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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 06.11.2018

Der „Väter und Söhne“-Autor in Baden-Baden„Laterne oder nicht, ich bin Turgenjew!“

Von Matthias Kußmann

"Bildnis Iwan Turgenjew", ein Ausschnitt aus dem Ölgemälde des russischen Schriftstellers Iwan Turgenjew von 1879, gemalt von dem Künstler Ilja Repin (1844-1930) (picture alliance / akg-images)
Ab 1863 lebte der russische Autor Iwan Turgenjew in Baden-Baden - am 9. November wäre er 200 Jahre alt geworden. (picture alliance / akg-images)

Iwan Turgenjew war schon zu Lebzeiten berühmt. Heute gilt er als Hauptvertreter des russischen Realismus'. Sieben Jahre hat der Autor in Baden-Baden gelebt. Dort erfährt man viel über sein Leben - und die Fallstricke im deutsch-russischen Verhältnis.

"Turgenjew war ein sehr schöner Mann. Er war beinah zwei Meter groß, hatte lange wallende weiße Haare schon seit dem 40. Lebensjahr, einen rauschenden Bart, sehr schöne graue Augen und eine sehr ausdrucksvolle Nase."

Renate Effern klingt fast verliebt, wenn sie über den berühmten russischen Autor spricht; als Vorsitzende der deutschen Turgenjew-Gesellschaft darf sie das auch. Wir sind in Baden-Baden an der Lichtentaler Allee. Iwan Turgenjews Bronzebüste steht hier, zwischen schönen alten Bäumen, Villen und Hotels. Er lebte seit 1863 sieben Jahre hier.

"Er hat hier in der Nähe gewohnt und dieser Weg führte zu der Villa des Ehepaars Viardot. Und da er praktisch jeden Abend bei diesem Ehepaar zu Gast war, nahm er immer diesen Weg und ging dann in die damalige Tiergartenstraße, wo die Viardots gewohnt haben. Interessant ist, dass er da immer eine Laterne dabei hatte. Seine Wirtin hat ihm gesagt: "Das sieht aber sehr merkwürdig aus." Da soll er gesagt haben: "Laterne oder nicht, ich bin Turgenjew!"

Nach Baden-Baden kam Turgenjew wegen einer Frau

Der Autor von Romanen wie "Väter und Söhne" war schon zu Lebzeiten berühmt. Heute gilt er als Hauptvertreter des russischen Realismus'. Nach Baden-Baden kam er wegen einer Frau – Pauline Viardot, einer Art Maria Callas ihrer Zeit. Auch von ihr gibt es heute eine Büste, allerdings kleiner und am Rand der Lichtentaler Allee, neben einer lauten Straße. Vielleicht eine Art später Rache, weil sie die Schickeria der Stadt nicht mochte:

"Ihr Salon hier in Baden-Baden war quasi ein Gegenentwurf zu dem Leben, was sich im Kurhaus und in der Spielbank abspielte. Da war die große Welt, die reichen Gäste, und bei ihr waren eben die Intellektuellen, die Künstler."

Ob Turgenjews Verhältnis zu ihr auch erotisch war, ist bis heute unklar. Es gibt Briefe, die, na ja…

Zitator: "… ich möchte mein ganzes Leben als Teppich unter Ihre lieben Füße, die ich 1000 mal küsse, breiten…"

Zugleich war Turgenjew aber mit Paulines Mann befreundet, von Eifersucht ist nichts bekannt. Vielleicht war es einfach eine geglückte Ménage à trois... Folgt man der Allee, kommt man zu einem prächtigen Gründerzeit-Gebäude, Brenners Park-Hotel. Dahinter stand das Haus Anstett, wo Turgenjew fünf Jahre lebte.

Turgenjew schrieb kritisch über seine Landsleute

Wir stehen hier vor dem Haus Anstett, was abgerissen worden ist und wo ein Neubau entstanden ist, der zu Brenners Park-Hotel gehört. Der Oetker-Konzern, dem das Nobelhotel gehört, war mit dem Abriss nicht zimperlich. Neben Haus Anstett stand ein historisches Holzhaus, das ebenfalls platt gemacht wurde. Dort befindet sich heute die "Residenz Turgenjew", ein Neubau mit Appartements – 49 Quadratmeter für knapp 3000 Euro im Monat, plus Nebenkosten.

"Aber in dem ursprünglichen Haus Anstett, was einem Ofenfabrikanten gehörte, hat Turgenjew gewohnt. Es war ein einfaches Haus mit einem großen Garten und er hat sich dort sehr wohl gefühlt. Und in diesem Haus Anstett hat er seinen Roman 'Rauch' geschrieben…"

... in dem es um reiche Russen in Baden-Baden geht. Sie kamen im 19. Jahrhundert scharenweise in die Kurstadt, einen Mythos der Eleganz. Doch Turgenjew beschrieb seine Landsleute kritisch.

Zitator: Da war zunächst Graf X, unser unvergleichlicher Dilettant, eine zutiefst musikalische Natur, der wunderschön Romanzen "vorträgt", im Grunde genommen aber keine zwei Töne aneinanderreihen kann (…). Da war auch unser charmanter Baron Z, der sich auf alles mögliche versteht, der Literat, Administrator, Redner und Falschspieler in einem ist. Und auch Fürst Y war da, ein Freund der Religion und des Volkes, der ehedem (…) durch den Verkauf von Fusel, dem ein Narkotikum beigemengt war, ein riesiges Vermögen erworben hat.

"Was mich persönlich dann sehr wundert ist, dass er sich gar nicht erklären konnte, warum sein Buch in Russland so schlecht angekommen ist. Er hat gesagt, mein Gott, da kommen die Steine von allen Seiten geflogen! Er hatte eben alle, auch die Gutsbesitzer und die Intellektuellen, außerordentlich negativ geschildert."

Tausende Russen in der Kurstadt

Nach dem Ende der Sowjetunion war es ein bisschen, als wieder­holte sich die Geschichte aus Turgenjews Zeit. Es kamen tausende Russen in die Kurstadt, viele ließen sich nieder.

"Sie haben eben eine gewisse Arroganz, genau wie die Helden des Romans 'Rauch', auch den Deutschen gegenüber. Die Deutschen waren das Personal, und sie waren die Herren. Genau so haben sich die Russen in unserer Zeit oft auch verhalten."

In seinem Haus traf Turgenjew auch den Kollegen Dostojewski, es kam zu einem legendären Streit. Hier der reiche Atheist Turgenjew, da der arme Gläubige Dostojewski.

"Dostojewski steht für die Slawophilen: Russland ist das Gottesträgerland, Russland wird die Welt retten! Turgenjew hatte ja in Berlin studiert, er gehörte zum so genannten Lager der Westler. Er war absolut der Meinung, dass nur mit westlichen Errungenschaften oder Methoden Russland auf Vordermann gebracht werden könnte. Also die Meinungen konnten nicht unterschiedlicher sein."

Turgenjews wurde von seiner Familie unterhalten

Dostojewski war nach Baden-Baden gekommen, um im Casino sein Glück zu machen – und verließ die Stadt noch ärmer, als er gekommen war. Doch es gab auch Reiche, die spielten.

"Wir sind hier im Eingangsbereich der Spielbank von Baden-Baden, sie ist die älteste in Europa, älter als Monte Carlo sogar. Und man kann sagen, dass die Russen Baden-Baden auch reich gemacht haben, weil sie ja schon nach Baden-Baden kamen, bevor es Eisenbahnen gab. Da kamen sie in Kutschen hier angereist aus Sankt Petersburg, die reichen Aristokraten…"

… und verloren viel Geld. Genau das geißelte Turgenjew im Roman "Rauch".

Zitator: Um die grünen Spieltische drängten sich wieder diese wohlbekannten Gestalten, mit dem gleichen stumpfen und gierigen, halb fassungslosen, halb erbitterten, doch im Grunde genommen habsüchtigen Ausdruck, den die Spielleidenschaft allen, selbst den aristokratischsten Zügen verleiht. Dort kommt Fürst Coco angetrabt. Vermutlich hat er in einer Viertelstunde den schwer erarbeiteten Pachtzins von 150 Familien am grünen Tisch verspielt.

Die Empörung Turgenjews ehrt ihn. Allerdings kam er selbst aus einer Großgrundbesitzer-Familie und lebte gut davon. Als seine Mutter ihm einmal das Geld strich, ließ er sich von den Viardots aushalten… Als das Geld wieder floss, baute er sich eine eigene Villa in Baden-Baden. Auf dem Weg dorthin halten wir am Stadtmuseum. Da gibt es gerade die Ausstellung "Russland in Europa – Europa in Russland. 200 Jahre Iwan Turgenjew".

Kulturvermittler zwischen Russland und Europa

"Wir wollen zum einen die Zeit Turgenjews nachvollziehbar machen. Und wir wollen auch die Aktualität von Turgenjew als Literatur- und Kulturvermittler zwischen Russland und Europa herausstellen…"

… sagt die Kuratorin Elisabeth Cheauré.

"Er hat eben Literatur aus Russland nach Westeuropa vermittelt, er hat Übersetzungen vermittelt, er hat Verlage gesucht. Dass wir Tolstoi, Dostojewski kennen, dass die so berühmt wurden, das ist mit sein Verdienst. Und er hat die deutsche und französische Literatur intensiv nach Russland vermittelt…"

… womit er sich dort kaum Freunde machte. Schon damals war das Verhältnis zwischen Europa und Russland gespalten – und ist es bis heute.

"Der Westen neigt dazu, Negatives auf Russland zu projizieren, einerseits – und auf der anderen Seite Russland hoch zu idealisieren. Auch das thematisieren wir in unserer Ausstellung. Und wenn man diese Erkenntnis mitnehmen könnte, dann würde das vielleicht auch heute manche Diskussionen etwas entspannen. Man könnte vielleicht auch einmal einen Schritt zurückgehen und sich auch selbst hinterfragen mit seinen eigenen Klischees."

Turgenjew starb 1883 in Paris

Turgenjews Villa liegt abseits des Zentrums. Das "Schlösschen", wie er es nannte, ist eher ein Schloss. Ein dreistöckiger Bau mit heller Fassade und hohem Schieferdach, heute in Privatbesitz. Zu Turgenjews Zeit war es hier ruhig, heute rauschen Autos vorbei.

"Verständlicherweise lässt die Familie niemanden auf das Grundstück. Anfang der 90er-Jahre waren ja die ersten russischen Gäste hier, haben das gesehen und haben gedacht, das ist ein Museum, und standen da und haben geklingelt: 'Wir wollen jetzt das Museum angucken!' Da hat die Familie einen solchen Schock gekriegt, dass also jetzt ein großes Schild steht: 'Zutritt verboten' usw."

Tragisch ist das nicht, denn im Haus erinnert nichts mehr an den Autor, alles wurde umgebaut. Er hat auch nur zwei Jahre hier gewohnt. Dann zog Turgenjew nach Frankreich, natürlich mit seinen Freunden, den Viardots. Er starb 1883 in Bougival bei Paris.

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