Der Traum vom Unsichtbarwerden

Markus Orths zählt zu den weniger auffälligen, dafür aber regelmäßig veröffentlichenden deutschen Autoren. Mit dem Roman "Die Tarnkappe" liefert er eine weitere Probe seines Talents ab.
Eigentlich wollte er Filmkomponist werden, stattdessen bearbeitet der Mittvierziger Beschwerdebriefe aller Art. Nach dem frühen Tod seiner Frau führt er ein eintöniges Leben, dessen Höhepunkt die tägliche Zeitungslektüre ist, der ein spezielles, von ihm erfundenes Faltverfahren vorausgeht.

Nur so kann er in der Straßenbahn lesen. Doch dann trifft der Pedant plötzlich einen alten Freund, mit dem ihn ein düsterer Jungenstreich verbindet - und nichts ist mehr, wie es war.

Die seltsame Begegnung bringt dem Helden in Markus Orths neuen Roman eine Kopfbedeckung ein, die sich wahrscheinlich jeder schon einmal gewünscht hat. Die titelgebende Tarnkappe macht nämlich tatsächlich unsichtbar.

Langeweile und Routine haben auf der Stelle ein Ende. "Was für eine Entlastung, dachte Simon, sich selbst für ein paar Stunden nicht sehen zu müssen, nicht zu sehen, wie man sich abstrampelt, wie man seinen Körper-Esel durch die Welt treibt, ohne zu wissen warum. Er fühlte Leichtigkeit, Losgelöstheit, Linderung vom ewigen Schleppen des Körpers. Kurz: Er war glücklich."

Das Glück dauert allerdings nicht lange, denn die Kappe macht nicht nur süchtig und zerstört die Kopfhaut, sie führt überhaupt ein Eigenleben, macht aus dem harmlosen Spießer einen Grenzgänger und Mörder.

Der Autor, der in einem früheren Roman ("Das Zimmermädchen", 2008) schon einmal mit dem Glücksversprechen spielte, das demjenigen winkt, der seine Mitmenschen ungesehen belauschen kann, beginnt diesen Science-Fiction-Roman heiter und leicht, um ihn dann in ebenso überraschender wie bedrückender Düsternis zu beenden.

Vermutungen, ob hier Metaphysik oder ein verrückt gewordener Wissenschaftler die Hände im Spiel haben, kommen ebenso vor wie physikalische Exkurse und heitere Scherze, die sich der Unsichtbare mit harmlosen Toilettengängern erlaubt.

Am Ende der spannenden Lektüre ist man nicht nur geheilt vom Kinderwunsch, einmal unsichtbar zu sein, man reagiert auch nachhaltig irritiert, wenn eine Tür ohne ersichtlichen Grund zuschlägt. In jedem Fall gilt: "Erklärungen sind die lächerlichsten Zwerge des Geistes. Nichts kann erklärt werden, höchstens beschrieben."

Besprochen von Manuela Reichart

Markus Orths: Die Tarnkappe
Roman, Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2011,
224 Seiten, 19,95 Euro