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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.04.2013

Der Westen muss auf Indien setzen

Asien braucht einen Gegenentwurf zum diktatorischen Modell Pekings

Von Sabina Matthay

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Das Potential ist da - Europa und Deutschland sollten Indien als wichtigen Partner fördern.   (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)
Das Potential ist da - Europa und Deutschland sollten Indien als wichtigen Partner fördern. (picture alliance / dpa / Ralf Hirschberger)

Europa und Deutschland haben mit ihrem Fokus auf China die zweite große aufstrebende Nation, Indien, weitgehend aus dem Blickfeld verloren. Auf der Liste deutscher Exportmärkte beispielsweise liegt Indien nur auf Platz 22. Und das müsse sich ändern, meint Sabina Matthay.

Kaum etwas erfüllt Inder mit mehr Stolz als die Tatsache, dass ihr Land eine Demokratie ist, noch dazu die größte der Welt. Und doch wünschen sich viele, dass Indien so wäre wie China. Das Versprechen von Wohlstand und Entwicklung auf demokratischem Wege sehen sie nicht eingelöst.

Ist das "Reich der Mitte" nicht in jeder Hinsicht viel weiter, sei es bei Lebenserwartung, Durchschnittseinkommen oder Exportquote? Werden Wirtschaftsreformen und Infrastrukturprojekte nicht viel schneller umgesetzt? Und zwar weil der große Nachbar diktatorisch regiert wird?

Tatsächlich können Chinas totalitäre Herrscher ein ungleich rapideres Wirtschaftswachstum und eine deutlich effektivere Entwicklung vorzeigen als Indiens chaotische Demokratie.

Gerade weil der Westen sich auf den Aufstieg Chinas einstellen muss, darf er Indien als Gegenpol in der Region nicht vernachlässigen. Gerade jetzt nicht, da die politischen Institutionen des Landes in einer tiefen Legitimitätskrise stecken.

Indiens politische Klasse ist käuflich, die Regierung handlungsunfähig. Reformen kommen nicht voran, die Konjunktur lässt nach. Die Bürokratie stellt der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung alle erdenklichen Hürden in den Weg. Ein Sondergesetz ermöglicht Polizei und Militär in Teilen Indiens Bürger zu töten, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Derweil steigt des Volkes Sympathie für autokratische Figuren wie Narendra Modi, den Ministerpräsidenten von Gujarat. 2002 hatte der Hindu-Nationalist schwere Ausschreitungen gegen Muslime in seinem Bundesstaat geduldet, 2000 Tote, hunderttausend Vertriebene in Kauf genommen. Geschadet hat es ihm nicht: Gerade ist Modi im Amt bestätigt worden. Viele sehen ihn schon als nächsten indischen Regierungschef.

Und doch: Gute Verbindungen schützen Korruptionsverdächtige nicht mehr vor dem Richter, politische Bosse und ihre Kumpel mögen das Gesetz verbiegen, ignorieren können sie es nicht, und dass Narendra Modi sich Hindu-chauvinistische Parolen spart im Anlauf auf die Macht in Delhi, ist Verdienst der vielstimmigen Medien und der unbezähmbaren Zivilgesellschaft Indiens, die einst auch den ganzen Schrecken der anti-muslimischen Pogrome in Gujarat aufdeckten.

Im siebten Jahrzehnt seiner Unabhängigkeit ist Indien noch längst keine reife Demokratie. Doch es wäre es ein Fehler, sein Potential zu unterschätzen.

Die USA erkannten das lange vor Europa. Unter der Regierung von George W. Bush machten sie sich daran, ihr historisch schwieriges Verhältnis zu Indien durch ein strategisches Bündnis auf eine völlig neue Grundlage zu stellen.

Ein Bündnis mit Blick auf China, das seine wirtschaftliche und militärische Macht immer stärker betont: Indien auf demokratischem Wege zu Entwicklung und Wohlstand zu verhelfen, soll andere Schwellenländer Asiens davon abhalten, sich dem diktatorischen Modell Pekings zuzuwenden.

"Kann Indien Großmacht werden?" fragte die politische Wochenzeitschrift "The Economist" neulich auf ihrer Titelseite und zeigte dazu eine Miezekatze, die sich im Spiegel als Tiger erblickt.

Die Frage ist berechtigt, die Karikatur trifft es allerdings nicht: Neu Delhis strategisches Denken geht über die unmittelbare Nachbarschaft nicht hinaus, nachhaltiges Erbe der Mitgliedschaft in der Blockfreien-Bewegung. Ein Vierteljahrhundert nach Ende des Kalten Krieges sollte Indien sich dieses Erbes entledigen und eine globale Rolle suchen, die einer Großmacht in spe entspricht.

Doch auch Europa muss überlegen, wie es seinen Interessen in Asien Gewicht verleihen will. Wenn der Westen die Neuordnung der strategischen Weltkarte aktiv mitgestalten will, dann muss er auf Indien setzen. Und dem Land helfen, das Versprechen der Demokratie einzulösen.

Sabina Matthay, Journalistin (privat)Sabina Matthay, Journalistin (privat)Sabina Matthay, geboren 1961, studierte Angewandte Sprachwissenschaft in Saarbrücken - mit Abstechern nach Exeter in England und Urbino in Italien. 1990 Einstieg in den Hörfunk beim Deutschen Dienst des BBC World Service in London.

Auch nach der Rückkehr nach Deutschland und der Arbeit für verschiedene ARD-Sender ist sie dem Radio treu geblieben. Arbeitsschwerpunkte: Politik, Geschichte, Gesellschaft Großbritanniens und seiner ehemaligen Kolonien und Mandatsgebiete - nur Afrika ist noch ein weißer Fleck auf dieser persönlichen Landkarte.

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