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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.08.2012

Der Traum vom Fliegen

Teresa Präauer: "Für den Herrscher aus Übersee", Wallstein Verlag 2012, 138 Seiten

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Ganz nah dran: Mit dem Gleitschirm kommt man der Schwerelosigkeit nahe. (Stephan Beuting)
Ganz nah dran: Mit dem Gleitschirm kommt man der Schwerelosigkeit nahe. (Stephan Beuting)

Es ist einer der ältesten aller Menschheitsträume: die Neugier aufs Fliegen. In Theresa Präauers Debütroman "Für den Herrscher aus Übersee" verschmelzen die Grenzen zwischen Realität und Traum - und zwei Kinder heben vom Boden ab.

In ihren Nachtträumen können die Menschen fliegen, in der Realität können sie es nicht, zumindest nicht ohne technische oder mechanische Hilfsmittel. Aber zwischen dem Nachttraum und der Realität gibt es einen Zwischenbereich: den Tagtraum, das, was Sigmund Freud "vorbewusstes Fantasieren" nannte. Der Tagträumer ist wach und doch in seinem Kopf in einer anderen, einer fiktiven Welt und mit dem Ausdenken fantastischer Geschichten beschäftigt. Jeder Schriftsteller ist folglich ein professioneller Tagträumer, jede literarische Geschichte ein zu Papier gebrachter Tagtraum.

Auf diesem metaphorischen Zusammenhang beruht der kurze, poetische Debütroman der 1979 geborenen österreichischen Autorin Teresa Präauer. Die Erzählerstimme und die Erzählperspektive sind die eines Kindes, wohl eines kleinen Jungen. Darin liegt der Reiz des Textes, der den Leser konsequent im Zweifel lässt, was hier Realität und was Tagtraum ist, wo die Grenze zwischen Ernst und Spiel verläuft. Aus Kindersicht besteht zwischen dem einen und dem anderen kein nennenswerter Unterschied.

Vier Figuren treten in Erscheinung: Das Kind, sein kleinerer Bruder, der Großvater und die Großmutter. Die Eltern sind offenbar verreist, haben die Kinder für ein paar Sommerwochen bei den Großeltern untergebracht und schicken täglich aus fernen Ländern eine Ansichtskarte mit exotischen Abbildungen darauf. Was die Eltern schreiben, können die Kinder nicht lesen, aber sie versuchen es. Sie setzen sich nach ihren eigenen Regeln die Buchstaben des Alphabets zusammen. Sie werden gepackt vom Entdeckerrausch und wagen sich nun an den ältesten aller Menschheitsträume, an den größten aller großen Menschheitsexperimente: das Fliegen.

Der erste Probeversuch findet vom Esstisch, bzw. von der Sitzbank herunter statt. Die Großeltern dienen als technische Assistenten, reichen Fliegermontur und Fliegerhelm, die Großmutter winkt mit der Schürze und setzt so das Abflugsignal. Der Pionierflug gelingt, die Kinder wagen sich an immer mutigere Projekte, an einen Flug vom Apfelbaum, schließlich nehmen sie einen Hügel hinunter Anlauf, um sich in weit hinaus in die Lüfte tragen zu lassen.

Alles um sie herum, jedes Wort, das sie hören, jeder Gegenstand, den sie sehen, wird auf magische Weise zum Bestandteil ihrer Flugphantasien, das Haus der Großeltern zu einem einzigen Fliegercamp, inklusive zahlreicher Bruchlandungen. Ist es Zufall, dass der Großvater gerade jetzt von einer unglücklichen Liebe zu einer japanischen Pilotin erzählt, die er als junger Mann erlebte? Erzählt er sie wirklich oder deuten die Kinder sich die Geschichte nur so zu recht, dass sie in ihren fantastischen Kosmos passt?

Ohne einen einzigen theoretischen Satz gelingt es Teresa Präauer, in diesem Buch eine überaus kluge Phänomenologie der Beflügelung zu verfassen. Im Assoziationsfeld der Aviatik verknüpft sie das sprichwörtliche Abheben der Gedanken und Fantasien mit dem realen Abheben von Flugkörpern. Der Kopf eines Kindes ist der ideale Ort für diese Verknüpfung. "Für den Herrscher aus Übersee" ist eine heiter-charmante und zugleich hoch konzentrierte Prosaetüde.

Besprochen von Ursula März

Teresa Präauer: Für den Herrscher aus Übersee
Wallstein Verlag 2012
138 Seiten, 17,40 Euro

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