Der verdrängte Albtraum in Kambodscha

Rund ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung wurde unter den Khmer getötet. © AP
Von Udo Schmidt · 28.09.2011
Um die zwei Millionen Menschen sind während der Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha ums Leben gekommen. Eine wirkliche Aufarbeitung hat es bisher nicht gegeben. In Phnom Penh stehen nun vier ehemalige Führungsfiguren des Rote-Khmer-Regimes vor Gericht.
Sep San Mun sitzt am Marktplatz von Battambang an einer Hausecke, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Nein, um das Rote Khmer-Tribunal in Phnom Penh kümmere er sich nicht.

Sep San Mun wartet auf ein Arbeitsangebot für diesen Tag, das ist seine Politik.

Som Narom sitzt nicht weit von Sep San Mun entfernt, in der überdachten Markthalle von Battambang. Sie bietet ihre Dienste als Schneiderin an, volle Regale zeugen von einer guten Auftragslage.

"Bisher haben die jungen Leute doch gar nicht glauben wollen, was vor 35 Jahren passiert ist. Wenn sie jetzt, aus Anlass des Tribunals, die Bilder von damals im Fernsehen sehen, dann begreifen sie vielleicht etwas von der jüngeren Geschichte Kambodschas. Sie können ein bisschen fühlen, wie grausam es damals war."

60 Prozent der Bevölkerung Kambodschas ist unter 35 Jahre alt. Die meisten Menschen haben also die Terror-Herrschaft der Roten Khmer nicht einmal als kleines Kind erlebt. Für sie geht der Blick nach vorne, in eine ungewisse Zukunft in einem korrupten Kambodscha, das nur wenigen eine klare Berufsperspektive bietet. Und in der Schule sei das Thema Rote Khmer ebenfalls lange Zeit tabu gewesen – bis vor kurzem, sagt Lars Olsen, der Sprecher des Tribunals in Phnom Penh:

"Wir haben durch Befragungen herausgefunden, dass die jungen Menschen in Kambodscha nur sehr wenig über diese Zeit wissen. Deshalb haben wir begonnen, Aufklärungsprogramme einzuführen, um sicherzustellen, dass sie etwas über die Roten Khmer und über dieses Tribunal erfahren. Bis vor zwei Jahren gab es in den kambodschanischen Geschichtsbüchern keine Rote-Khmer-Kapitel. Es ist ganz offensichtlich, dass da noch viel zu tun ist."

Pailin, 150 Kilometer westlich von Phnom Penh, nahe an der Grenze zu Thailand, war das Rückzugsgebiet der letzten Roten Khmer. Vietnamesische Truppen waren 1978 in Kambodscha einmarschiert und hatten das Land vom Horror der Intellektuellenhasser befreit. Damals, während des kalten Krieges, als die Vereinten Nationen noch lange Zeit die Roten Khmer als legitime Regierung anerkannten, siedelten sich in Pailin die jetzt angeklagten Führungskader an: Nuon Chea, Bruder Nummer 2 und Chefideologe, Khieu Sampan, der Staatspräsident der Roten Khmer, Ieng Sary, der Außenminister, sowie Ieng Thirit, die Sozialministerin. Pailin, noch mehr Rote Khmer-Hochburg als Battambang also.

Banboh ist Anfang 20 fährt Lkw. Viel weiß er von den Roten Khmer nicht, in der Schule hat er kaum etwas über diese Zeit gelernt, aber, so Banboh:

"Ich habe sowieso nicht viel Zeit in der Schule verbracht. Ich bin immer nur ein paar Stunden hingegangen, weil ich dann Geld verdienen musste."

Und Thein, Verkäuferin auf dem Markt von Pailin, der kaum mehr ist als eine Ansammlung einfacher Buden, gibt eine für junge Menschen in Kambodscha ebenfalls sehr typische Antwort auf die Frage, was sie denn so wisse von den Roten Khmer und ob sie an dem Verlauf des Prozesses in Phnom Penh interessiert sei.

"Ja, ich denke, das Tribunal ist wichtig für die Menschen in Kambodscha. Eigentlich weiß ich aber gar nicht genau warum. Ich kenne immerhin ein paar alte Leute, die den Prozess im Fernsehen verfolgen."

Van Nath ist einer von nur sieben Überlebenden des Foltergefängnisses S 21 mitten
in Phnom Penh:

"Heute ist ein ganz besonderer Tag für mich, ich will wie alle anderen Opfer wissen, verstehen können, wie das damals alles geschehen konnte."

Rund 13.000 Menschen wurden in den knapp vier Jahren des Pol Pot-Regimes im Foltergefängnis S 21 grausam gequält und umgebracht. Van Nath überlebte.

"Es war der reine Zufall, dass ich S 21 überlebt habe. Ich konnte gut zeichnen und habe dann Propagandaplakate malen dürfen."

Theary Seng ist Opferanwältin, Gründerin der kambodschanischen Opfervereinigung und selbst Opfer der Roten Khmer. Ihre Eltern wurden nach 1975 umgebracht, sie konnte als Kind in die USA flüchten und kehrte von dort – gut ausgebildet und voller Wut auf die Roten Khmer – zurück.

"Welches Recht hatten die Roten Khmer, mit Menschen zu experimentieren, mit dem Leben meiner Mutter und meines Vaters, mit dem meiner Verwandten, mit dem Leben von Millionen?"

Die 39-jährige Anwältin weiß auch, was auf keinen Fall passieren darf:

"Straflosigkeit darf es nicht geben. Was damals passiert ist, ist nicht zu akzeptieren, nicht zu verstehen. Wir müssen dieses Tribunal für ein öffentliches Signal nutzen, dass es jetzt mit dem Land vorangeht."

Phy Run Pao ist aus Kanada angereist. Dort lebt er bereits seit Jahrzehnten, seine Familie war vor den Roten Khmer geflüchtet – und hatte den Vater zurücklassen

"Ich befürchte ja, dass wir diesen Albtraum nie wieder loswerden, dieses Trauma unserer Geschichte, aber vielleicht kann der Prozess doch ein bisschen helfen."

Sagt er und erzählt dann, dass er im vergangenen Jahr sieben Monate in seiner alten Heimat Kambodscha nach seinem Vater gesucht und ihn schließlich lebend gefunden habe – im November in einem Dorf nahe der thailändischen Grenze.

"Wir hatten seit 1975 nichts mehr von ihm gehört, er war nach unserer Flucht aus Phnom Penh mit einem Lastwagen weggebracht worden. Wir waren uns eigentlich sicher, dass er wie so viele andere umgebracht wurde."

Mehrere hundert Zuschauer, Überlebende der Rote Khmer-Herrschaft und Angehörige, haben sich vor und in dem Gerichtsgebäude eingefunden – manche von ihnen treten als Nebenkläger auf. Sie alle sind geradezu schicksalshaft mit der Pol-Polt-Zeit verbunden, sie alle waren Teil des perversen Gesellschaftsexperiments der Roten Khmer, waren ihnen ausgeliefert.

Drinnen im Gerichtssaal, auf der Anklagebank, kaspert Nuon Chea herum, unter Pol Pot Bruder Nummer 2 und Chefideologe der Roten Khmer. Erst hat er sich Pudelmütze und Sonnenbrille erbeten, um sich zu wärmen und die lichtempfindlichen Augen zu schützen, dann hebt er zu einer kurzen Pöbelei an:

"Ich erkenne das Gericht nicht an – mehr sagt jetzt mein Anwalt."

Und verschwindet zurück in seine Zelle in einem Extra-Gebäude gleich neben dem Gericht. Eine kleine Störung nur, größere werden sicher folgen während dieses Verfahrens. Das ahnt auch Opferanwältin Theary Seng:

"Der Prozess steckt voller Hürden und Herausforderungen, die größten sind natürlich das geringe Interesse der Regierung und die Korruption, aber auch das Alter der Angeklagten, alle sind um die 80, ist ein Problem. Manche sind bei schlechter Gesundheit, sie könnten sterben, bevor ein Urteil gefallen ist. Das wäre für uns alle ganz furchtbar."

Das Führungsquartett der Roten Khmer lebte bis zur Verhaftung in oder in der Nähe der Kleinstadt Pailin nahe der thailändisch-kambodschanischen Grenze, ihre Häuser stehen noch dort, und Anhänger gibt es in Pailin auch noch immer.

Hier haben die Angeklagten des derzeitigen Rote Khmer-Tribunals gewohnt. Hier lebt auch Ven Dara, eine Nichte von Ta Mok, dem inzwischen verstorbenen Militärchef der Roten Khmer, der damals dem engsten Führungszirkel um Pol Pot angehörte. Sie wohnt in einem schlichten, aber schönen Haus am Rande Pailins. Im Fernsehen läuft die Übertragung des dritten Prozesstages des Rote-Khmer-Tribunals in Phnom Penh.

Ven Dara und Khin Pun, ein Parteikollege, sitzen aufmerksam vor dem Bildschirm. Beide waren damals zwischen 1975 und 1979 ganz nah an dieser Führungsriege. Ven Dara als Nichte des Militärchefs, Khin Pun hielt sich als Leibwächter immer in der Nähe von Pol Pot, dem Bruder Nummer Eins auf.

Ven Dara bezweifelt, dass es während der Rote-Khmer-Herrschaft unter Präsident Khieu Samphan so viele Tote gegeben hat.

"Ich glaube nicht, dass Khieu Samphan für zwei Millionen Tote verantwortlich ist."

Ja, sagt sie dann, sie wisse, dass es damals Morde gegeben habe. Aber so viele? Für Khin Pun, den Ex-Leibwächter, ist die Zahl der Toten nicht so wichtig. Wichtig sei, dass die vier Angeklagten nicht verantwortlich sein können:

"Bei den Roten Khmer gab es keine Befehle Massenmorde zu verüben. Nirgendwo stand, dass die eigenen Leute umgebracht werden sollen."

Damals, sagt Khin Pun, sei er sehr jung gewesen, seine ganze Familie habe sich als Rote Khmer verstanden. Er sei dann zu einer Ausbildung geschickt worden, später war er immer in Pol Pots Nähe, immer an der Seite von Bruder Nummer 1, sein Vater dagegen wurde 1976 verhaftet.

"Eigentlich will ich ja nicht leugnen, wofür die Angeklagten mitverantwortlich sind, aber man muss bedenken, dass wir damals auch wachsam sein mussten. Es gab viele Feinde, die uns töten wollten."

Die Enkelkinder Ven Daras kommen von der Schule nach Hause. Zu Gast bei einer netten, freundlichen Frau. Ja, sagt sie, damals sei sie doch auch noch so jung gewesen, 13 Jahre alt. 1972 war das, also noch bevor die Roten Khmer an die Macht kamen. Damals sei sie bei den Roten Khmer zur Krankenschwester ausgebildet worden.

"Ich war sehr glücklich, mit meinem Onkel zu den Roten Khmer gehen zu können, ich wollte ein Teil der Bewegung werden, ich wollte das Land befreien."

Ven Dara und Khin Pun sind immer noch überzeugt, dass damals vieles richtig war, dass die Roten Khmer das richtige Ziel verfolgten.

"Die eigene Bevölkerung umzubringen, war doch kein Grundsatz der Rote Khmer- Ideologie. Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie es dazu kommen konnte, was da eigentlich warum passiert ist. Ich war immer gern ein Teil der Revolution. Zum Tribunal muss ich sagen, dass es sich aus meiner Sicht um kein faires Gericht handelt. Wir hätten das viele Geld lieber für die Entwicklung Kambodschas ausgeben sollen."

Ein Argument, das auch von anderer Seite kommt. Mehr als 100 Millionen Euro hat das Tribunal bisher gekostet, am Ende des zweiten Verfahrens werden es mindestens 150 Millionen Euro sein. Der kambodschanische Ministerpräsident Hun Sen ist strikt gegen weitere Verfahren. Er wolle Ruhe für das Land, sagt er und meint damit, er wolle Straffreiheit für alle, die damals verwickelt waren und heute Mitglieder des Regierungsapparates sind. Hun Sen selbst war Roter Khmer, floh aber 1977 nach Vietnam und half, das Pol Pot- Regime zu stürzen.

Auf dem Markt Pailins werden Edelsteine und Gold angeboten, dafür ist der Ort bekannt. Kol Phano verkauft Gold und Uhren, wechselt auch Geld. Er ist Opfer der Roten Khmer, hat damals als Kind seine Familie verloren:

"Ich habe 1975 meine Eltern verloren. Für mich war das furchtbar, ich hatte als Kind und Jugendlicher ein schlimmes Leben unter den Roten Khmer. Da war niemand, der auf mich aufgepasst hat. Ich möchte unbedingt Gerechtigkeit und Strafe auch für die, die die Morde mit eigenen Händen ausgeführt haben."

Es sei aber kein Problem, sagt er, seit Jahren direkt neben den Hauptverantwortlichen der Morde der Pol Pot-Zeit zu leben.

"Ich habe es noch nie merkwürdig gefunden, mit den Roten Khmer in einem Ort zu leben. Mir ist vor allem wichtig, dass auch die Täter aus der zweiten Reihe vor Gericht kommen."

Teng Vi sitzt an einem Stand mit Haushaltsartikeln gleich nebenan. Auch sie hat ihre Eltern verloren. Dennoch sagt sie:

"Es ist nicht schwierig, mit den ehemaligen Roten Khmer hier zu leben. Früher war etwa Ieng Sary, Pol Pots Außenminister, immer sehr freundlich, jetzt allerdings ist sein Haus verschlossen."

Teng Vi räumt Fläschchen in dem Regal hinter ihr von links nach rechts. Täter und Opfer fast Tür an Tür - in Pailin, der letzten Bastion der Roten Khmer, scheint das zu funktionieren. Das zu verstehen ist nicht leicht.

Knapp 100 Kilometer weiter, rechts ab von der Nationalstraße zehn und dann über Schotterwege weiter bis nach Tah Sahn. Hier lebt Meas Muth, ehemaliger Militärkommandeur der Roten Khmer, ebenfalls einer der Hauptverantwortlichen für die Massenmorde, der einem Prozess aber vermutlich entgeht, eben weil ein dritter Prozess vor dem Tribunal in Phnom Penh wahrscheinlich nicht mehr zustande kommt. Meas Muth liegt in einer Hängematte vor seinem Haus, das ganz und gar nicht bescheiden ist und wie ein Solitär mitten im dichten Wald steht.

Nein, sagt Meas Muth, er habe Magenschmerzen und könne nicht sprechen. Er will wohl nicht. Warum sollte er wollen, wenn er sich vor dem Tribunal nicht verantworten muss?

Meas Muth ist nicht allein draußen im Wald. Gleich um die Ecke sitzt eine Gruppe Männer, Mitte vierzig, sie lachen. Unter ihnen ist Pich Than. Er streitet ab, Soldat der Roten Khmer gewesen zu sein.

"Damals war ich knapp 20 Jahre alt und habe hier in der Nähe auf dem Feld
gearbeitet."

Nicht alle hier bekennen sich zu ihrer Vergangenheit, zumal wenn man nicht genau weiß, wer da eigentlich fragt. Und dann sagt man besser auch nichts zu dem Prozess in Phnom Penh. Nun muss dieser Anklage nur noch ein nachvollziehbarer, ein glaubwürdiger Prozess folgen, der vielleicht doch noch jungen Menschen einen Blick auf die Geschichte Kambodschas gestattet. Denn der Prozessverlauf wird das eigentlich Wichtige an diesem Rote Khmer-Tribunal sein. Ein Urteil, wie auch immer es ausfällt, wird nie all die Angehörigen, die noch immer unter den Erinnerungen leiden, überzeugen können. Noch ist nicht einmal sicher, ob sich den vier Angeklagten, die sich selbst nie die Finger schmutzig gemacht haben, Massenmord, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit überhaupt juristisch einwandfrei nachweisen lassen. Opferanwältin Theary Seng drückt es so aus:

"Das Tribunal ist ein Weg, eine Möglichkeit, das Schweigen der Vergangenheit zu brechen und eine Verbindung zu einer besseren Zukunft zu schaffen. Es war ein langer Weg, bis wir jetzt überhaupt Anklage erheben konnten. Die Ermittlungen brauchten Zeit, die Angeklagten haben nicht mitgeholfen, Licht in das Dunkel zu bringen. Aber nun ist alles gut vorbereitet. Es wird kein einfacher und kein kurzer Prozess."

Einfach auch deshalb nicht, weil Kambodscha viele andere Probleme hat. Ein Problem ist die Regierung des autokratischen Ministerpräsidenten Hun Sen, der andere Meinungen nicht zulässt, Wahlen zur Farce hat verkommen lassen und mit Korruption das wenige Geld aus dem eigentlich so reichen Land saugt. Und wenn es Modernisierung gibt, dann meist auf Kosten der Menschen, wie etwa die Luxusbebauung des Innenstadtsees von Phnom Penh, an der vor allem ein Parteigenosse Hun Sens verdient – und natürlich die chinesischen Investoren. Die Bevölkerung am Ufer des ehemaligen Sees, der fast zugeschüttet ist, wird vertrieben, notfalls mit Gewalt. Mehr als 60 Prozent der Kambodschaner sind unter 35 Jahre alt, nur für wenige gibt es eine vernünftige Berufsperspektive. Der Blick zurück erscheint
da vielen als purer Luxus. Van Nath, der wegen seiner künstlerischen Fähigkeiten das Foltergefängnis überlebt hat und von dem ein beeindruckendes Selbstporträt in der Gedenkstätte Tuoal Sleng in Phnom Penh hängt, glaubt dennoch, trotz all der akuten Probleme Kambodschas, an eine bessere Zukunft:

"Mit meinen Erfahrungen, die ich in dem Foltergefängnis gemacht habe, will ich den jungen Menschen deutlich machen, dass sie so etwas nicht geschehen lassen dürfen."
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