Freitag, 24.05.2019
 

Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 15.03.2019

Der Trend zu jüdischen VornamenWegen des schönen Klangs

Von Christian Röther

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Am ersten Schultag werden die Namen der Schulanfänger und -anfängerinnen mit bunter Kreide geschrieben auf einer grünen Schultafel angezeigt. (imago stock&people/xblickwinkel/fotototox)
Jüdische Vornamen wie Ben, Hanna oder Jakob sind bei deutschen Eltern ungebrochen beliebt. (imago stock&people/xblickwinkel/fotototox)

Der Name Ben war im Jahr 2018 der beliebteste Jungenname in Deutschland. Auch Hannah, Lea, Noah und Jakob nennen deutsche Eltern ihre Kinder gerne. Warum sind jüdische Vornamen heutzutage so beliebt in dem Land, in dem man Juden vor 80 Jahren ermordete?

Hannah und Noah bauen eine Sandburg, Mia und Ben wippen, und Elias, der blockiert die Rutsche. Alltag auf deutschen Spielplätzen. Immer öfter sind hier Vornamen zu hören, die ihre Ursprünge in der Hebräischen Bibel haben. Die Gesellschaft für deutsche Sprache wertet jedes Jahr aus, welche Namen in Deutschland wie oft vergeben werden. Alle diese Namen finden sich aktuell in den Top-Ten. Bei den Jungen sind von den zehn häufigsten Namen vier hebräischen Ursprungs, bei den Mädchen sind es sogar fünf.

"Diesen Trend beobachte ich persönlich schon, seit ich meinen Sohn bekommen habe. Der ist jetzt 13", sagt Elena Pavda. Sie ist Jüdin. Auch sie und ihr Mann haben für ihre Kinder hebräische Namen ausgesucht.

"Also mein Sohn heißt Samuel, meine Tochter heißt Hannah. Also ganz klassisch." Durch ihre Kinder lernte Elena Padva auch viele nicht-jüdische Eltern kennen. Deren Kinder haben ebenfalls oft hebräische Namen.

Viele Kinder kennen nicht  die hebrärische Herkunft

"Ich habe auch so einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht, und nach dem haben wir uns auch natürlich mit den Eltern getroffen. Und von acht Kindern hatten sechs Namen aus dem Alten Testament, was mich damals auch sehr gewundert hat, aber auch gefreut hat."

Elena Padva leitet in Kassel das Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben. Hier erklärt sie zum Beispiel Schulklassen, was koscher bedeutet oder was die Thora ist. Manche dieser Kinder tragen selbst Namen aus der Thora – und bemerken das erst im Zentrum für Jüdisches Leben, weil sie hier zum ersten Mal ausführlich etwas über das Judentum erfahren.

"Ich hatte heute gerade eine Schulklasse gehabt, da war ein türkisches Mädchen dabei und die hieß Sahra. Und die war ganz stolz darauf, dass das ihr Name ist. Und sie hat es mir auch in das Gästebuch so geschrieben. Aber das schreibt man mit H. Sahra. Und das wird auch ein bisschen anders ausgesprochen. Aber ich vermute mal, das hat den gleichen Ursprung, wahrscheinlich."

Genaue Namensstatistiken aus der Nazizeit gibt es nicht

Sara ist in der Bibel eine Frau Abrahams und damit eine Erzmutter Israels. Und Sara galt in der Nazi-Zeit als der jüdische Frauenname schlechthin. Viele Frauen mussten ihn zwangsweise tragen, um als Jüdin identifizierbar zu sein. Detaillierte Namensstatistiken für diese Zeit gibt es nicht, aber kaum vorstellbar, dass damals nicht-jüdische Eltern ihr Kind Sara genannt hätten oder sich für andere jüdisch-klingende Namen entschieden. Doch nach der Nazi-Herrschaft hat sich das schnell geändert, sagt Frauke Rüdebusch. Die Sprachwissenschaftlerin und Namensexpertin arbeitet bei der Gesellschaft für deutsche Sprache mit an den jährlichen Statistiken der Vornamen.

"Eigentlich sind sogar jüdisch-hebräische Vornamen schon seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Vormarsch. Es hat sich natürlich erst mal etwas langsamer durchgesetzt, aber jetzt gerade in den letzten zehn, 20 Jahren merkt man das tatsächlich verstärkt."

Schon in den 70ern gab es viel Miriams, Davids oder Leas

Ganz so neu, wie man meinen könnte, ist der Trend zu hebräischen Vornamen also gar nicht. Immerhin stammen schon spätestens seit den 70er-Jahren viele beliebte deutsche Namen aus der Hebräischen Bibel: Miriam und Tobias, Lea und David, und die meisten Namen, in denen die Buchstaben E und L aufeinander folgen – "El", das hebräische Wort für "Gott", wie in Michael oder hebräisch ausgesprochen: miecha’äl, was übersetzt bedeutet "Wer ist wie Gott?", oder Daniel beziehungsweise dani‘äl, "Gott sei mein Richter". Oder auch Elisabeth, "Gott ist Fülle". Auf Elena Padva trifft das allerdings nicht zu.

"Ich wurde nach meiner Großtante benannt, und die hieß Yentl. Und Yentl ist ein jiddischer Name, aber in der Sowjetunion so einen Namen zu tragen, so etwas würde man dem eigenen Kind nicht antun. Deswegen hat man den Anfangsbuchstaben genommen, wie es oft in den jüdischen Familien war, und dann hat man einen russisch oder christlich klingenden Namen gegeben, damit das Kind es einfach leichter hat. Und so wurde ich aus Yentl zu Elena."

Auch Juden aus Russland wählen wieder hebräische Namen

Das russische "Elena" geht zurück auf das griechische "Helene": "die Strahlende". Inzwischen ist der Trend zu hebräischen Vornamen aber auch weit verbreitet unter Jüdinnen und Juden, die wie Elena Padvas Familie aus der Sowjetunion – beziehungsweise deren Nachfolgestaaten – nach Deutschland gekommen sind.

"In der jüdischen Community tragen Kinder mittlerweile auch jüdische Namen. Weil viele Menschen, die aus der Sowjetunion kommen, da war das nicht möglich, sagen wir mal so, weil man immer mit irgendwelchen Schikanen rechnen musste. Und nach dem Zerfall der Sowjetunion hat man den Kindern die jüdischen Vornamen gegeben. Und hier in Deutschland kann man das auch tun natürlich. Und viele machen das. Aber manche auch nicht."

Vor hundert Jahren sah das noch ganz anders aus. Damals wählten Jüdinnen und Juden in Deutschland zumeist keine jüdischen Vornamen, sondern nannten ihre Kinder Max, Bertha oder Siegfried. Das haben die Historiker Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher analysiert. Nach 1945 ist bei jüdischen Kindern in der Bundesrepublik dann aber wieder ein deutlicher Trend zu jüdischen Namen erkennbar, wie Rachel, Miriam oder Rafael.

Emma und Karl spielen mit Aaron und Elias

Wenn nicht-jüdische Eltern hebräisch-stämmige Namen wie diese vergeben, wissen sie dann um deren Ursprünge? Meistens nicht, sagt die Namensforscherin Frauke Rüdebusch:

"Wir haben vor ein paar Jahren eine Erhebung durchgeführt. Da hat sich herausgestellt, dass es vor allem der Klang ist, der eine wichtige Rolle bei der Vornamenwahl spielt, viel weniger Bedeutung oder Herkunft. Von daher vermuten wir auch, dass viele Menschen sich gar nicht darüber im Klaren sind, dass auch Namen wie Mia oder Lilly eine hebräisch-jüdische Herkunft haben."

Elena Padva hat teils ähnliche Eindrücke gesammelt – aber auch andere Erfahrungen gemacht: mit den Eltern, die sie im Geburtsvorbereitungskurs kennengelernt hat.

"Wir wurden dann zu Freunden, mittlerweile, und sie haben mir gesagt, dass sie das sehr bewusst ausgesucht haben, weil es eben jüdische Namen sind." Mit den Namen ihrer Kinder hätten die Eltern auch ein Zeichen setzen wollen. "Wegen der Geschichte hier in Deutschland. Das wollten sie unbedingt so machen."

Lassen sich anhand der Vornamensstatistiken also Rückschlüsse ziehen auf das Verhältnis von jüdischen und nicht-jüdischen Menschen in Deutschland? Oder anders gefragt: Hat es etwas zu bedeuten, dass es inzwischen ganz normal ist, wenn auf deutschen Spielplätzen Emma, Karl und Frieda Sandburgen bauen mit Aaron, Ella und Elias?

"Ich möchte hoffen, dass es so ist, und dass man diese sichtbaren und unsichtbaren Brücken dann mehr baut", sagt Elena Pavda.

Vornamen als Brücken zwischen Kulturen und Religionen – auch wenn viele Eltern sich darüber bei der Namenswahl vermutlich nicht bewusst sind.

Mehr zum Thema

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(Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 17.08.2017)

"Rafael heißt: Gott heilt" - Transsexualität im Judentum
(Deutschlandfunk Kultur, Aus der jüdischen Welt, 30.12.2016)

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