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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.08.2015

"Der Triumph des Todes"Welttheater mit hohen Ansprüchen

Von Bernhard Doppler

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Programmhefte des Weimarer Kunstfestes 2015 (dpa / picture alliance / Martin Schutt)
Die Aufführung war während des Weimarer Kunstfestes zu sehen. (dpa / picture alliance / Martin Schutt)

Frederic Rzewskis "Der Triumph des Todes" zählt zu den bedeutenden Stücken des zeitgenössischen Musiktheaters. Nun gab es die deutsche Erstaufführung beim Kunstfest Weimar. Dem Stück ist seine Entstehungszeit, die Achtzigerjahre, anzumerken - und doch scheint Rzewskis Kammeroper gerade 2015 relevant!

Es sind schockierende Gegensätze von Musik und Text! Berichtet eine ehemalige KZ-Insassin von der grausamen Hinrichtung der "schönen Lili Tofler", dann variiert sie dabei die berührende Melodie des Volksliedes "Die Gedanken sind frei"; beteuert anderseits Unterscharführer Stark, einer der grausamsten KZ-Aufseher, vor Gericht seine Unschuld, dann singt er lächelnd das von Häftlingen verfasste und komponierte "Moorsoldatenlied" im Dreivierteltakt.

Mehr als 20 Jahre nach dem mit großem Erfolg 1965 uraufgeführten Drama über die Ausschwitzprozesse "Die Ermittlung" hat der Pianist und Komponist Frederic Rzewski daraus Musiktheater gemacht: eine Kammeroper. Die Wirkung des aufwendigen Stücks von Peter Weiss hat er durch solche Irritationen, durch den Gegensatz von Text und Musik geschärft.

Peter Weiss Stück gilt neben Hochhuts "Stellvertreter" oder Kipphardts "In Sachen J. Robert Oppenheimer" als Musterbeispiel des dokumentarischen Theaters. Statt auf literarische Fiktion setzte man in den Sechzigerjahren auf authentische Texte wie Prozessmitschriften. Die Bühne stellt den Gerichtssaal nach. Inzwischen ist das Dokumentartheater Literaturgeschichte. Doch genau betrachtet geht es zumindest bei Peter Weiss gar nicht um den Gegensatz von Dokument und Literatur: Er hat bei "Die Ermittlung" an eine Weiterführung von Dantes "Inferno" gedacht, sein Werk "Oratorium" genannt und die einzelnen Abschnitte in "Gesänge" unterteilt. Frederic Rzewski unterstreicht diesen Kunst-Aspekt.

Rzewskis berühmtestes Werk sind "The People united will never been defeated": 36 atemberaubende Klaviervariationen über ein südamerikanisches politisches Kampf- und Hoffnungslied, und ebenso wie dieses Werk ist auch "Triumph des Todes" vor allem theatralisches Kammerkonzert - in zahlreichen Variationen und musikalischen Umkehrungen. Dabei wechseln die Rollen von Opfer und Täter, von Zeugen und Mittätern, von Kultur und Barbarei - sie bedingen sich gegenseitig.

Musiker spielen auch mit Säge

Nicht die "Dämonie" des Nationalsozialismus wird vorgeführt, sondern ein System. So wechseln auch die Rollen von Text und Musik, von Musikern und Darstellern. Das auf der Bühne sitzende Streichquartett, auf das Rzewski sein Musiktheater reduziert hat, agiert gleichzeitig auch als Darsteller und Sänger: Nicht nur auf den klassischen Streichinstrumente spielen die Musiker, sondern zum Beispiel auch mit einer Säge oder einer Schreibmaschine. Unvermittelt tritt eine Geigerin wütend auf Mülltonne, dann wieder stampen alle vier mit den Füßen, lesen die Texte des Anklägers und brechen immer wieder in Gelächter aus.

Die Inszenierung von Alexander Fahima setzt im Saal des "Schießhauses" Weimar, einem eher intimen Raum mit großen Fenstern zum Park, das Verfahren der Musiker fort. Die Sänger werden immer wieder in eindrucksvollen oft abstrakten Choreographien vorgeführt, lächelnd, tanzend, als amerikanische Tänzergruppe oder Federball spielend.

Eindrucksvoll ist die Aufführung nämlich vor allem durch den äußerst präzisen, nie ermüdenden Einsatz der Musiker unter Martin Hoff und des fünfköpfigen Sängerensembles. Obwohl Rzewski Kammeroper oft Melodram bleibt und meist schlichte Melodien zitiert, ist es nämlich langes komplexes Welttheater mit hohen Ansprüchen.

"Triumph des Todes" ist deutlich seine Entstehungszeit, die Achtzigerjahre, anzumerken - als Hannah Arendts "Banalität des Bösen" diskutiert wurde, Peter Zadeks "Ghetto" Inszenierung irritierte und Claude Lanzmans "Shoh"-Filme verstörten. Und doch scheint Rzewskis Kammeroper gerade 2015 relevant!

Relativiert doch "Triumph des Todes" die ermüdenden braven Bekundungen und eingefahren politischen Abwehrhaltungen gegenüber dem Nationalsozialismus: Das System, das die Barbarei des Nationalsoziaismus hervorbrachte, besteht durchaus weiter.

Und lacht: Im Finale lacht es in einer Endlosschleife vom Tonband. Von den politischen Theorien, auch vom politischen Theater der Achtzigerjahre lässt sich also durchaus heute oder vielleicht gerade heute lernen.

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