, die Effekte seiner gegenwartsverachtenden, geheimbündlerischen Poesie und die raffinierte Konstruktion eines Arkanums, das den Kreis zusammenschmiedet und zugleich von wabernder Undeutlichkeit bleibt. Beeindruckend werden in den ersten Kapiteln die letzten Jahre Georges mit seinem fatalen Schweigen vor den Nationalsozialisten und den sich abzeichnenden Bruchlinien im "Kreis" gezeichnet. Politik war um 1930 unvermeidlich geworden; vor allem zwischen jüdischen und nationalsozialistischen "Georginen" taten sich Gräben auf.

In den Nürnberger Prozessen standen sich dann auf Seiten der Kläger wie der Angeklagten Zugehörige des Kreises gegenüber. Es gab gegenseitige Reinwaschungen, aber auch unmissverständliche Abrechnungen, etwa vom Mediävisten Ernst Kantorowicz, der schon in der amerikanischen Emigration Offiziere der US-Army über die geistigen Voraussetzungen des Hitler-Staates unterrichtet hatte, unter besonderer Berücksichtigung des George-Kreises und seines raunenden Führerkultes.

Zu den Heroen des Kreises gehört Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Der 20. Juli 1944 war ein Schlüsseldatum für die George-Rezeption, mit dem der Dichter reingewaschen werden sollte von der Verstrickung in die Vorgeschichte des Nationalsozialismus. "Es lebe das geheime Deutschland" – diese vermeintlich letzten Worte Stauffenbergs vor dem Erschießungskommando, die sich auf die im George-Kreis entwickelte platonische Staats-Utopie beziehen, galten als Erfüllung der politischen Sendung des Dichters. Raulff beschreibt, wie das Attentat im Kreis zum "Geschichtszeichen" mythisiert wurde.

Am weitesten reichte der Einfluss unter den Pädagogen. Im deutschen Bildungsdiskurs, bis heute ein "Bildungsreformdiskurs", haben die sendungsbewussten Schüler und Verehrer des Meisters – Georg Picht und Hellmut Becker an erster Stelle – über ihre Netzwerke große Wirkung entfaltet. Raulff spricht von einer "protestantischen Mafia", die mit dem an George geschulten "Kassandra-Sound" eine Bildungskatastrophe nach der anderen an die Wand malte und mittels Reformpädagogik die Bundesrepublik in eine Art "Landschulheim" verwandeln wollte.

Zum Lesegenuss wird das Buch durch einen Stil von lässiger Brillanz, geschmeidig, klug, mit vielen treffenden Formulierungen und eleganten Pointen. Ein wenig bekanntes, aber zentrales Kapitel deutscher Geistes- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts wird außerordentlich fundiert und zugleich angenehm unakademisch vermittelt.

Zum Autor:

Ulrich Raulff, 1950 geboren im Sauerland, ist Kulturwissenschaftler und Historiker. Heute arbeitet er als Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach und ist Mitherausgeber der "Zeitschrift für Ideengeschichte". Zuvor war er Feuilletonchef der FAZ und Leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Er hat Bücher über Aby Warburg und Marc Bloch geschrieben und Werke von Foucault übersetzt."

Besprochen von Wolfgang Schneider

Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben
Verlag C. H. Beck, München 2009
544 Seiten, 29,90 Euro

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