Der Verein "Musica reanimata"

    Musik im historischen Zeugenstand

    28:46 Minuten
    Das verzerrte Bild eines Saxophonspielers, der einen Judenstern trägt und afrikanische Züge trägt, wurde das Symbol von "Entartete Musik" in der Zeit des Nationalsozialismus.
    Forschungsgegenstand des Vereins ist die Musik, die als entartet oder verfemt galt oder die in Konzentrationslagern entstand. © picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd
    Von Michael Dasche · 13.08.2021
    Seit 1990 setzt sich der Verein „Musica reanimata“ dafür ein, von den Nationalsozialisten verfolgte Komponisten und ihre Werke ins Musikleben zu integrieren. Seine "Gesprächskonzerte" sind künstlerische Darbietung und historische Aufarbeitung zugleich.
    Mit der Erinnerung an Theresienstadt, an das berüchtigte Getto, von dem aus die Deportationen tausender Menschen jüdischer Herkunft, darunter vieler Intellektueller und Künstler nach Auschwitz führte, begann die Gründung des Fördervereins zur Wiederentdeckung NS-verfolgter Komponisten und ihrer Werke "Musica reanimata".
    "Musica reanimata" thematisiert auf sehr direkte Weise die bedrückenden Verhältnisse in dem Getto, das von der NS-Propaganda in zynischer Weise als besonders "human" dargestellt wurde. Trotz seiner Nähe zum Vernichtungslager Auschwitz entfaltete sich ein vitales Musikleben, wurden hier viele neue Werke komponiert und sogar aufgeführt.
    Eine gelbe Mauer einer ehemaligen Festung mit einem halbrunden Torbogen, der den Schriftzug "Arbeit macht frei" trägt und der Eingang zum Konzentrationslager Theresienstadt war.
    Im Konzentrationslager Theresienstadt besorgte sich Viktor Ullmann Papier für seine Kompositionen, die in der Gefangenschaft entstanden.© imago / Jan Huebner
    Besondere schöpferische Potenz und Produktivität bewiesen Komponisten, deren Namen – nicht zuletzt dank "Musica reanimata" – inzwischen doch recht geläufig sind: darunter der in Tschechien geborene, in Wien und Prag in den 1920er- und 30er-Jahren erfolgreiche Viktor Ullmann. Sein hohes künstlerisches Ethos blieb unter den Bedingungen der Inhaftierung ungebrochen. "Ich habe in Theresienstadt ziemlich viel neue Musik geschrieben", heißt es in einem Brief. "Zu betonen ist, dass wir keineswegs bloß klagend an Babylons Flüssen saßen und dass unser Kulturwille unserem Lebenswillen adäquat war."

    Ullmanns "Der Kaiser von Atlantis"

    Ein Schlüsselerlebnis für die Gründer des Fördervereins war ein Berlin-Gastspiel der Wiener Kammeroper mit der Tabori-Inszenierung von Viktor Ullmanns Bühnenwerk "Der Kaiser von Atlantis", das 1943/44 unter dem Eindruck des Terrors in Theresienstadt entstanden war.
    Winfried Radeke, Komponist und Leiter der Neuköllner Oper, setzte das Werk aufs Programm seines Ensembles, und setzte damit einen der Startpunkte für die Arbeit von "Musica reanimata", in die sich wenig später Albrecht Dümling, bis heute Vorsitzender des Vereins, mit großer wissenschaftlicher Kompetenz einbrachte.

    Bewährte Form: das Gesprächskonzert

    Durch die Beschäftigung mit Erwin Schulhoff verschob sich die Perspektive der künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeit des Vereins. Der Akzent lag und liegt nicht allein auf dem künstlerischen Rang der verfolgten Komponisten, ihre Musik sollte auch wieder erklingen und damit gebührende Anerkennung durch ein Publikum erfahren.

    Albrecht Dümling schildert den Ansatz: Im "Gesprächskonzert" wird beim Hören der Musik sowohl das Kunstwerk als auch das historische Dokument erlebbar. Der Wortanteil der Konzerte ist dabei unverzichtbar, damit Musikwerke als Zeitdokumente und ihre Urheber als Zeitzeugen zur Geltung kommen. Dies wiederum gelingt besonders eindrucksvoll und authentisch, wenn noch lebende Komponisten bei den Veranstaltungen dabei sein können.
    Verschiedene Notenbände auf einem Tisch, die den Komponistennamen Erwin Schulhoff tragen.
    Erwin Schulhoff war einer der vielfältigsten Komponisten seiner Zeit, der 1942 in der Internierung verstarb.© picture alliance / dpa / Jens Büttner

    Einsatz für die verfemte Moderne

    "Musica reanimata" widmet sich nicht allein solchen Werken, die von der Zeit ihrer Verdrängung sprechen, diese Zeit also direkt thematisieren. Vielmehr soll Musik für und von Zeiten sprechen, in der sie entstanden ist, mithin auch vor und nach der NS-Herrschaft. Auch da gibt es gehörigen "Reanimationsbedarf", denn von den Nationalsozialisten wurden Musikwerke und ihre Urheber keineswegs nur aus rassischen oder politischen Gründen verfolgt oder verdrängt, sondern auch, wenn sie nach den Kunstdoktrinen des Regimes als "entartet", als "modernistisch-dekadent" eingestuft wurden.
    Für "Musica reanimata" ergab sich daraus die Konsequenz, Pioniere der Avantgarde und heutige "Klassiker" der Moderne in die Konzertprogramme und wissenschaftlichen Projekte einzubeziehen.

    Gebrochene Lebensläufe

    Friedrich Hollaenders Künstlerleben ist beispielhaft für die "gebrochenen" Karrieren vieler von den Nationalsozialisten verfolgten Musikern. In den 1920er-Jahren war er ein gefeierter Kabarettautor, Komponist und Pianist, arbeitete zusammen mit Tucholsky.
    Der Schlager-, Revue- und Filmkomponist Friedrich Hollaender als älterer Herr in einem Sessel sitzend.
    Friedrich Hollaender komponierte seinen größten Hit 1930: "Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt".© dpa
    Im Exil in Hollywood konnte er an diese Erfolge nur noch zum Teil als Filmkomponist anknüpfen. Als er dann ins Nachkriegsdeutschland zurückkehrte, musste er die bittere Erfahrung des Heimkehrers in ein fremdes Land machen. Der "Fall" Hollaender kennzeichnet einen wichtigen Schwerpunkt der Arbeit von "Musica reanimata", subsumierbar unter dem Stichwort "Remigration".

    Gegen die Vereinnahmung

    Zum Spektrum der Projekte gehört ferner, dass man sich mit herausragenden Interpreten beschäftigt, auch wenn sie nicht rassisch verfolgt waren, wenn sie der Vereinnahmung durch das NS-Regime aus eigenem Antrieb widerstanden: so etwa der Geiger Adolf Busch. Er wurde von einer wenig bekannten Seite her porträtiert: als Komponist feinsinniger Kammermusik.
    Der Geigenvirtuose Adolf Busch in einer historischen Fotografie.
    Der Geigenvirtuose Adolf Busch, Gründer des "Busch-Quartetts" ging 1939 in die USA und setzt dort seine Karriere fort.© dpa / picture alliance
    Und schließlich geraten auch ganze Familien ins Blickfeld, die quasi die institutionelle Basis des deutschen Musiklebens bildeten und im Zuge der "Arisierung" ihrer Unternehmen enteignet und vertrieben wurden. So geschehen mit den Inhabern des Leipziger Peters-Verlages.
    Auf vielfältige Weise also gelangt Musik gleichsam in den historischen Zeugenstand – eine Position, die ihr nicht von selbst zuwächst und die der ständigen wissenschaftlichen Fundierung bedarf.
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