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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 23.05.2018

Der Weg in den Dreißigjährigen KriegDas Ende des fragilen Religionsfriedens

Von Paul Stänner

Eine historische Illustration aus dem 19. Jahrhundert zeigt den Prager Fenstersturz (imago stock&people)
Ob sich der Prager Fenstersturz wie in dieser historischen Illustration aus dem 19. Jahrhundert zugetragen hat, ist unklar. (imago stock&people)

23. Mai 1618: Wütende Protestanten ziehen zur Pager Burg und werfen die Vertreter der katholischen Habsburgischen Macht aus dem Fenster. Auch wenn sie den Sturz überleben, markiert die Rüpelei den Beginn des Dreißigjährigen Krieges.

Die Sache selbst war kein Grund für einen Krieg. Natürlich war sie spektakulär, eine große, gewalttätige Geste, versehen mit einer guten Portion Verachtung gegen die Männer des Kaisers. Kein Grund für einen Krieg, aber ein Anlass.

Am 23. Mai 1618 zogen in Prag hunderte aufgebrachte Menschen zum Hradschin, wo die Vertreter des Habsburger Reiches residierten. Der Zug schwoll schnell auf mehrere tausend an. Die Wachen an den Toren waren so wenig auf diesen Ansturm vorbereitet wie ihre Herren oben in den Sitzungsräumen. Also traten sie beiseite und versuchten, nicht aufzufallen.

Die wütenden Protestanten schoben sich in den Burghof vor. Eine Delegation drang ohne Gegenwehr ins Innerste der Amtsräume vor und stellte die Vertreter der katholischen Habsburgischen Macht. Vier von eigentlich zehn waren anwesend.

Die Gemengelage, die jetzt zu dem drei Jahrzehnte andauernden Krieg führte, war - auf deutscher Seite - begründet durch den Augsburger Religionsfrieden, der 1555 zwischen Katholiken und Protestanten einen Status quo der Reformation festschrieb - wie der Historiker Georg Schmidt schreibt:

"Mit dem Augsburger Religionsfrieden wurde 1555 erstmals das unbefristete Nebeneinander zweier Varianten des christlichen Glaubens in einem politischen System geregelt."

Zerwürfnis zwischen Protestanten und Katholiken

"Cuius regio - eius religio" - nach dieser berühmten Formel galt als Regel: Ist der Landesherr katholisch, sind es auch seine Untertanen. Ist er evangelisch, sind es auch seine Untertanen. Und - der evangelische Landesherr darf die von der katholischen Kirche säkularisieren Güter - die Kirchen, die Klöster und die Ländereien dazu - behalten.

Nun gab es aber katholische Geistliche, die auch weltliche Fürsten waren. Trat ein katholischer Fürstbischof beispielsweise zum evangelischen Glauben über, musste er als weltlicher Landesherr zurücktreten und verlor sein Land. Das berührte den wunden Punkt im Reichsgefüge: Macht und Geld. Die Protestanten lehnten ab.

Die Folge: kriegerische Auseinandersetzungen. Der Friede von Augsburg schuf nur einen fragilen Schwebezustand.

1608 wurde die protestantische Union gegründet, ein Jahr später die katholische Liga. Damit hatten sich, nach einer Reihe von lokalen, aber teils dramatischen Auseinandersetzungen, zwei Lager gebildet, die sich gegenseitig alles Schlechte zutrauten – wie im Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts. Mit dem Unterschied, dass es keine Atombombe gab, vor der die feindlichen Lager Angst hatten.

1617 wurde ein katholischer Hardliner böhmischer König, der sich anschickte, Kaiser des Habsburgischen Reiches zu werden und ein katholisches Roll back zu starten: Ferdinand II. Mit ihm versuchten die katholischen Herrscher, die den Protestanten zugesprochenen Rechte zu beschneiden und den mühsam ausgehandelten Macht- und Gebietskompromiss zugunsten der katholischen Seite zu verschieben.

Die Konflikte waren vorprogrammiert. In Braunau sollten die reformierten Bürger dem katholischen Abt die Schlüssel ihrer Kirche ausliefern – sie weigerten sich. Ihre Delegierten, die sich beschweren wollten, wurden ins Gefängnis geworfen.

Auf Konfrontationskurs

Andernorts wurde eine schon errichtete evangelische Kirche auf Befehl des Bischofs niedergerissen. Das Reich des alten, mürben Kaisers Matthias war nicht hilfswillig und der Reichstag als vermittelnde Instanz hilflos. Hier konnten die Protestanten keinen Schutz finden. Georg Schmidt schreibt:

"Als eine böhmische Ständedelegation im März 1618 in Wien dagegen protestierte, wurde sie brüsk abgewiesen. Geschickt war dieser Konfrontationskurs nur, wenn man unterstellt, dass Ferdinand II. die Ereignisse vom 23. Mai 1618 provozieren wollte."

Die genauen Abläufe auf der Burg sind in keinem Protokoll festgehalten. Es gibt einen Stich von Matthäus Merian, der die Szene zeigen soll. Männer in hohen Hüten und bauschigen Kniebundhosen ringen miteinander. Je zwei Aufrührer haben die kaiserlichen Statthalter Martinitz und Slawata sowie den Sekretär Fabricius gepackt. Ein Opfer steht noch mitten im Saal und wehrt sich, das zweite schwebt, von zwei Attentätern gehoben, dicht vor der Fensterbank, das dritte ist schon halb zum Graben hinaus.

Ob sich die Szene so oder anders abspielte: Auf jeden Fall wurden die Vertreter des katholischen Habsburg aus dem Fenster geworfen. Der Fachausdruck der Geschichtswissenschaft für diese Form der Misshandlung kommt aus dem Lateinischen und lautet "Defenestrierung". Unter diesem akademischen Label erscheint der Fenstersturz fast wie ein hoheitlicher Akt des Volkszorns. Und so war er auch gemeint.

Was der Stich von Merian nicht mehr zeigt, ist das Resultat. Einige Quellen behaupten, Habsburgs Männer seien auf einem Misthaufen gelandet. Kann sein, kann aber auch Propaganda sein. Die Metapher aus Habsburger Herrschaft und Misthaufen ist zu verlockend.

Die Opfer kamen mit paar Blessuren davon

Golo Mann vermaß 15 Meter Falltiefe von Burgfenster bis Burggraben. Herfried Münkler kommt in seiner Darstellung auf 17 Meter. Münkler geht davon aus, dass die Habsburger Nutzen aus ihren pludrigen Gewändern gezogen haben und …

"… offenbar hatten auch die weiten Mäntel die Fallgeschwindigkeit gebremst, und die drei rutschten eher an der abgeschrägten Burgmauer hinunter, als dass sie in freiem Fall stürzten."

Am Ende brauchte nur einer der Defenestrierten fremde Hilfe, während sich die beiden anderen aus eigener Kraft vom Ort entfernen konnten. Golo Mann schreibt:

"Die Exekution war lächerlich, denn die Opfer kamen, wie man weiß, mit Todesangst, dem Leben und ein paar Schrammen davon, ohne dass man weiß, wie sie das taten. Die Folgen - die waren weder geisterhaft noch zum Lachen."

Auf eine Rüpelei folgt ein langer Krieg

Was verhinderte, dass die Defenestration von Prag lediglich als Rüpelei geahndet und vergessen wurde, waren wohl zwei Faktoren. Zum einen richteten die Prager Demonstranten schon am Tag nach dem Fenstersturz eine Art Revolutionsregierung ein. Es wurde in aller Hast ein Heer zusammengestellt - woraus man in Wien ersehen konnte, dass die Sache Folgen haben würde.

Und dann waren da noch die langen Schatten der Vergangenheit: Knapp 200 Jahre zuvor, 1415, war der böhmische Reformator Jan Hus während des Konzils von Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Vier Jahre danach kam es in Prag zu einem Zwischenfall, als katholische Ratsherren eine hussitische Prozession mit Steinen bewarfen.

Die Hussiten stürmten das Rathaus und warfen Bürgermeister und Ratsherren aus dem Fenster. Eine wütende, mit Spießen bewaffnete Menge massakrierte sie. Was folgte, waren die sogenannten Hussitenkriege.

An diese kollektive Erinnerung knüpfte der Fenstersturz von 1618 an, auch wenn man auf die Tötung der Opfer verzichtete. Das Re-enactment auf dem Hradschin sollte zeigen: Da war noch eine Rechnung offen, da war eine vergangene Niederlage der Reformierten zu korrigieren.

Das war die Ansage am 23. Mai 1618. Herfried Münkler urteilt:

"Der Anfang des Dreißigjährigen Krieges war von einer Paradoxie geprägt: Man scheute vor Blutvergießen zurück und setzte doch (was man indes nicht wissen konnte) einen Krieg in Gang, der zu einem der größten Blutvergießen der Geschichte werden sollte."

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