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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.06.2012

Der Weg zur Freiheit

Kerstin Hensel: "Federspiel", Luchterhand Verlag, München 2012, 192 Seiten

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Kerstin Hensel mit einem Exemplar ihres Buches. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Kerstin Hensel mit einem Exemplar ihres Buches. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Die in Sachsen geborene Schriftstellerin Kerstin Hensel erzählt in ihrem Buch "Federspiel" von drei Frauen und ihrer Suche nach Freiheit. Es sind irritierende und kluge Geschichten voller Verstrickungen und schicksalhafter Bündnisse.

Sie ist eine Vatertochter, wie sie im Buch steht, eine, der der Vater den Namen Wanda gibt, weil er gut zu seinem passt. Er heißt Waldemar und versucht der Tochter, das Sprechen beizubringen ("in einem Alter, in dem ich noch keine Zähne hatte"), indem er ihr immer wieder den Paar-Reim vorsagt: "Va-ter. Wan-da." Die Tochter soll einzigartig sein und hochbegabt.

Der Mann ist ein pedantischer Deutschlehrer, genauer gesagt - und so heißt auch die Geschichte - ein "Deutschgeber", ein Mann, der alles besser weiß und die Fehler der anderen mit Leidenschaft korrigiert. Bis er selber einen Fehler macht, woraufhin ihn erst die Frau und dann die Tochter verlässt. Eine ungeheuerliche Begebenheit, von der er sich nicht erholen wird.

Die Berliner Autorin beschreibt den hochfahrenden Mann, der mit seinem Kind "Wortkarussell" fährt und absoluten Gehorsam fordert, mit dem Vergnügen einer klugen Erzählerin, die weiß, dass Hochmut vor dem Fall kommt - auch im Sozialismus. Sie entwirft das Porträt eines liebesunfähigen Menschen, der sich über dem dummen Schüler- und Kollegen-Volk wähnt und dann über den dümmsten und gewöhnlichsten Männer-Fehler stolpert. Ein Fehltritt, der für seine Frau jedoch endlich den Weg in die Freiheit bedeutet.

Auch die anderen beiden Geschichten variieren dieses Thema: Wie kann man sich befreien, einen Ausweg finden. Da ist die Tochter, die das Lachen ihres Vaters geerbt hat, was ihr ganz und gar nicht hilft, sondern sie zu einer Auffälligen macht. Erst im sozialistischen, dann im wiedervereinten Berlin.

In der dritten, der umfangreichsten, über Jahrzehnte reichenden Novelle geht es um einen kindlichen Fehler, der das Leben der Familie für immer beschädigt. Das kleine Mädchen verrät den Vater an die Nazischergen, bringt Unglück über Mutter und Bruder. Dafür wird sie zahlen müssen, für immer scheint sie gebunden und gefangen in der Fürsorge für die beiden Angehörigen. Aber auch hier wendet sich am Ende die Geschichte, und sie - auch hier wird man konfrontiert mit einer ungeheuerlichen Begebenheit - wählt erstaunlicherweise die Freiheit.

Kerstin Hensel erzählt von sonderbaren Menschen und Konstellationen, von Verstrickungen und schicksalhaften Bündnissen, die gleichwohl gelöst werden können. Sie fabuliert und skizziert und da, wo es eigentlich ziemlich düster und traurig aussieht, gelingen ihr immer wieder höchst komische Momente der wahren Empfindung.

Besprochen von Manuela Reichart

Kerstin Hensel: Federspiel. Drei Liebesnovellen.
Luchterhand Verlag, München 2012
192 Seiten, 19,99 Euro

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