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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 15.11.2012

Der wichtigste Tag im Leben

Der Umgang mit dem Tod in Westafrika

Von Alexander Göbel

Hounnon Zansanzinho, Anführer der Ganbada-Voodoo-Sekte in Benin, bläst bei einem Ritual Pulver von seiner Hand. (picture alliance / dpa)
Hounnon Zansanzinho, Anführer der Ganbada-Voodoo-Sekte in Benin, bläst bei einem Ritual Pulver von seiner Hand. (picture alliance / dpa)

Ob in Benin, Togo oder Ghana - das Ende des Lebens spielt in diesem Teil der Welt eine mindestens ebenso große Rolle wie das Leben selbst. Der Tod ist immer präsent. Er fasziniert, er gehört zum Leben dazu - als Verbindung mit der Ewigkeit. Und auch ganz profan als Wirtschaftsfaktor.

Der Tod ist ein Schlüssel, um westafrikanische Kultur zu verstehen. Angst oder Tabus gibt es nicht, dafür unzählige Rituale, Aberglauben, intensive Trauerarbeit, Trost und auch eine Menge skurrilen Humor.

Letztes Geleit für einen Häuptling der Ashanti, in einem Dorf im Norden Ghanas: Seine fünf Söhne, schwere Männer im mittleren Alter, tragen tiefrote Gewänder mit entblößter rechter Schulter. Ihr Blick ist starr, abwesend, ihre Körper sind in Trance und zucken nervös im Rhythmus der Trommeln.

Barfuss führen die Männer einen Trauerzug an, zum Haus des Verstorbenen. Hinter ihnen eine ausgelassene Menge von mehreren hundert Menschen. Männer, Frauen, Kinder. Eine traditionelle Beerdigung, aber so oder so ähnlich findet sie in Westafrika täglich statt - und zwar unabhängig von der Religion. André Quénum ist katholischer Pastor aus Cotonou, Benin:

"Bei Trauerfeiern und Beerdigungen geht es oft sehr heiter und fröhlich zu. Vielleicht nicht beim Tod selbst, dann wird auch getrauert - aber es sind rituelle Tränen, die fließen. Wenn die Angehörigen das hinter sich haben, feiern sie ausgelassen - mit Musik und viel gutem Essen; sie feiern das Leben des Menschen, den sie verloren haben. Das hat sich über viele Jahrhunderte so entwickelt."

Wenn in Benin, Togo oder Ghana Menschen sterben und bestattet werden, geht es immer besonders lebhaft und zugleich spirituell zu - ob im stark verbreiteten christlichen Glauben, in den unzähligen und komplizierten Formen des Voodoo - oder in Verbindungen aus beidem.

"Es gibt in Benin ein Sprichwort, das sagt: Der Mensch ist für den Tod geboren, und auch für das Leben. Bei Beerdigungen ist hier in Benin sehr viel mehr los als bei Geburten, Taufen oder Hochzeiten. Der Tod hat eine sehr starke Anziehung auf uns. Er ist da, und wir tun alles, um nicht zu sterben, wir haben Angst vor Teufeln und bösen Geistern – und wenn der Tod dann kommt, weigern wir uns, ihn rational zu erklären.

Auch wenn jemand an Altersschwäche stirbt, wird man sagen: Da waren böse Geister am Werk, oder ein Feind hat den Menschen mit schwarzer Magie getötet. Man kommt darüber weg – aber natürlich ist der Schmerz über einen Tod sehr viel größer, wenn ein Kind stirbt. Für mich ist der Tod so etwas wie die Essenz dessen, was wir im Leben sind: Wenn wir uns mit dem Tod befassen, konzentrieren wir uns auf alle Fragen des Lebens."

Fest steht: Das Ende des Lebens wird gefeiert – wie das Leben selbst. Aber eigentlich – gibt es gar kein Ende ... und die Toten - sind gar nicht tot. Oft werden rituell ein paar Haarsträhnen und Fingernägel der Verstorbenen bestattet: Man glaubt, das seien die Teile des Körpers, die angeblich auch nach dem Tod noch wachsen.

"Der Tod ist in Afrika eine ernste und wichtige Angelegenheit. In dem Sinne, dass derjenige, der stirbt, eben nicht tot ist. Alle Verstorbenen sind da, sie sind der Wind in den Bäumen, das Wasser im Fluss.

Es gibt Zeremonien, die den Hinterbliebenen klar machen: Der Mensch mag als Körper nicht mehr da sein, aber er oder sie lebt weiter! Der Tote lebt und ist nur dabei, endlich Rechnungen im Jenseits zu bezahlen, vielleicht auch, böse Energien auszulöschen, mit denen er oder sie das Haus belastet hat."

Cosme Hindeme aus Cotonou ist gläubiger Katholik– und gleichzeitig praktizierender Voodoo-Experte.

"Wir glauben an die Reinkarnation, an das Leben nach dem Tod, und wir stellen uns dort auch Himmel, Hölle und Fegefeuer vor, ganz wie die Christen auch. Interessant ist, dass wir das Leben auf der Erde akzeptieren, wie es ist: Manche leben in unfassbarem Leid, sind arm oder krank, und die Menschen nehmen das an. Sie glauben, dass sie gerade für Sünden aus einem früheren Leben bezahlen, aus einer früheren Existenz."

Voodoo als Urreligion und Lebensart ist aus Westafrika nicht wegzudenken. Voodoo kommt aus der Sprache der Fon, aus dem Süden Benins. Cosme Hindeme erklärt Voodoo als Energie, als Teil des Göttlichen auf der Erde.

Diese Energie vertrete die Elemente, die das Universum zusammenhalten – also Erde, Wasser, Luft und Feuer. Die Energie des Voodoo helfe den Menschen, eines Tages zum sogenannten Schöpfergott aufzusteigen, und schon allein deshalb beschäftigten sich die Menschen tagtäglich mit dem Tod.

"Leben und Tod sind eng mit einander verknüpft, man könnte sagen: miteinander verklebt. Raum und Zeit existieren eigentlich nicht - das ist nur eine Hilfskonstruktion des Menschen, damit er auf der Erde nicht verrückt wird. Aber eigentlich ist alles ein Fluss - ich kann aus meinem Körper heraustreten und in die Vergangenheit reisen.

Ich kann dort mit meinem Karma Informationen sammeln und wieder in die Gegenwart zurückkehren. Tot bin ich in Zukunft nur insofern, als ich meinen Körper aufgebe. Aber ich lebe weiter. Das muss man begreifen, um Afrika zu verstehen: Leben und Tod sind siamesische Zwillinge."

Der seltsam entrückte Voodoopriester Emanuelle Agbotu empfängt in seiner kleinen Hütte, am Strand von Grand Popo, im Westen von Benin. Der sandige Hof ist mit mannshohem Bambuszaun vor neugierigen Blicken geschützt. Dahinter verbergen sich vier Teil lebensgroße Tonfiguren, die in alle Himmelsrichtungen weisen. Die Wächter des Voodootempels. Manche abstrakt, manche mit einem Gesicht. Alle flößen Unbehagen ein.

In der Hütte kniet der schmächtige, mit Muschelketten und Federn geschmückte Féticheur auf dem Boden - und ruft die Götter an - in Trance bittet er sie um Gnade für den jungen Julien, der wissen will, wie es seinem kürzlich verstorbenen Großvater geht. Besonders der Gott des Donners müsse dafür besänftigt werden - sonst könne es sein, dass die Ahnen gestört werden – und dass man auf der Stelle tot umfällt.

Um die Fetische in der Hütte gnädig zu stimmen, wird ihnen ein Huhn geopfert. Vor seinem Weg ins Jenseits wird das Tier noch mit einem Brei aus Mais und rotem Öl gefüttert, es bekommt ein ordentlicher Schluck Palmwein verabreicht. Dann wird sein Blut auf den Fetischen in der Hütte und im Hof verteilt, begleitet von einem ganzen Schwall von Zaubersprüchen. Das Leben und der Tod – ein makabrer, ein fließender Übergang.

"Wenn wir einen Toten beerdigen, kommt der Voodoopriester des Ortes mit seinen Assistenten, man bereitet alles vor, das Opferhuhn, Palmwein, Öl, und so weiter. Während der Zeremonie finden wir oft heraus, wer den Menschen getötet hat - denn wir glauben nicht daran, dass Menschen wirklich eines natürlichen Todes sterben. Wir geben der entschlafenen Seele Kraft, damit sie ihren Mörder töten kann.

Also: Der Tote soll sich rächen, an dem Menschen zum Beispiel, der den Toten vielleicht zu Lebzeiten verflucht hat. Und wenn wir eine schuldige Person gefunden haben, finden wir meistens noch mehr, die Böses getan haben. Sie bekommen dann die Kraft des Donners zu spüren."

Bei aller Obsession mit dem Tod seien die Menschen in Westafrika keinesfalls todessehnsüchtig, so der katholische Pastor André Quénum. Natürlich wolle niemand sterben. Aber auch in Afrika gebe es so etwas wie ein "Memento mori", die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit.

"Vielleicht geht es um so etwas wie psychologische Gesundheit: Die Menschen hier befassen sich so viel mit dem Tod, dass sie dadurch vielleicht zu einem inneren Gleichgewicht kommen und ihren Frieden damit machen, dass ihr Leben endlich ist - oder das ihrer Angehörigen. Es ist eine Art, sich zu trösten - indem man eben das Schicksal akzeptiert und sich gleichzeitig in seine Glaubenswelt rettet.

Wenn eine Mutter zum Beispiel sechs Kinder hat, fünf davon sterben, eines bleibt übrig, dann wird sie glauben, dass sie von einem Geist besessen ist, von Hexerei. Zum Psychologen gehen die Menschen hier nicht, eher zum Voodoopriester. Sie suchen einfach nach einem Sinn – und wenn er auch ins Übernatürliche führt."

Das Bethesda-Krankenhaus in Cotonou. Hier ist der Tod ganz konkret - und oft brutal. Täglich sterben hier Menschen. Allein auf der Station von Internist Tchibozo Junior sind es um die 70 im Jahr, Tendenz steigend.

"Momentan sterben bei uns im Krankenhaus sehr viel mehr Menschen an chronischen Krankheiten, als früher: an Aids, an Krebs. Das wird immer schlimmer. Manche Menschen werden erst spät eingeliefert, weil die Familie bis zum Schluss glaubt, die kranke Person sei nur von einem bösen Geist besessen - und hier bei uns können wir dann oft nicht viel mehr tun, als den Tod festzustellen."

Der junge Arzt respektiert den Gauben der Menschen an das Übernatürliche - und muss doch seiner Verantwortung als Schulmediziner gerecht werden. Gar nicht so einfach - viele Menschen wollten nicht akzeptieren, dass ihr Kind zum Beispiel an Malaria erkrankt ist:

"Das ist das Schwierigste: Der Familie den Tod eines geliebten Menschen mitzuteilen. Als Wissenschaftler muss ich den Leuten oft erklären, dass es sich nicht um Hexerei handelt, sondern um eine medizinisch erforschte Krankheit.

Oft werde ich sogar angegriffen, wenn ich nichts mehr tun konnte. Dann sagen die Leute, dass sie ihren Kranken besser zu einem Voodoopriester gebracht hätten, dann wäre er sicher noch am Leben."

Pastor Henri Boudeyon arbeitet jeden Tag mit Hinterbliebenen - er ist Seelsorger im Bethesda-Krankenhaus. Natürlich werde viel geweint und geschrien, es gehe sehr emotional zu. Doch Henri Boudeyon erlebt täglich, dass nicht nur der Verlustschmerz die Angehörigen plagt - schon am Totenbett machten sich viele ganz irdische Sorgen - um die Kosten der Beerdigung.

"Der Verstorbene muss in eine Leichenhalle gebracht werden, dann der Sarg, die Zeremonie, die Musiker, das Essen, und so weiter und so weiter. Die Leiche muss vor, während und nach der Trauerfeier andere Stoffe tragen - und auch da lässt man sich natürlich nicht lumpen! Der Tod ist ein Business. Der Schreiner baut den Sarg, der Bestatter hat die Leichenhalle, der Schneider hat die Kleider - vom Tod leben ja ganze Geschäftszweige!"

Zeitungen, Radio und Fernsehen sind auf Todesanzeigen spezialisiert, Catering-Unternehmen wissen, wie sie hunderte Beerdigungsgäste mit eiskalter Cola und Sandwiches versorgen, und kleine Orchester ziehen an den Wochenenden von einer Bestattung zur nächsten - natürlich in Wunsch-Uniformen, die die Trauergemeinde bezahlt. Auch in Afrika gilt: Wer anständig sterben oder einen Verstorbenen gebührend bestatten will, muss Geld haben. Viel Geld. Eine Bestattung mit allem Drum und Dran kostet auch in Afrika umgerechnet mehrere tausend Euro.

"Wer kein Geld hat, ist auf Spenden der Familie, der Nachbarn angewiesen, um die Beerdigung zu organisieren. Da herrscht viel Solidarität. Aber viele verschulden sich auch, sie verkaufen ihren Besitz, nehmen Kredite auf, wenn sie können."

Roger Gbenonvi hält nichts vom Beerdigungsbusiness. Für ihn, einen der beliebtesten Politiker und Ex-Minister in Benin, haben die Bestattungen nur noch wenig mit den Toten zu tun - Gbenonvi bezeichnet Beerdigungen vielmehr als Ablasshandel der Hinterbliebenen. Dahinter stecke die tief verwurzelte Angst vor übernatürlichen Kräften:

"Es ist schon eigenartig. Kinder werden manchmal wie die Hunde begraben, sogar ohne Sarg. Aber die Erwachsenen ... . Da macht man bei uns eine Riesensache aus der Beerdigung. Man will, dass der Verstorbene auf der anderen Seite gut empfangen wird, sozusagen. Aus reiner Vorsicht: Denn Erwachsene haben Kraft, ihre Seelen können noch handeln, sie können sich auch an uns rächen, wenn wir sie nicht gut behandeln."

In der Werkstatt von Eric Adjetey Anang. In Teshie, im Süden von Ghanas Hauptstadt Accra, hat sich der 28-Jährige seinen Traum erfüllt - er baut Phantasie-Särge, in der berühmten, uralten Tradition der Gan:

"Die Häuptlinge in Ghana mussten in einem Totem beerdigt werden, mit den Wappen der Familie - der Sarg musste also etwas mit dem Leben der Verstorbenen zu tun haben. Genau darum geht es noch heute: Hier leben viele Menschen aus dem Norden, viele sind Fischer, und dann sagen ihre Familien: Dieser Mensch soll in einem Fisch begraben werden - der Sarg muss einfach zur Person passen."

Bis zu sechs Särge bauen Eric und seine Mitarbeiter pro Woche. Der Eingang der Werkstatt dient als Showroom, hier stehen Modell-Särge, die besonders gut gehen. Die nachgebaute Tomatenkiste für die Marktfrau, eine Kakaofrucht für den Bauern, ein Projektor für den Filmvorführer. Gerade erst hat Eric einen Sarg in der Form einer schicken Bedford-Limousine verkauft, für 500 Euro. Das letzte Fahrgerät für einen erfolgreichen Geschäftsmann ...

"Wir haben auch Särge, die an afrikanische Sprichwörter erinnern: Das Huhn zum Beispiel - es ist ein Symbol für Mütterlichkeit; Schnecken und Schildkröten charakterisieren Menschen, die zu Lebzeiten zäh und beharrlich ihre Ziele erreicht haben - Dorfchefs etwa oder Rechtsanwälte. Menschen, die gut Probleme lösen konnten."

Alles kann Sarg sein, erklärt Eric, von der Cola- oder Bierflasche über die Telefonzelle bis hin zum kleinen Schweinchen. Nur Adler und Löwen sind Dorfchefs vorbehalten - die schreinert er nicht für jeden. Eric betrachtet sich als Künstler.

Und seine Särge als Kunst - immer wieder wecken sie das Interesse von Museumskuratoren und Regisseuren - die Todesverpackung aus Ghana ist in der Kunstwelt angekommen. Aber Eric sieht seine Särge vor allem als das, was sie sind: ein Teil seiner Kultur, mit der er tief verwurzelt ist.

"Wenn ich Särge nur der Kunst wegen schreinern wollte, müsste ich Ghana verlassen und mit der Tradition brechen. Aber genau das will ich nicht. Mir geht es um die Kultur - um die Menschen. Das hier ist unsere Art, Menschen angemessen zu bestatten, deswegen bleibe ich hier - als Teil des Ganzen."

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