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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.05.2012

Der Zilpzalp über dem Grabstein

Vogelbeobachter auf dem Friedhof in Sheffield

Von Tobias Wenzel

Mag das Landleben, fühlt sich aber auch auf städtischen Friedhöfen wohl: der Grünfink. (AP)
Mag das Landleben, fühlt sich aber auch auf städtischen Friedhöfen wohl: der Grünfink. (AP)

Die meisten Vogelbeobachter lieben die Natur. Aber auch in der Stadt gibt es Orte, an denen sich die Vielfalt der Vogelwelt studieren lässt: Zum Beispiel auf dem Friedhof. Während unter der Erde die Toten ruhen, flattert in den Baumkronen das Leben.

Ein brauner Mischlingshund mit einem blauen Ball im Mund wuselt hin und her, zwischen den Beinen von 25 Menschen. Die stehen neben der Ruine einer Kapelle, blicken mit ihren Ferngläsern oder mit bloßem Auge hoch in die Baumkronen und bekommen gar nicht mit, wie der Hund an einen viktorianischen Grabstein pinkelt.

"”My name is Peter Wingfield. This is a walk around the cemetery, but not a cemetery walk.”"

Kein Friedhofsgang mit Wissenswertem über den Friedhof selbst ist an diesem Morgen geplant, sondern ein Gang über den Friedhof mit Blick ins Grüne, stellt Peter Wingfield klar. Er arbeitet in seiner Freizeit für die Freunde des General Cemetery von Sheffield. Und genau da steht er nun:

"Wenn ich sage, dass ich mich ehrenamtlich für den Friedhof engagiere, dann denken Sie bestimmt, ich würde hier Gräber ausheben (lacht)."

Nicht Gräber ausheben, sondern Vögel aufspüren. Das will er. Seit einiger Zeit bietet Wingfield Vogelbeobachtungstouren auf dem Allgemeinen Friedhof von Sheffield an. So auch heute. 37 Vogelarten sind hier schon gesichtet worden, darunter der clevere Baumläufer.

"Er scheint immer auf der anderen Seite des Baumstammes zu sein als man selbst. Aber hoffentlich - drücken wir die Daumen - sehen wir ihn. Aber Sie wissen: Wer Vögel beobachten geht, kann nichts versprechen."

Links und rechts von einem schmalen Pfad hat die Natur die Friedhofskultur besiegt: Wild wucherndes Efeu hat teils den gesamten Boden und ganze Grabsteinkolonien verschluckt. Einige verwitterte Grabsteine sind an die Friedhofsmauer angelehnt, so wie jener eines gewissen Thomas Sands, über den sich jetzt Chris Tildesley beugt:

Chris Tildesley: "Das hier ist ein Mann, der 1850 gestorben ist. Hier steht, dass er in der Schlacht von Waterloo 1815 gekämpft hat. Dann kam er zurück nach Sheffield."

Chris Tildesley sieht man den erfahrenen Birdwatcher sofort an. Er trägt ein Profi-Fernglas und eine grüne, leichte, Regen abweisende Jacke. Vor dem Grab eines Reverend James Methlei distanziert sich ein älterer Vogelbeobachter von den seiner Meinung nach pathologischen Birdwatchern, die wie vom Jagdeifer getrieben würden:

Birdwatcher: "Twitcher. Die sind fanatisch. Die machen weite Reisen, um seltene Vögel zu sehen und dann auf ihrer Liste abzuhaken. Für mich geht das zu weit."

Aber mit dem Fernglas auf dem Friedhof herumzulaufen, das kommt ihm ganz normal vor:

"Zum Vogelbeobachten findet man in der Stadt kaum einen stilleren Ort. Todesstille!"

Der Gesang eines Spechtes durchbricht die Friedhofsstille. 15 Ferngläser werden synchron gen Baumkronen gehoben, ziehen dann eigene, verwirrte Bahnen in der Luft. Wo ist er nur, der Specht? Wo die Schwanzmeise? Wo der Zilpzalp?

Irgendwo am Himmel oder doch gleich da vorne über dem Grabstein?

Andrew Hirst: "”Ich habe meiner Tochter Angst gemacht, indem ich sagte: Wir gehen auf den Friedhof. Aber das ist eine gute Gelegenheit, um diesen Ort zu entmystifizieren. Um die Natur zu bewundern, ist es einfach ein perfekter, überhaupt nicht gruseliger Ort.""

Andrew Hirst, ein lebensfroh dreinschauender, kräftiger Mann mit hoher Stirn, hatte schon beruflich mit einem solchen Ort zu tun: Auf Friedhöfen in Sarajevo räumte er einst Minen, um den Hinterbliebenen das Trauern vor Ort zu ermöglichen.

"Sehen Sie den Baum da, den toten Baum? Auf dem Ast dahinter läuft er gerade nach oben. Zwei! Tatsächlich!"

Zwei Baumläufer auf einen Schlag, da kommen selbst beim ruhigen Vogel-Fremdenführer Peter Wingfield Emotionen auf. Mary Owen, eine schlanke, schüchtern wirkende Frau im grauen Mantel steht etwas verloren am Rande der Vogelbeobachtergesellschaft. Sie hat die Baumläufer nicht gesehen. Wie auch ohne Fernglas? Eine Profi-Birdwatcherin ist sie offensichtlich nicht.

Mary Owen (lacht): "Ich weiß nichts darüber. Es klingt aber so, als ob die anderen Leute hier wüssten, worüber sie sprechen. Ich habe keine Ahnung von Vögeln, hätte sie aber gerne. Mich interessieren besonders die Gräber und die Inschriften. Vögel und Gräber, irgendwie gehört doch alles zum Leben und zum Tod."


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