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Unsere Bundespräsidenten / Archiv | Beitrag vom 15.05.2009

Der Wanderpräsident

Karl Carstens

Von Ralf Geißler

Der ehemalige Bundespräsident Karl Carstens (AP)
Der ehemalige Bundespräsident Karl Carstens (AP)

An seiner Wahl zum fünften Bundespräsidenten schieden sich 1979 die Geister. Karl Carstens war bis Kriegsende Mitglied der NSDAP. Das provozierte Proteste - nicht nur in Deutschland. Der befürchtete Rechtsruck blieb während seiner Amtsführung aber aus.

Karl Carstens liebte das Wandern. Von der Küste zu den Alpen. Durch den Harz oder den Teutoburger Wald. Carstens erkundete Deutschland am liebsten zu Fuß. Und so begann seine Amtszeit bei deutscher Blasmusik an einem Wanderweg in Schleswig-Holstein. Tausende Bürger hörten zu, als Carstens sie einlud, ihn auf Schusters Rappen zu begleiten.

"In der Tat wollen wir hier heute Morgen die Wanderung beginnen, die wir antreten, um ganz Deutschland bis zu den Alpen zu durchwandern. Allerdings in Etappen. Immer nur in drei Tagen. Also nicht, dass sie denken, ich werde in den nächsten zwei Monaten meine Amtsgeschäfte aufgeben und nur noch wandern. Das geht leider nicht."

"Die Politik der großen Schritte", nannte ein Kommentator ironisch Carstens Wanderleidenschaft. Das Hobby des neuen Präsidenten kam trotzdem gut an. Und eine wohlmeinende Presse hatte Carstens nötig. Denn vor seiner Wahl hagelte es Kritik. Carstens war Mitglied der NSDAP gewesen. Mit 25 Jahren hatte er den Aufnahmeantrag bei der Nazi-Partei abgegeben. Trotzdem wählte die Bundesversammlung den CDU-Politiker am 23. Mai 1979 zum neuen Bundespräsidenten. Selbst befreundete Staaten nahmen es mit Argwohn zur Kenntnis. Ein Bericht aus Frankreich:

"Als einen konservativen, ja ultra-konservativen Politiker mit NSDAP-Vergangenheit hatte das französische Staatsfernsehen am Tage der Präsidentenwahl den neuen Bundespräsidenten porträtiert. Gleichzeitig wurde die Tatsache herausgestellt, dass mit dem Christdemokraten erstmals ein Repräsentant der Opposition das höchste Staatsamt übernimmt."

Doch der von vielen befürchtete Rechtsruck im Bundespräsidialamt blieb aus. Als Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag hatte Carstens der SPD noch vorgeworfen, mit Terroristen zu sympathisieren. Einmal Bundespräsident gab er sich staatsmännisch versöhnlich – auch gegenüber radikalen Linken.

"Diskussion ist die Stärke unserer Demokratie. Und wir sollten dieses Mittel auch und gerade in der Auseinandersetzung mit denen einsetzen, die meinen, diese Demokratie ablehnen zu müssen."

Karl Carstens und seine Frau Veronica bei einer Wandertour, Oktober 1079 (AP Archiv)Karl Carstens und seine Frau Veronica bei einer Wandertour, Oktober 1979 (AP Archiv)Carstens war ein Präsident in politisch turbulenten Zeiten. Während seiner Amtszeit zerbrach zum ersten Mal in der Bundesrepublik eine Koalition: Helmut Schmidt wurde gestürzt. FDP und Union taten sich zusammen und wählten Helmut Kohl zum neuen Kanzler. Doch weil Kohl die Mehrheit im Bundestag zu dünn erschien, erzwang er mit einem Trick Neuwahlen. Bei einer inszenierten Vertrauensfrage verweigerten die eigenen Abgeordneten Kohl die Gefolgschaft. Carstens wurde aufgefordert, das Parlament aufzulösen und Neuwahlen anzusetzen.

"Ich habe mir die Sache bestimmt nicht leicht gemacht. Alles, was zu dem Thema im Deutschen Bundestag gesagt worden ist, habe ich sorgfältig geprüft. Zunächst ist es dem Bundespräsidenten nicht möglich festzustellen, aus welchen Gründen der einzelne Abgeordnete dem Bundeskanzler die Zustimmung versagt hat. Ich halte mich und ich muss mich halten an die öffentlich vorgetragenen Begründungen."

Das Bundesverfassungsgericht gab Carstens Recht. Die Richter urteilten, die Auflösung des Bundestages sei nicht zu beanstanden gewesen. Bei den Neuwahlen 1983 zogen erstmals auch die Grünen in den Bundestag ein. Carstens – einst Feindbild der außerparlamentarischen Opposition – gab sich auch hier staatsmännisch gelassen.

"Ich habe keine Veranlassung, das Aufkommen neuer Parteien zu kritisieren. Das ist ja die Stärke unserer demokratischen Ordnung, dass sich jederzeit eine neue Partei bilden kann. Und wenn sie fünf Prozent der Wähler auf sich vereint, dann hat sie eben einen Anspruch darauf, im Parlament vertreten zu sein."

Carstens war stets um strikte Neutralität bemüht. Das machte ihn vielleicht ein wenig blass. Für eine zweite Amtszeit stand er aus Altersgründen nicht zur Verfügung. Als Carstens am 31. Mai 1992 starb, hatten die Deutschen ihren Wanderpräsidenten fast vergessen. Der Nachruf im Nachrichtenmagazin "Spiegel" füllte nur wenige Zeilen auf den letzten Seiten.

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