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Lange Nacht | Beitrag vom 06.03.2021

Der Wiener Dichter Peter AltenbergStammgast, Schnorrer und Rebell

Von Beatrix Novy

Fotografie des österreichischen Schriftstellers Peter Altenberg, 1914. (picture alliance / IMAGNO / Austrian Archives / Josef Anton Trcka)
Mit den Jahren stilisierte sich Peter Altenberg in seinem Erscheinungsbild immer mehr zur Marke. (picture alliance / IMAGNO / Austrian Archives / Josef Anton Trcka)

Das Wiener Kaffeehaus ist ein Mythos. Seine Geschichte ist eng verknüpft mit dem Aufbruch der Wiener Moderne um 1900, als Literaten, Wissenschaftler, Künstler und Reformer dort zusammenkamen. Unter ihnen war Peter Altenberg der originellste.

Peter Altenberg (1859-1919) war Autor, Journalist, Flaneur und Schnorrer, anziehend für die einen, abstoßend für die anderen. Er war Dichter kleiner und kleinster Geschichten, die seine Begeisterungsfähigkeit ihm zutrug. Er wurde geliebt und gehasst. Altenberg war in Wien bekannt, wie ein bunter Hund. Eine eigene Wohnung hatte er nicht, meistens schlief er in Hotels oder billigen Absteigen, schließlich verbrachte er ja die meiste Zeit in der Öffentlichkeit, der Schriftstellerkollege Felix Salten schreibt:

"Dirnenlokale, Freudenhäuser. Spelunken, Varietes, Kabaretts, das war seine Welt. Dort schwelgt er in subtilen Wonnen, vergeht in Anfällen feiner und zärtlicher Verzweiflung, bis 3 Uhr früh. Am Hof, wo die Marktweiber sitzen, da geht er mitten im Gewühl, atmet den Duft von Erdbeeren, von Spinatblättern, Zuckererbsen, den Geruch des aufgehenden Tages. Liebkost mit den Augen die taufeuchten Blumen, die aufgetürmten grünen Gemüseberge und die hübschen Töchter der Marktweiber, die 14 und 15 jährigen. Die Mütter und die Töchter nicken ihm zu: grüß Ihnen Gott, Herr von Altenberg." 

Ein gelassener Vater, der ihn unterstützte

Altenbergs Eltern gehörten zum wohlhabenden jüdischen Bürgertum, seine Vorfahren stammten aus den östlichen Ländern der Monarchie. Sein richtiger Name lautete Richard Engländer. Er hat eine profunde humanistische Bildung bekommen. Durch die Schule kam er nicht unfallfrei: Das Abitur schaffte er erst im zweiten Anlauf. Was folgte, machte seine Eltern ratlos.

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Das Studium der Rechtswissenschaften brach er nach einem Semester ab, auch der nächste Versuch, Medizin, scheiterte. Die Buchhändlerlehre in Stuttgart ebenso. Aber unverdrossen behielt sein Vater die Gelassenheit und unterstützte ihn, so lange er konnte. Altenberg beschreibt das in seinem Gedicht 'Das Hauskonzert' so:

"Ich spielte meinem Vater zum Geburtstag ´klassische Stücke` vor, von Haydn, Bach, Händel. Ich hatte einen süßen wunderbaren Ton, einen edelmusikalischen Ausdruck, aber Technik Null, nein, nicht Null, überhaupt nicht. Mein geliebter Lehrer sagte über mich: ´Ein Genie ohne Fähigkeiten! Gerade das, was dazu gehört im Leben, fehlt ihm, schade, man wird ihn nie anerkennen!` Mein rührend idealer Vater kaufte mir infolge dieses intimen Konzerts eine echte ´Peter Guarnerius` für sechshundert Kronen.

Eines Tages kam mein jüngerer Bruder Georg vom Gymnasium nach Hause, während ich gerade ´Kreutzer-Übungen` zu bewältigen suchte. Er sagte gelassen: ´Für deine Kratzerei hätte auch eine "Marktgeige" genügt!` Infolge dieses kränkenden Ausspruches schlug ich ihm die Peter Guarnerius auf seinen öden Gymnasiastenschädel. Leider zersprang nicht dieser, sondern die Geige. Bei Tisch sagte mein Vater: ´Na, wenn er lieber auf einer Marktgeige weiterspielt! Ich habe es ihm gut gemeint! Georg, weshalb neckst du aber auch so einen exaltierten Burschen? Lasset ihn seinen Weg gehen, er wird ihn schon finden, hoffentlich! Er ist zwar mein Sohn, aber verantwortlich bin ich noch lange nicht!`"

Eine Figur des österreichischen Schriftstellers Peter Altenberg sitzt mit einer Zeitung und einer Kaffeetasse an einem kleinen, runden Tisch im Wiener Café Central. (imago images / viennaslide)Peter Altenberg verbrachte seine Zeit im Kaffeehaus. Er soll grotesk ausgesehen haben. Hier eine Figur von ihm im Wiener Café Central. (imago images / viennaslide)

Die Mutter war nicht so nachsichtig. Sie nahm es ihrem Sohn übel, dass er nichts werden wollte. Als sich herausgestellt hatte, dass Peter Altenberg an irgendwelchen Zukunftsplänen kein Interesse zeigte, wurde die Angelegenheit offiziell geregelt: Unklare Symptome und Krankheitsgefühle waren damals unter dem Generalbegriff der Neurasthenie durchaus modern. Von einem Arzt bekam der 23-Jährige den erwünschten Ablasszettel: Man attestierte ihm eine "Überempfindlichkeit des Nervensystems" und erklärte ihn untauglich für einen bürgerlichen Beruf.

Faul, stilvoll und körperbewusst

Also verbrachte Altenberg seine Zeit im Kaffeehaus. Er soll grotesk ausgesehen haben. Nie hat er einen Smoking oder gar einen Frack besessen. Er hatte eine Vorliebe für bunte englische Stoffe, für weiche farbige Hemden und dazu grelle Schlipse oder Binden. Nie hat ein steifer Hut oder gar ein Zylinder seine Glatze verdeckt. Er gehörte zu der Partei der weich geschwungenen Filzhüte.

Mit den Jahren stilisierte sich Peter Altenberg in seinem Erscheinungsbild immer mehr zur Marke. Dabei spielte die Lebensreformbewegung eine wichtige Rolle. Erwachsen aus den Problemen von Industrialisierung, Verstädterung und Naturferne, zog sie ihn mächtig an. Altenberg bewies am eigenen Leib, dass die Kampagnen für die Befreiung des Körpers aus beengenden Kleiderordnungen nicht nur für Frauen gelten mussten. Ein Augenzeuge schreibt:

"Er ging nacktfüßig auf Sandalen einher, im Winter in einem flatternden Havelock, im Sommer in einer Radfahrerdreß, mit sportmäßig geknüpfter Krawatte. Die Kappe war tief in die Stirn gedrückt, der grimmige Schnauzbart hing wüst herunter, von einem fingerbreiten schwarzen Zwickerband malerisch umflattert, und in der Hand hielt er einen dicken, keulenartigen Spazierstock."

Aquarell von Reinhold Voelkel, 1896. Männer sitzen lesend, mit Zeitungen in der Hand und Kaffee trinkend an Kaffeetischen in einem Café. (picture-alliance / akg-images / Erich Lessing)Im Kaffeehaus hat Altenberg nicht nur geschrieben, sondern auch gestritten. Hier das Café Griensteidl – Aquarell, 1896, von Reinhold Voelkel. (picture-alliance / akg-images / Erich Lessing)

Altenberg hatte auch ein auffälliges Interesse an Diät-Fragen und -experimenten entwickelt. Zu Hause verblüffte er seine Familie mit verschiedenen Diätexperimenten: mal nur rohe Eier, mal nur Milchiges. Altenberg übernahm von den vielfältigen Ideen der Lebensreform-Bewegung nur den ihm genehmen Teil, den aber so konsequent wie sonst kaum einer: die Sorge um das Wohlergehen des Körpers. Kommunegründungen und anarchistische Gesellschaftsutopien interessierten ihn weniger.

Ein Dichter mit wenig Erfolg

Peter Altenberg musste 37 Jahre alt werden, um sein erstes Buch gedruckt zu sehen. Die Sammlung kleiner Geschichten machte ihn bekannt. Der lyrisch-introvertierte Ton, das in Atmosphäre umgesetzte Beiläufige, Nichtige fand sein Publikum und einen zufriedenen Verleger. Titel: "Wie ich es sehe". Auszug aus Herbstabend:

"Die Wellen des Seespritscheln leise an den Ufersteinen---Das wunderschöne Hotel am See-Ufer schläft den langen Herbstschlaf, den Winterschlaf. Die weißen Fensterläden sind geschlossen. Der grüne Laubengang ist ein bißchen gelb geworden und durchsichtig---Wo ist das Fräulein? Wo der liebende Jüngling?! Wo ist der ´Grieche`?! Wo sind Margueritta und Rositta und der Herr von Bergmann mit den krummen Beinchen?! Wo ist die braunblonde Fischerin?! Wo der Amerikaner und die Russin?! Wo ist die Dame und ihr ´Familienglück`?! Der Herbst hat sie verweht wie die gelben Blätter im Parke der Königin---!"

Der große Erfolg blieb allerdings aus. Zu einfach und zu bedeutungslos schien seine hingeworfene Prosa. Nach dem kleinen Anfangserfolg kam gleichwohl eine ganze Reihe weiterer Bücher hinzu: Zum Ende hin verdichteten sich seine Texte zu "Splittern", Aphorismen. Aber immer blieb er bei den Dingen des Lebens, wie sie kamen.

Besang mitfühlend den Marienkäfer auf seiner Hand, die Forelle im Bach, das mitgehörte Gespräch im Restaurant, die große Prater-Schaukel, einen nächtlichen Brand, eine Familienerinnerung, die Natur. Seine Oden an den Gold'nen Überfluss der Welt konnten sich mit berserkerhaften Hassgesängen abwechseln. Politisch war er nie, er verteidigte ganz allein die Rechte der Kinder, der Tiere und der kleinen Leute.

Der Streit und das Geld

Im Kaffeehaus hat Altenberg nicht nur geschrieben, sondern auch gestritten. Denn schließlich war die literarische Konkurrenz groß: Mit Hugo von Hofmannsthal, Robert Musil, Karl Kraus, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig u.a. musste er sich messen. Unausweichlich kam es zu Konflikten. Ein Streit mit Egon Friedell führte sogar zu einer Ehrenbeleidigungsklage gegen Altenberg. Friedell gab zu Protokoll:

"Unter den wiederholten lauten Rufen ´Elender Rotzbub`jagte er mich mit geschwungenem Regenschirm mehrere Male um die Stefanskirche herum. Zeugen: Mein Bruder Oscar und die Prostituierte Anna Boschek."

Postkartenpanorama mit Peters- und Stefanskirche in Wien, ca 1907.  (picture alliance / arkivi)Postkartenpanorama mit Peters- und Stefanskirche in Wien, ca. 1907. (picture alliance / arkivi)

Aber meistens hielt der Streit nicht lange, bald schon wurde wieder Freundschaft geschlossen. Auch, weil Altenberg immer Geldsorgen hatte und als Schnorrer galt. Er verlangte von seinen Freunden eine Rente. Karl Kraus etwa steckte ihm regelmäßig 30 Kronen zu. Es gab weitere zehn bis fünfzehn wohlhabende Leute in Wien, von denen er eine Monatsrente erbat. Er war glücklich, wenn er in manchen Monaten 200 bis 300 Kronen an solchen Renten einnahm, nach heutigen Maßstäben etwa 1000 bis 1500 Euro.

Für Altenberg war es nicht abwegig, das Kollektiv seiner Verehrer für seinen Lebensunterhalt in die Pflicht zu nehmen. Sie umlagerten ihn, weil er sie aufs Unterhaltsamste faszinierte, offenbar verdiente er sich manche Einladung zu privaten Geselligkeiten geradezu als Entertainer. Er war hochgebildet, hatte Sinn für Komik und für eine gewisse Selbstironie, hielt donnernde Reden, über die man sich noch tagelang unterhielt - so wie über seine Liebesgeschichten, die oft tragisch für ihn ausgingen.

Er traute sich, sein Inneres nach außen zu kehren, schwach zu sein, lächerlich zu sein. Er erkannte sich als Auge und Ohr für seine Leser: Ganz der Dichter, dessen verfeinerte Sinne wahrnehmen, was die Leser noch zu lernen haben. Von ihm, der in die Welt gekommen war, um zu sehen. Dafür musste man doch bezahlt werden!

Die Frauen und das Ende

"Ich betrachte mich nur als ´tönende Seele` für jene Frauen, denen das Dasein nicht das geboten hat, was ihre zärtlichen feinen Nerven unbedingt benötigt hätten! Ich sehe alle ihre Leiden so einfach klar und selbstverständlich, als wäre ich selbst eine tief enttäuschte Frau. Ich denke fast aus der Frau HERAUS, nicht in sie HINEIN!",

schreibt Peter Altenberg. Er sah sich als Frauenversteher. Dabei hat er selten erfüllte Liebschaften erlebt. Lina Loos, eine seiner unerfüllten Lieben, erinnert sich:

"Peter Altenberg galt als Frauenverehrer. Er war es nicht! Er hat uns gehaßt. Er hat uns Frauen gehaßt, wie er reiche Leute haßte, die ihren Reichtum nicht zu verwenden wußten. Er, der so viel Schönheit erkannte, verzweifelte an den Frauen, wenn er sie ihr Wertvollstes an die untauglichsten Objekte vergeuden sah. An ihm, den Ewig-Bereiten, sind die Frauen vorbeigegangen, so wurde er gezwungen, in Buchstaben zu gestalten, was Unerlebtes übrigblieb."

Geheiratet hat er nie, selbst längere Beziehungen blieben ihm verwehrt. Am Ende haben ihm Depression, Alkohol, Tablettenmissbrauch zugesetzt. Peter Altenberg starb am 8. Januar 1919. Die Reformpädagogin Genia Schwarzwald verabschiedete ihn mit den Worten:

"Ohne seine Überschätzung glauben die Frauen nicht leben zu können, so weinen sie. Seine Freunde, die Männer, weinen nicht, aber sie sehen so fahl aus, als sei alle Farbe, alle Buntheit aus ihrem Leben gewichen. Wie wollen sie weiterleben ohne seine Ekstasen, seine Leidenschaften, seine Lächerlichkeiten? Sie fühlen, dass nicht nur die letzte, dass die wertvollste Spezialität Wiens weg ist. Jetzt erst haben sie den Weltkrieg ganz verloren."

Literatur von Peter Altenberg:
Wie ich es sehe. S. Fischer, Berlin 1896
Ashantee. S. Fischer, Berlin 1897
Was der Tag mir zuträgt. S. Fischer, Berlin 1901 
Prodromos. S. Fischer, Berlin 1906
Märchen des Lebens. S. Fischer, Berlin 1908
Bilderbögen des kleinen Lebens. Erich Reiss, Berlin 1909
Neues Altes. S. Fischer, Berlin 1911 
Semmering. S. Fischer, Berlin 1913
Vita ipsa. S. Fischer, Berlin 1918
Mein Lebensabend. S. Fischer, Berlin 1919 

Eine Produktion von Deutschlandfunk/Deutschlandfunk Kultur 2021. Das Skript zur Sendung finden Sie hier. 

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