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Profil / Archiv | Beitrag vom 08.08.2011

Der weltweit bekannteste Alzheimer-Aktivist

Richard Taylor hat ein Buch über seine Erkrankung geschrieben

Von Brigitte Neumann

Alzheimer-Patientin mit Pflegerin (AP)
Alzheimer-Patientin mit Pflegerin (AP)

Seine Erkrankung bedeutet für Dr. Richard Taylor sowohl Untergang als auch Aufstieg. Er war Psychologie-Professor in Texas, bis die Diagnose Demenz seine Laufbahn mit 58 abrupt beendete. Er schrieb auf, was sich in ihm zutrug und machte als Buchautor von "Alzheimer und Ich" sowie Redner Karriere.

Volksdorf, Hamburg. Eine Siedlung eng beieinanderstehender Einfamilienhäuser, die Straßen verkehrsberuhigt, Tulpen gondeln im Wind, sogar der Himmel wirkt geputzt.

Bevor es wieder nach Hause, nach Texas, geht, spannt Dr. Richard Taylor hier bei Freunden nach seiner dreiwöchigen Lese- und Vortragsreise durch Europa aus.

"Dies ist meine Frau Linda. Linda, das ist Brigitte. Wie geht es Ihnen? Gut und Ihnen. Ja. Danke gut ..."

Linda guckt ernst und geht in die Küche. Aber Richard steht da und grinst erwartungsvoll.

"How did you discover Richard Taylor?"

Ein Riese von Mann. Der Kopf mit dem windschief frisierten, dichten grauen Haar, mindestens zwei Meter über Null.

Aber mit den Augen stimmt etwas nicht. Zwei große schwarze Kiesel, vollkommen unbewegt.

"Ich bin erfreut und auch überrascht, dass die Leute zu mir finden. Denn so etwas Besonderes bin ich nun auch nicht."

Richard Taylor ist dement, wahrscheinlich ist es Alzheimer. Aber das lässt sich immer erst nach dem Ableben des Patienten sagen. Der beinahe 70-Jährige ist der weltweit bekannteste Alzheimer Aktivist - ein ehemaliger Psychologie Professor aus Texas. Vor elf Jahren wurde seine Krankheit diagnostiziert. In seiner zweiten Karriere betreibt er nun Fortbildung für Altenpfleger.

"Es war ein Moment, der die Mitarbeiter verändert hat. Sie lernten, dass sie den Kranken am besten helfen, nicht indem sie ihnen alles abnehmen, sondern indem sie sie zu mehr Selbstständigkeit ermuntern."

Außerdem reist er durch die Welt, hält Reden, gibt Interviews und schreibt regelmäßig an seinem Blog. Taylor ist etwas Besonderes: Im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen hat er den Mut, über seine Krankheit zu sprechen.

"Ich laufe vor meiner Zukunft weg, so schnell ich kann.""

Aber Taylor kann das kaum noch allein. Er ist auf die Unterstützung seiner Familie angewiesen.

""Ich habe einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn lebt in derselben Straße gegenüber mit ehm vier ... Enkelkindern, vielleicht auch fünf. Ich kriege das durcheinander. (aus dem Hintergrund, Linda: Vier!) Vier, sagt meine Frau. Es ist ein Segen für mich, an jedem Tag meines Lebens. Sie nehmen mich so wie ich bin, meine Enkelkinder. Meine jüngste kommt jeden Tag nach der Schule. Sie ist meine Freundin. Wir spielen dann Karten, und ich bringe die Regeln durcheinander. Und dann sagt sie nur: Opa, da ist Dein Alzheimer wieder. Das darfst Du nicht. Und dann geht's weiter."

Richard Taylor legt den Kopf schief, blickt verträumt zu Boden und wackelt mit einem Bein.

"Und sie respektiert mich. Und sie liebt mich als ihren Opa. Und die Tatsache, dass dieses Wort Alzheimer auf meiner Stirn steht, heißt für sie gar nichts."

Er lebt ganz in der Gegenwart. Denn von der Vergangenheit weiß er nicht mehr zuverlässig, wie sie war. Zum Beispiel seine Kindheit. Erst versteht er auch die Frage gar nicht. Aber dann klappt es doch noch mit einem kleinen Rückblick ...

"Ich bin in Chicago Illinois in eine arme Familie hinein geboren. Wir sind nie ausgegangen. Wir hatten keine Bücher, keine sozialen Verbindungen nach draußen. All das hat sich während meines Lebens so ergeben, und zwar eher zufällig."

Der Zufall, der Richard Taylors Leben veränderte, war das Lesen.

"Ich mochte Worte und kaufte mir ein Buch, das hieß 'In 20 Tagen zu einem reicheren Wortschatz'"."

Taylor hat als Erster in seiner Familie ein Studium absolviert: Psychologie. Er mag es, mit Menschen zu reden und ihnen Lösungen für ihre Probleme vorzuschlagen, sagt er. Seine Frau Linda hat er während des Studiums kennengelernt.

""Sie lud mich zum Abendessen ein. Sie hat den ersten Schritt gemacht. Und ehrlich gesagt dachte ich, sie wäre eine andere Frau. Ich dachte, sie wäre das Mädchen im grünen Kleid, so war es. (Pause) Nun, sie ist besser als das Mädchen im grünen Kleid."

Dieser Nachsatz – ein Segen, dass er noch kommt. Aber die Pause war lange genug, um einen Eindruck von der wohl auch qualvollen Beziehung zwischen Ehemann und Ehefrau zu bekommen, die nun zu Patient und Pflegerin geworden sind.

Linda werkelt in der Küche, immer ein Ohr auf das, was nebenan passiert. Immer auf dem Sprung, falls sie gebraucht wird. Richard Taylor kann wohl nicht mehr so ganz ermessen, wieviel Glück er hat, dass sie da ist. Kurze Zeit später hat er wieder die Rolle gewechselt, ist in die geschlüpft, die er immer noch gut beherrscht: Die Rolle des Therapeuten.

Er spricht nun ganz verständnisvoll über seine Beobachtung, dass die Gesunden ihn aus Angst vor einem Schicksal wie es ihn ereilt hat, meiden. Aber manchmal bleiben die Worte aus ...

"It's so painful for you to be around so that has ... is ... has ... is exhibiting the same ... you could catch it. "

Das Bein schlenkert nervös. Die Augen sind jetzt weit aufgerissen, ein Blick am Rande einer Panik. Richard Taylor kämpft. Und nichts und niemand kann ihm helfen. Die Worte, er darf die Worte nicht verlieren. Das weiß er. Denn wenn er die Worte verliert, dann hat er verloren, was ihn am meisten mit der Welt verbindet.


Richard Taylor: Alzheimer und Ich -
Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Brock
Verlag Hans Huber, Bern
240 Seiten, 22,95 Euro

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