Der Zustand der westlichen Zivilisation

Von Rudolf Schmitz |
Die Fotos von Taryn Simon beunruhigen. Nicht nur, weil sie uns an geheime Orte führen, die wir sonst nie zu Gesicht bekämen. Sondern weil man zunächst einmal rätselt, was diese überaus nüchtern wirkenden Bilder eigentlich darstellen: Was sieht man, wenn ein verwester Körper im Gebüsch liegt: die Spuren eines Verbrechens?
Und der Schwarze mit dem weißen Overall, der hinter den Gitterstäben eines martialischen Käfigs steht, was ist mit ihm? Und schließlich diese von blauer Strahlung umgebenen schwarzen Punkte, die so etwas wie die Landkarte der Vereinigten Staaten zu formen scheinen, wo kommen sie her, was ist das?

Die Fotos der 32-jährigen New Yorkerin Taryn Simon erschließen sich erst, wenn man die kleinen Texte liest, die neben ihnen auf der Wand angebracht sind. Dann allerdings sieht man die Bilder mit ganz anderen Augen. Bei den schwarzen Punkten mit blauer Strahlung zum Beispiel handelt es sich um Atommüllbehälter in einem Wasserbassin, irgendwo im Staat Washington.

Mit viel Briefverkehr, hartnäckigem Insistieren und großer Überredungskunst hat sich Taryn Simon Zugang zu beängstigenden oder versteckten Orten wie diesem verschafft. Um ihre Fotos zu bekommen, verdrängt sie Angst, Skrupel oder persönliche Befürchtungen.

"Ich hatte einen Schutzanzug an mit Messgerät, um zu sehen, wie viel Strahlung ich abbekomme. Man führte mich durch viele dicke Türen in einen tiefschwarzen Raum, in dem es nur dieses blaue Glühen gab. Und da saß ich nun und war ungeheuer lange der Strahlung ausgesetzt. Da macht man sich schon seine Gedanken ... "

Welche Wahrheit kann eine Fotografie heutzutage schon noch artikulieren? Diese Diskussion ist alt, aber Taryn Simon gibt eine imponierend einfache Antwort: Wenn jemand Fotografie tatsächlich als gesellschaftspolitische Aufklärung, als zivilisationskritisches Projekt versteht, dann gibt es immer einen Weg, die Glaubwürdigkeit der Recherche zu vermitteln.

Dabei arbeitet Taryn Simon durchaus mit eklatanten Widersprüchen: Sie geht an die authentischen Orte, aber sie beginnt dann mit Inszenierungen, setzt opulentes Licht, versichert sich der Mitwirkung abgebildeter Personen. Als sie Mitglieder des Ku-Klux-Klan fotografiert, lässt sie sich mit verbundenen Augen zu einem geheimen Treffpunkt bringen.

Doch dann packt sie ihren Lichtkoffer aus und bringt - wie auch immer - die vier brutal wirkenden Männer dazu, geduldig zu posieren. Am Flughafen von New York arbeitet sie mit Gesichtsmaske, Schürze und Handschuhen, um den Raum mit den konfiszierten Lebensmitteln in ein altmeisterliches Stillleben zu verwandeln.

"Das ist am Flughafen von New York. Auf dem Tisch liegen all die seltsamen Dinge, die Passagieren im Laufe von 24 Stunden abgenommen werden. Ich wollte, dass das Bild einem alten Gemälde ähnelt. Ich habe in dem Zeug rumgewühlt, damit es so aussieht und diese Farbwirkung hat."

Gerade durch diese Inszenierung aber wirken die dargestellten Orte und ihre gelegentlichen Protagonisten wie Tableaus unumstößlicher Wahrheit. Das Faktische kommt hier auf den Punkt: ob es sich um eine Chirurgenpraxis handelt, in der muslimische Patientinnen ihre Jungfernhäutchen wiederherstellen lassen oder den Käfig, in dem strafgefangene Todeskandidaten eine Stunde Ausgang an frischer Luft erleben dürfen.

Das Verblüffende an diesen 64 Fotografien, die jetzt im Frankfurter Museum für Moderne Kunst gezeigt werden, ist die Tatsache, dass die Zivilisationsrecherche von Taryn Simon mit einer Wucht und Gültigkeit daher kommt, die angesichts einer 32-jährigen Künstlerin sprachlos macht. Udo Kittelmann, Direktor des Frankfurter Museums:

""Ich glaube, dass der Motor zu diesen Bildern auf jeden Fall Angst ist oder Ängstlichkeit. Dass sie etwas damit zu tun haben: ein gefühlter Stolz und eine gefühlte Scham. Ich glaube, es war Salman Rushdie, der gesagt hat: Sie versucht der Unschuld eine Form zu geben oder der Schuld eine Form zu geben, in Bilder zu fassen.

Und ich glaube, da sind wir tatsächlich auch sehr nah an literarischen Strategien, und die sind natürlich in der Kunst sehr, sehr schwer umzusetzen. Und ich glaube, dass sie das aber in einer sehr, sehr überzeugenden Art und Weise geschafft hat"."

Die Wirkung der Arbeiten von Taryn Simon hat übrigens mit ihrer strikten Neutralität zu tun: Weder in den Begleittexten noch in den Bildern selbst ist so etwas wie Parteilichkeit zu spüren. Im Gegenteil: sie sind bestrebt, wissenschaftlich objektiv zu erscheinen, eine Distanz zu wahren, die angesichts der abgebildeten Sachverhalte sicherlich Taryn Simons größte Leistung ist.

Der Zustand der westlichen Zivilisation zu Beginn des 21. Jahrhunderts - das ist, ohne Übertreibung gesagt, das Erkenntnisziel dieses künstlerischen Werks. So etwas über zeitgenössische Kunst sagen zu können, ist selten.

Service:

Die Ausstellung "Taryn Simon: An American Index of the Hidden and Unfamiliar" ist im Museum für Moderne Kunst (MMK) Frankfurt am Main bis zum 20. Januar 2008 zu sehen.