Der Zauber des Theaters

Von Sven Ricklefs |
In München beginnt am Samstag das Theaterfestival "Radikal jung": Vielleicht noch deutlicher als bei den zwei Festivals in den vergangenen Jahren kann man schon vorab darüber sagen, dass hier eine Regiegeneration auftritt, die sich nicht wirklich als Generation definieren lässt. Jedenfalls nicht als solche, die mit ein paar Schlagworten auf einen Nenner zu bringen ist.
David Bösch: "Der Impuls Theater zu machen ist: in einem Probenraum zu sein, mit einem Stoff einem Stück und plötzlich zu merken, das was rauskommt und dass man was zu erzählen hat und dass was entsteht. Das ist der Impuls, mehr nicht. Kein Wunsch die Welt zu verändern, kein Wunsch irgendetwas auszudrücken, ….ich kann nur auf der Probe arbeiten."

Er ist wahrscheinlich der Sinnlichste dieser jungen Regie-Generation, einer, der mit einer Unbändigkeit im wahrsten Sinne des Wortes: Theater spielt. Lustvoll. Wahnsinnig komisch und unendlich traurig: David Bösch, gerade mal 29 Jahre alt, bekannt, beliebt, gerühmt, gerade auch wegen seiner Shakespeare-Inszenierungen, Romeo und Julia! Sommernachtstraum! Mit seiner fulminant zwischen Liebeslust und Kriegsgewalt springenden Interpretation von "Viel Lärm um nichts" vom Thalia Theater Hamburg ist er jetzt zum dritten Mal beim Festival "Radikal jung" in München zu Gast.

"Als Fragestellung stehen politische Konflikte, Weltanschauung, und das eigene Erleben von Politik und Gesellschaft ganz stark im Vordergrund, sonst gäbe es für mich auch glaube ich keinen Grund, Theater zu machen."

Er setzt um, hinterfragt, sucht, reflektiert mit seinen Arbeiten und wirkt dabei auf eine sehr junge Weise: ernsthaft: Roger Vonthobel, mit seinen 30 Jahren bereits umworbener Regisseur in Hamburg, Salzburg, München und Essen. Auch er war im letzten Jahr schon Gast bei "Radikal jung" und kommt nun mit der Romanbearbeitung von Juli Zehs "Spieltrieb" vom Hamburger Schauspielhaus nach München.

"Der stärkste Impuls für mich zu inszenieren ist für mich ein sehr sehr persönlicher, weil ich merke, dass es einfach wahnsinnig viele Themen gibt. Und Fragen auch an meine eigene Existenz, an mein eigenes Empfinden und Erleben, in dieser Welt, die ich kommunizieren will mit denen ich umgehen will und die ich untersuchen will, zusammen mit anderen Menschen."

Roger Vonthobel und David Bösch, zwei, die ihr Alter verbindet und ihre Liebe zum alten Medium Theater. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Bösch: "Also ich glaube, es gibt keine Generation …"

Vonthobel: "Ich glaube auch, so ist mein Empfinden, … dass diese Generation sich vielleicht dadurch kennzeichnet, dass – obwohl der andere es total anders macht, vielleicht sogar komplett anders sieht, man trotzdem ein großes Interesse daran hat, was der macht und wie er es sieht."

Vielleicht noch deutlicher als schon bei den zwei Festivals in den vergangenen Jahren kann man schon vorab über dieses "Radikal jung" sagen, dass hier eine Regiegeneration auftritt, die sich nicht wirklich als Generation definieren lässt, jedenfalls nicht als solche, die mit ein paar Schlagworten auf einen Nenner zu bringen ist. Dabei funktionierte der Begriff "Radikal" aus dem Festivaltitel in den letzten Jahren gleichsam als Bumerang, mussten sich die Regisseure doch immer wieder mit dem Vorwurf auseinandersetzen, nicht radikal genug zu sein.

Vonthobel: "Was heißt, eine Generation ist nicht radikal genug? Wahrscheinlich kann man sie so offensichtlich nicht an etwas festnageln, wie vielleicht ein paar Generationen vor uns, die sich gegen etwas aufgelehnt hatten, die sich durch öffentliche Bekenntnisse zusammengeschweißt hatten. Das finde ich ist ein individuellerer Prozess geworden, diese Auseinandersetzung und dadurch vielleicht auch nicht mehr so – was ich eigentlich gut finde – nicht mehr so labelbar."

Brucker: "Ich finde eben, was einem oft begegnet, weil man so viel vorgelebt bekommen hat in den letzten Jahrzehnten und alles analysiert hat und alles für sich weiß, und die Generation sieht die 60er 70er 80 und was wann wo wie versucht wurde und was alles gescheitert ist: Das man jetzt für sich an einem Punkt ist, wo man alles klar analysieren kann, aber nicht mehr mit so einem Impetus so klar auf die Strasse gehen kann."

Felicitas Brucker, Jahrgang 1974, ist mit ihrer Uraufführungsinszenierung von Anja Hillings "Engel" von den Münchner Kammerspielen zu Gast bei "Radikal jung". Sie ist eine der drei Frauen unter den insgesamt neun Teilnehmern in diesem Jahr, ein Zahlenverhältnis, das vielleicht ganz gut die gegenwärtige Geschlechterbalance widerspiegelt in einem bis noch vor zehn Jahren fast völlig von Männern dominierten Beruf. Tendenz jedoch radikal steigend.

"Ich glaube, es ist stärker ein Mechanismus als der Glaube daran, dass es richtig so ist. Ich glaube, jeder würde vorgeblich sagen, es müssten gleichviel sein. Aber ich glaube, dass es in der Praxis einfach noch nicht ganz funktioniert, das ist ja auch eine Frage nach Arbeitsprinzipien. Was wird gewünscht, wird Coolness, Härte, was ist das was die meisten Leute als funktionabel ansehen. Ich finde aber, dass es sich in unserer Generation auch stark mischt, auch die Jungs und Männer in meinem Alter erfüllen weniger ein männliches Klischee als in anderen Generationen."

Es ist vor allem der klassische Weg in den Regisseursberuf, auf dem es junge Frauen noch immer schwerer haben: Der Weg über die Regieassistenz. Doch immer mehr junge Menschen wählen die Theaterakademien, um sich per Studium zum Regisseur zur Regisseurin ausbilden zu lassen und hier spielt das Geschlecht statistisch nachweisbar schon längst keine Rolle mehr.

Kilian Engels, Dramaturg am Münchner Volkstheater und Leiter von "Radikal jung" jedenfalls ist froh auf seinem Festival sowohl ehemalige Regieassistenten als auch diplomierte Regisseure präsentieren zu können.

Zusammen mit den beiden anderen Kuratoren des Festivals, der Schauspielerin Anette Paulmann und dem Kritiker C.Bernd Sucher hat er die neun eingeladenen Inszenierungen ausgesucht. Einziges Auswahlkriterium: Die jeweilige Produktion des jungen Regiekünstlers muss an einem Stadt- oder Staatstheater entstanden sein.

Ansonsten: Eingeladen ist, was gefällt. Dabei ist nun ein Programm mit einer weiten Bandbreite entstanden, von der Uraufführung bis zum Klassiker, von der ensemblestarken Shakespeareproduktion bis zur Romanbearbeitung auf der Studiobühne mit zwei Schauspielern. Theater satt hat Kilian Engels nun zu bieten, das auf jeden Fall, Theater, das Klischees wie radikal, jung oder gar neu, wohl schnell vergessen lassen wird:

"Neu im Theater ist immer so ein schwieriges Kriterium. Es wiederholt sich ja, die Sachen kommen wieder, eine junge Generation entdeckt vielleicht bestimmte Sachen für sich wieder, die es möglicherweise in dieser Form vor 30 Jahren schon mal gegeben hat. Und ich glaube einfach , Theater ist ein flüchtiges Medium, dass ist nicht so wie in der Literatur, wo bestimmte werke einfach überdauern, und jederzeit verfügbar sind, im Theater ist es halt so, Sachen werden gemacht, sind dann vielleicht modern für eine Zeit lang, dann werden sie auch wieder vergessen. "

Und so wird auch bei diesem Festival letztlich das Zeitlose des Theaters und damit sein eigentlicher Zauber im Mittelpunkt stehen: Dass da Menschen für Menschen spielen, und das jeden Abend neu, und dass da Menschen – um spielen zu können - mit Menschen geprobt haben, in einem Akt der intimen Interaktion:

Bösch: "Das Besondere am Theater ist für mich: ich bin in einem Raum und da ist ein Schauspieler und der macht was und irgendwas entsteht in mir und ich gebe irgendwas, sei es, dass ich sage: Mach doch mal so, oder sei es, dass ichäääääääääääääh so: Und eine Energie kommt und irgendetwas entsteht, und der macht was und das kommt wieder zu mir, und der macht was völlig anderes als ich es gemeint habe. Und es entsteht was und da glaube ich das irgendwas rauskommt, was ich nicht benennen kann."