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Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 16.12.2005

Der zweifelhafte Siegeszug der Emanzipation

Susanne Gaschke: "Die Emanzipationsfalle - erfolgreich, einsam, kinderlos"

Rezensiert von Arnulf Baring

Frauenbewegte Zeiten in den 70ern: Demonstration gegen das Urteil des BVG zum § 218 am 25.2. 1975 (AP)
Frauenbewegte Zeiten in den 70ern: Demonstration gegen das Urteil des BVG zum § 218 am 25.2. 1975 (AP)

Susanne Gaschke analysiert in ihrem Buch "Die Emanzipationsfalle" die Erfolge der Frauenbewegung. Drei markante Auswirkungen macht die Autorin fest: Die Frauenbewegung hat sich angesichts des Erfolgs faktisch aufgelöst, die Chancengleichheit ist nahezu hergestellt und die Frauen haben sich die "Kontrolle über die Reproduktionsmittel" angeeignet - das allerdings mit dem Ergebnis, dass sich die Geburtenrate in den vergangenen 40 Jahren fast halbiert hat.

"Wenn ich gezwungen würde, mich auf ein einziges Charakteristikum festzulegen, das typisch für Frauenbücher ist, dann würde ich höflich sagen: Kritik. Eigentlich aber: Klage, Anklage, Beschreibung von Unterdrückung und eigener Hilflosigkeit. Oder Unzufriedenheit, Kummer. "

Mit diesen Sätzen beginnt Susanne Gaschke einen langen, glänzenden Essay, in dem sie die Frauenbewegung unserer Tage auf Fehleinschätzungen der Problemlage aufmerksam macht.

"Ich sehe eher ein Problem des Erfolges als ein Problem des Defizits. Ich glaube, dass die ursprünglichen Ziele der Frauenbewegung, so weit es nicht um das kulturell vermittelte Rollenbild geht, sondern um rechtliche Gleichstellung, um Bildungschancen für Frauen und um die Einhegung männlicher Gewalt, geradezu unheimlich gründlich durchgesetzt worden sind. Wir haben diesen Erfolg nur niemals wirklich bilanziert und gefeiert, sondern lieber weitergeklagt. "

Der bisher immer noch allzu wenig anerkannte Erfolg der Frauenbewegung habe drei markante Auswirkungen, meint Susanne Gaschke. Zum einen hat sich diese Bewegung faktisch selbst abgeschafft. Junge Frauen können unter Bildungs- und Chancengesichtspunkten beim besten Willen nicht mehr erkennen, wo sie denn immer noch benachteiligt sind. Zum anderen sind alle traditionellen Rollenbilder zusammengebrochen. Keine Hausfrau sagt heute noch mit gutem Gewissen, dass sie ebendies sei, nämlich nur Hausfrau. Drittens haben sich die Frauen, wie es im feministischen Lehrbuch steht, die "Kontrolle über die Reproduktionsmittel" angeeignet. Ein Drittel der 1965 Geborenen ist heute kinderlos und fast zwei Drittel der Akademikerinnen bis 35 Jahre haben noch keinen Nachwuchs. Die Zahl der Geburten in Deutschland hat sich tatsächlich in den letzten vierzig Jahren fast halbiert: von knapp 1,4 Millionen 1964 auf 700.000 im Jahr 2003.

"Was wir erleben, kann man ohne Vorbehalt als Gebärstreik bezeichnen... Dieser Streik hat keine Sprecherinnen, keinen Forderungskatalog, kein gemeinsames Ziel und keinen Adressaten – er besteht aus Millionen von Einzelentscheidungen. Aber er ist wirksam, bis hin zur Schließung von Schulen, zur Verödung ganzer Landstriche und Innenstädte, bis zum möglichen Zusammenbruch der umlagefinanzierten Renten-, Pflege- und Krankenversicherung, bis hin zur kinderlosen Greisengesellschaft. "

Viele versuchen eine Zwischenlösung, sind nur halbtags berufstätig, haben Kinder, denen man die Erfahrung einer vollberuflichen Mutter ersparen will: den ständigen Stress, das viele Alleinsein, die Hausarbeit neben den Schularbeiten. Wer sich allerdings heute ganz auf die Hausfrauenrolle beschränkt, nur Mutter sein möchte, gilt volkswirtschaftlich als Parasit. Frau Gaschke, die bekennt, eine unbeschwerte, komfortable Kindheit genossen zu haben, hält diese gegenwärtige Stimmungsmache gegen Hausfrauen für "extrem ungerecht".

"Allerdings war sowohl für mich wie für meine Schwester trotz des harmonischen Vorbilds klar: wir nicht! Wir werden selbstverständlich arbeiten, mit oder ohne Kind, mit oder ohne Mann, ganz egal, arbeiten! Erfolg haben! Uns durchsetzen!... Auf jeden Fall dürften wir, die heute fast Vierzigjährigen, die erste Frauengeneration sein, die vom emanzipatorischen Großtrend in vollem Umfang profitierte... Zu keiner Sekunde hatte ich das Gefühl, je als Frau benachteiligt zu sein, im Gegenteil. "

Die jungen Frauen fühlen sich souverän und selbst bestimmt, sehnen sich aber andererseits nach dem Aufgehen und Verschmelzen in einer Partnerschaft. Einerseits wollen sie sich im Beruf verwirklichen, andererseits dann aber auch Kinder bekommen und großziehen. Keine frühere Frauengeneration war so gut ausgebildet, so aufgeklärt und "befreit", und trotzdem sind viele junge Frauen nicht wirklich glücklich. Sie empfinden die Männer fachlich nicht mehr als Konkurrenz, von der irgendetwas zu befürchten wäre. Sie wollen auf keinen Fall Quoten oder gezielte Frauenförderungsmaßnahmen, die Bedürftigkeit suggerieren würden. Feminismus ist peinlich, Politik auch. Die ernsthaften Probleme, mit denen Frauen heute ringen, stammen aus den Lebensbereichen "Mann" und "Kinder". Wenn junge Frauen irgendwo zusammenkommen, miteinander sprechen, geht es nach wie vor immer, meint Frau Gaschke, um diese beiden Themen.

"Der Feminismus hat nicht erreicht, dass Frauen sich selbst genug sind: Einem Mann zu gefallen, einen Mann zu finden gehört nach wie vor zu den Lebenszielen, die im Zweifel ... sogar wichtiger genommen werden als der berufliche Erfolg, für den die Frauen heute ja auch nicht mehr so heftig kämpfen müssen wie vor fünfzig oder hundert Jahren. Und auch die Kinderfrage ist nicht verschwunden: egal ob wir uns für oder gegen ein Leben mit Kindern entscheiden, es bleibt eine Entscheidung, die wie keine andere unsere ganze Persönlichkeit und unser Leben prägt. Ich kann den Beruf wechseln, ich kann eine Ehe oder Partnerschaft wieder auflösen, aber ich kann kein Kind zurückgeben und ich kann irgendwann auch keine Kinder mehr bekommen... Ich glaube, dass die Möglichkeit der Mutterschaft den letzten großen und wirklich bedeutsamen Unterschied zwischen den Geschlechtern darstellt. "

Susanne Gaschke: "Die Emanzipationsfalle" (C.Bertelsmann Verlag)Susanne Gaschke: "Die Emanzipationsfalle" (C.Bertelsmann Verlag)Susanne Gaschke ist überzeugt, dass der entscheidende Schritt zum Erwachsensein nicht der Einstieg in einen Beruf, sondern die Verantwortung für ein Kind ist. Freilich haben sich nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer verändert. Eine relativ große Gruppe von ihnen schätzt ihre persönliche Freiheit mehr als die Verantwortung für eine Familie, möchte sich die Ernährerrolle keinesfalls aufzwingen lassen - kann man sich nicht von einer Partnerin jederzeit und ohne schlechtes Gewissen wieder trennen?

Im allgemeinen Bewusstsein bedeuten Elternschaft und Familiengründung das Ende der Jugend. Jugend aber gilt in unserer Gesellschaft als hohes Gut. Was sollte einen beruflich erfolgreichen Mann mit großem Freundeskreis daran hindern, sie möglichst lange auszudehnen, auszukosten? Zumal die Frauen sehr wählerisch geworden sind, einen Mann zwar brauchen, aber nur zu ihren Bedingungen haben wollen. Sie suchen einen fairen Partner - obwohl Frau Gaschke Zweifel hat, ob das wirklich stimmt.

"Suchen wir wirklich den partnerschaftlichen Typ Mann?... Ich glaube, wir hängen in anachronistischer Weise an einem "romantischen" Männerbild, an der Sehnsucht nach einer Liebe, die uns umwirft, überrollt, fortreißt und für deren Einfluss auf unser Schicksal wir nichts können. Diese Haltung aber steht im Widerspruch zu allem, worum wir uns sonst so eifrig bemühen, und sie zeitigt – siehe Scheidungszahlen, siehe Kindermangel – keine Ergebnisse, die uns und der Gesellschaft gefallen können. "

Frau Gaschke, intelligent und belesen, breitet die Widersprüchlichkeit der Wünsche und Ergebnisse heutiger Beziehungen zwischen Mann und Frau nachdenklich vor uns aus. Wir können uns, schreibt sie, insgesamt keine Gesellschaft wünschen, in der alle Beziehungen permanent verhandelbar sind. Unverbindlichkeit, Bindungslosigkeit sind eben nicht gut, nur weil sie häufig vorkommen. Susanne Gaschke wagt ein Lob der Normalität. Es gibt keinen Anlass, meint sie, aus der weit verbreiteten Beziehungsnot eine Mode zu machen, gibt keinen Grund, die vier Schröder-Ehen für schicker zu halten als Helmut Schmidts Traditionsbeziehung zu Loki. Und im Übrigen gilt:

"Was wir heute nicht an Zeit, Geld und Liebe in Kinder investieren, zahlen diese Ungeborenen uns später auch nicht als Rente zurück. So einfach ist das. "

Susanne Gaschke: Die Emanzipationsfalle - erfolgreich, einsam, kinderlos
C.Bertelsmann Verlag, München 2005

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