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Nachspiel | Beitrag vom 03.02.2019

Der Torwart als SpielmacherGute Reflexe allein reichen nicht mehr

Von Stefan Osterhaus

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Beim Bundesligaspiel Bayern München - Borussia Mönchengladbach schauen Bayern-Spieler Thomas Müller und Gladbachs Torwart Yann Sommer auf dem Boden liegend einem Ball hinterher, der am Gladbacher Tor knapp vorbei geht. (picture alliance/dpa-Zentralbild/Thomas Eisenhuth)
Yann Sommer, Torwart von Borussia Mönchengladbach und der Schweizer Nationalmannschaft: Glück mit den Trainern. (picture alliance/dpa-Zentralbild/Thomas Eisenhuth)

Spielübersicht, kluge Pässe, Raumverteidigung: Heute sollen Torhüter fußballerisch so gut sein wie Feldspieler. Entsprechend Wert wird in der Ausbildung auf diese Fähigkeiten gelegt. Doch am Ende muss dann doch der Ball gehalten werden.

Deutschland gegen Algerien, 30. Juni 2014. Es ist das Achtelfinale der Weltmeisterschaft in Brasilien. Deutschland spielt offensiv. Algerien kontert:

"Und jetzt muss vorne Mertesacker wieder aufpassen, weil der Slimani da kämpft, und Mertesacker muss nochmal aufpassen. Und dann Neuer raus – huihuihuhuihi – und rasselt da fast mit Boateng zusammen und Feghouli hätte davon profitiert. Aber Neuer war da kompromisslos, und der Boateng kennt das auch vom FC Bayern, und der hat da mal die Haxen weggezogen und Neuer hat den Ball ins Seitenaus geklärt. Unfassbar!"

So war das damals, auf dem Weg zum WM-Titel. Als sich ein Mann den Algeriern entgegenstellte:

"Und da wird Schweinsteiger geblockt und jetzt die Möglichkeit. Kommt der Neuer da rechtzeitig hin? Neuer ist wieder rechtzeitig da. Höchstes Risiko bei Manuel Neuer. Wieder waren sie da durch, Feghouli läuft auf ihn zu. Ist der Keeper schnell! Neuer war einen Meter vor ihm dran und klärt das Ding, als wär's nix. Meine Nerven, ich glaub das hier alles nicht. 0:0!"

Deutschland gewann 2:1 nach Verlängerung.

Mit Neuer wurde der Torhüter endgültig zum elften Feldspieler

Die Nationalspieler kamen mit dem Schrecken davon – und reckten zwei Wochen später den WM-Pokal in die Höhe. Weil Manuel Neuer da war. Denn Manuel Neuer hielt, ohne den Ball in die Hände zu nehme. Er hielt, weil er immer einen Schritt schneller war als der Gegner.

Dafür wurde Neuer gefeiert. Zwar galt er schon längst als bester Torhüter der Welt, doch in diesem Spiel wurde er zu einem Mythos – weil er die Grenzen für einen Torhüter verschoben hatte. Er ließ den Strafraum hinter sich. Er machte die ganze Spielhälfte zu seinem Revier.

Nicht nur spektakuläre Paraden, sondern auch kluge Pässe und erst recht das Spielverständnis gelten nunmehr als Qualitäten, über die ein herausragender Torhüter verfügen soll.

Manuel Neuer springt mit angestrengter Miene in die Luft und fängt einen Ball im Finale der WM gegen Argentinien. (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)Manuel Neuer verschob die Grenzen dessen, was von einem Torwart erwartet wird. (Archivbild WM-Finale 2014 gegen Argentinien) (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)

Neuers Auftritt der besonderen Art war nicht der erste eines Torhüters, der sich als elfter Feldspieler begreift. Aber er machte der gesamten Fußballwelt klar, wie wichtig ein solcher Spieler sein kann: Dass die Fähigkeit, einen Angriff vorauszuahnen und einen Ball vor dem Stürmer abzulaufen, genauso spielentscheidend sein kann wie ein gehaltener Elfmeter in der Schlussminute.

An diesem neuen Ideal arbeitet die Profiklubs schon länger in der ganzen Republik. Besonders erfolgreich in Mönchengladbach: Hier debütierte Marc-André ter Stegen 2011 mit gerade 18 Jahren. Er ist die Nummer zwei im Nationalteam, er spielt heute für den FC Barcelona.

Sein Nachfolger bei der Borussia ist der Schweizer Nationaltorhüter Yann Sommer, den viele für einen der besten Keeper Europas halten. Beide, ter Stegen und Sommer, gelten als Inbegriff des modernen Keepers.

Neues Torwarttraining 

Das Duo Uwe Kamps und Steffen Krebs leitet das Torhütertraining in Mönchengladbach. Krebs erklärt, was ein Keeper bestenfalls können soll:

"Wenn man früher auf die torverteidigenden Techniken Wert gelegt hat, so ist es heute durch die Umstellung mit der Rückpass-Regel, aber auch mit der Weiterentwicklung der Teamtaktik enorm wichtig, dass er am Fuß enorm gut ausgebildet ist und dass er diese Spielfähigkeit mitbringt, die ein Cheftrainer neben dem Torwarttrainer von seinem Torhüter verlangt."

Spielfähigkeit also: Neben all den Dingen, die ein Keeper schon immer können musste, neben dem Abfangen von Flanken, neben den Reflexen, der Sprunggewalt und natürlich der Aura, die einem Stürmer Angst machen soll.

Ein solches Training verlangt nach am besten nach jemandem, der selber einmal erlebt hat, wie es ist, im Tor zu stehen. So wie Uwe Kamps, der eine Legende in Mönchengladbach ist. Mehr als zwanzig Jahre war er Profi für die Borussia, absolvierte 390 Spiele in der ersten und 67 in der zweiten Bundesliga:

"Ich hab selber mal angefangen. Ich hatte keinen Torwarttrainer, mit 30 so mal den ersten Torwarttrainer mit dem Dirk Heyne, und da gesagt: Das ist eine Sache, die interessiert mich, das will ich machen. Weil halt nichts da war zu der Zeit, oder nicht viel da war. Da gab es den Enver Maric von Fortuna Düsseldorf, der dann nach Berlin gewechselt ist, das war einer der Vorreiter. Und da konnte man noch sagen: Ich möchte gern Torwarttrainer nach meiner aktiven Zeit werden, und das durfte ich dann auch, das durfte ich hier im Klub auch."

In Mönchengladbach baute Kamps das Torwarttraining auf, zunächst mit geringem Budget. Mittlerweile hat er Unterstützung von Steffen Krebs, der aus Hoffenheim nach Gladbach kam. Sie ergänzen sich, leiten das Training zusammen. Der Torhüter profitiert davon. Es bringt nicht nur mehr Abwechslung. Der zweite Trainer kann Abläufe besser beobachten, etwa, wenn Krebs Sommer mit harten Zuspielen fordert.

Towarttrainer Uwe Kamps im Trikot von Borussia Mönchengladbach auf dem Trainingsplatz. (picture alliance / Revierfoto/Revierfoto/dpa)Towarttrainer Uwe Kamps auf dem Trainingsgelände am Borussia-Park in Mönchengladbach. (picture alliance / Revierfoto/Revierfoto/dpa)

Training auf einem Nebenplatz. Anderthalb Stunden ausschließlich für den Torhüter. Das, was heute alles so selbstverständlich erscheint, was mittlerweile Standard in allen Klubs ist, die etwas auf sich halten, wollte aber erst einmal erarbeitet werden.

Für Kamps war es ein langer Weg. Er zog vor allen Schlüsse aus seiner Karriere, oder besser: aus den Versäumnissen von damals. Learning by doing:

"Und man war ja irgendwo auch am Anfang seiner Geschichte, man musste ja selber auch Dinge lernen. Auch ein Gefühl dafür kriegen. Man hatte zwar tolle Ideen, zum Beispiel: Ich war ja immer einer der kleineren Torhüter, und da wurde immer gesagt: Flanken kann er nicht. Und da war das so ein Bereich, den wollte ich mal abdecken, was schwierig war, denn ich bin in diesem Bereich ja nie trainiert worden. Das ist dann natürlich immer schwierig, zu sagen, er kann es nicht, aber da ist auch keiner, der es einem mal zeigt und mal sagt, wie kannste was besser machen. Das ist so 'ne Sache."

Doch wenn heute über den so genannten modernen Torhüter geredet wird, über den Mann, der als erster am Spielaufbau beteiligt ist, dann kommt Kamps sofort jene Zeit in den Sinn, in der das alles begann. Denn der moderne Torhüter ist nicht einfach so vom Himmel gefallen. Er ist die Antwort auf Notwendigkeiten der Spielentwicklung.

Die Rückpassregelung von 1992 

Im Jahr 1992 verordnete sich die sonst so konservative Fifa eine Revolution im Regelwerk. Um das Spiel schneller zu machen, wurde beschlossen, dass der Torhüter keinen Rückpässe mehr mit der Hand aufnehmen darf – sondern nur noch solche, die ihm per Kopf zurückgespielt werden.

Das klang viel harmloser, als es tatsächlich war. Es brachte eine ganze Generation bisher untadeliger Torhüter an den Rande des Nervenzusammenbruchs. Auch Kamps erinnert sich mit einem gewissen Grusel an die Zeit von damals:

"Und dann natürlich die Entwicklung des Fußes, die sich so nach und nach ergeben hat. Die ich dann auch durchlaufen habe. Ich durfte ja noch alles gefühlt damals zehnmal hintereinander in die Hand nehmen, annehmen, abrollen, abwerfen. Wenn man irgendwann mal 1:0 geführt hat, dann konnte man schon gut Zeit von der Uhr nehmen. Und dann kam mein großer Albtraum: Weit schießen mit links nach vorne war gut, der rechte war zum Stehen. Und auf einmal sollte man da hinten einbezogen werden und Fußball spielen. Und durfte dann gefühlt von Saison zu Saison immer weniger."

Gefühlt war es der Weg vom Mittelalter in die Moderne – aber von heute auf morgen. Kamps meisterte die Herausforderung. Er spielte noch bis ins Jahr 2004 für die Borussia.

Mehr und mehr drängten Keeper der neuen Generation ins Rampenlicht. Als ihr Vorreiter galt der Niederländer Edwin van der Sar, der bei Ajax Amsterdam in einem Team spielte, das sich hemmungslos der Offensive verschrieben hatte. In einer Mannschaft mit einer solchen Ausrichtung ist ein mitspielender Torwart nicht bloß von Vorteil – er ist eine Notwendigkeit.

Heute muss der Torwart Fußball spielen können

Doch auch wenn eine Mannschaft defensiv spielt und sich aufs Konterspiel verlegt – kein Trainer will es sich heute noch leisten einen Torhüter aufzubieten, der mit den Füßen nichts anzufangen weiß. Yann Sommer, der von Kamps und Krebs trainiert wird, hat diese Erfahrung früh gemacht. Zwar wollte er von Anfang an, schon als Fünfjähriger, immer nur ins Tor. Aber seine Trainer haben immer auch den Fußballer im Torhüter gefördert:

"Ich hatte Glück, dass ich immer Trainer hatte, die darauf sehr großen Wert gelegt haben, dass ich auch, dass auch die Torhüter mitspielen. Ich habe auch als junger Keeper dann im Feld gespielt, bei Spielformen im Training war ich oft involviert, und das hat mir geholfen, Fußballspielen zu lernen."

Fußballspielen lernen: Das bedeutete für Sommer, an den Aufgaben zu wachsen. Auch deshalb ist er fußballerisch so gut, dass er einen mehr als passablen Verteidiger abgeben würde.

"Ganz am Anfang war ich dritter Torwart beim FC Basel, da war Christian Gross mein Trainer. Man hat zwei Torhüter gebraucht, die im Tor waren, der dritte, der war dann da. Und da habe ich oft mit der ersten Mannschaft dann im Feld gespielt. Da war ich linker Verteidiger, da war ich rechter Verteidiger, mal im Zentrum. Wo es mich dann gebraucht hat, da habe ich dann gespielt.

Das war so eine der größten Schulen, was meinen Fuß anbelangt, denn da hast du gegen Mladen Petric gespielt und so weiter. Das war eine große Herausforderung. Und danach hatte ich immer Trainer, die sagten: 'Hey, ich möchte einen Keeper haben, der Fußball spielen kann. Also trainieren wir das'."

Borussia Mönchengladbachs Torwart Yann Sommer beim Abwurf im Pokalspiel gegen Bayer Leverkusen am 31.10.2018. (picture alliance/Marius Becker/dpa)Gladbachs Torwart Yann Sommer beim Abwurf. (picture alliance/Marius Becker/dpa)

Bis zu sechs Trainingseinheiten absolviert ein Bundesliga-Keeper wie Yann Sommer heute pro Woche. Wie sich die Zeiten doch geändert haben. Uwe Kamps erinnert sich:

"Und dann kam man an, und der Co-Trainer – oder der Athletik-Trainer – damals mit Karl-Heinz Drygalsky, der ein ehemaliger Zehnkämpfer war. Die Leute haben dann mit einem einmal, oder vielleicht zweimal, in der Woche Torwarttraining gemacht, und ansonsten hat man mit dem anderen Torhüter die Bälle in die Hand geschossen, hat dann Kreis gespielt und hinterher im Tor gestanden.

Da war so gefühlt das Torwarttraining, was in den ersten, sagen wir mal, zehn Jahren kam. Und dann hat sich das dann immer mal ergeben, dass dann Uli Sude, der dann ehemaliger Torwart war, mit dem ich auch gespielt habe, der hat dann ab und zu auch mal solche Dinge gemacht, weil er da auch Co-Trainer wurde. Aber das war dann immer nur so ein Anreißen. Das war dann nur einmal die Woche. Dann über ein paar Monate, dann auch mal wieder nicht."

Anfangs waren die Torwarttrainer Leichtathleten

Torwarttraining, sofern überhaupt im Plan, war damals häufig eine Sache der Leichtathleten. Der von Kamps erwähnte ehemalige Zehnkämpfer Drygalsky, der auch Dozent an der Kölner Sporthochschule war. Oder Rolf Herings in Köln, der den Nationaltorhüter Toni Schumacher trainierte. Herings war zuvor ein erfolgreicher Speerwerfer. Heute bilden die Torwarttrainer gewissermaßen einen eigenen Berufsstand. Der europäische Verband Uefa hat einen Trainerschein lizenziert.

Und heute steht am Anfang die Überlegung, wie ein Training überhaupt aufgebaut werden soll. Wie sollen die Einheiten gegliedert werden? Worauf der Fokus gelegt werden? Was hat die Analyse der letzten Spiele ergeben? Gab es irgendwelche Probleme?

Aber auch die kommenden Gegner spielen bei den Überlegungen der Trainer eine große Rolle, wie Steffen Krebs erklärt. Torverteidigung, Raumverteidigung, das sind die Schlagworte:

"Im Endeffekt ist es so, dass man sich überlegt, in welchem Schwerpunkt ist man heute, und dann versucht, in die Schwerpunkt sich zu überlegen, wie kann die Situation im Spiel vorkommen? Und dann versuchen wir, 'ne Übung zu kreieren und diese Situation nachzustellen. Das heißt, wir haben Torwart A aus 16 Metern zentral vor dem Tor, das haben wir im Spiel, unheimlich häufig. Jetzt kann es sein, dass der Stürmer schießt, dann haben wir 'ne Torverteidigung auf der Linie. So trainieren wir den Abdruck. Es kann aber auch sein, dass der Spieler einen Steilpass auf einen zweiten Spieler spielt, und dementsprechend trainieren wir die Raumverteidigung. Oder wenn der Stürmer zuerst am Ball ist, die Eins-gegen-eins-Situation. Und das wäre zum Beispiel so eine komplexe Übungsform, wo man so den Torschuss als auch den Steilpass als auch die Eins-gegen-eins-Situation drin hat. So versuchen wir, das Training aufzubauen. Wir schauen, was kann im Spiel passieren und kreieren dann eine Übung dazu."

Zehn Versuche, neun Treffer

Sommer ist mit 1,83 Meter einer der kleineren Torhüter. Er muss demzufolge explosiver sein als ein Torhüter jenseits der 1,90 Meter. Deshalb wird mit ihm oft die Sprungkraft trainiert. Abdruck nennen die Trainer den explosiven Absprung.

Zum Standardrepertoire gehört auch das gezielte Abspiel, mit dem die Spieleröffnung, der erste Pass trainiert wird – eine Übung, die auf den ersten Blick ganz harmlos erscheint: Slalomstangen hat Steffen Krebs vor dem Tor aufgestellt. Sommer schlängelt sich im Eiltempo durch diese hindurch, der Trainer spielt ihm den Ball in den Fuß. Im Abstand von etwas mehr als zehn Metern stehen drei kleine Tore, gerade groß genug, um das Ziel für eine Pass abzugeben. Sommer muss nun direkt abnehmen – und den Ball in jenes der kleinen Tore spielen, das ihm Krebs Sekundenbruchteile vorher zuruft. Was so einfach wirkt, erfordert tatsächlich ein hohes Maß an Konzentration – und großes fußballerisches Können, sagt Yann Sommer:

"Ja, weil das Tor bewegt sich nicht. Du hast immer im Spiel das Glück, dass wenn man den Pass nicht genau bekommt, dass du einen Spieler hast, der sich bewegen kann, er kann den Ball noch retten. Er kann das noch ausbügeln. Das kleine Tor bleibt stehen. In der Übung war es wichtig, dass wir auch ein bisschen Druck haben, der Ball war relativ scharf gespielt von ihm, wir müssen ihn schnell verarbeiten und rausspielen. Das hilft dir dann im Spiel, den Ball gut zu verarbeiten und schnell 'ne Lösung zu finden und 'nen sehr genauen Pass zu spielen, weil das kleine Tor ist echt nicht so einfach zu treffen. Es scheint einfach zu sein, so über zehn Meter ins kleine Tor ist easy. Aber wenn man dann ein bisschen Druck hat, ist schwierig."

Der Druck wird durch Steffen Krebs simuliert. Zehn Versuche, neun Treffer – das ist gar keine schlechte Quote an diesem Nachmittag für den Schweizer Nationaltorhüter.

Aber darunter will man es ja auch gar nicht mehr tun. So hoch sind die Ansprüche mittlerweile. Aber wie weit sind die deutschen Torhüter denn heutzutage. Uwe Kamps sagt:

"Eigentlich erwartet man vom Torwart, dass er so gut ist wie ein Feldspieler. Also hat er eigentlich eine Feldspieler-Ausbildung genossen, und hat 'ne Torwartausbildung genossen, und dann soll er am Besten noch ein komplexer Torhüter sein. Torverteidigung, Raumverteidigung, Eins-gegen-Eins-Situationen, Flanken, Spieleröffnung, mitspielen, so die Schlagworte, die dann immer fallen: ein komplexer Torwart, der das alles kann. Und ich glaube schon, dass viele Torhüter vom Paket her sehr, sehr weit sind, die da in der Bundesliga auflaufen. Und entwickelt werden."

Entwickelt werden! Kamps und Krebs, das sind also nicht einfach nur zwei Trainer: Sie sind zwei Tüftler, im Grunde so etwas wie Fußballingenieure. Dabei gibt es einen Prototypen, der die Schule von Uwe Kamps durchlaufen hat: Marc-André ter Stegen, die Nummer zwei im deutsche Nationalteam.

Torwart Marc-André ter Stegen liegt im lila Trikot auf dem Rasen und hat den Ball unter sich begraben. Er blickt konzentriert nach vorne. (Andreu Dalmau / dpa)"Messi mit Handschuhen": Torwart Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona am 29.10.2016 beim Ligaspiel gegen Granada im Stadion Camp Nou.   (Andreu Dalmau / dpa)

Ter Stegen hat das geradezu historische Pech, hinter Manuel Neuer zu stehen, hinter diesem Mann, den Experten als einen der größten Torhüter aller Zeiten sehen.

Doch in Barcelona, wo er spielt, wird ter Stegen hoch geschätzt: "Messi mit Handschuhen" – so nennt ihn die spanische Sportpresse, weil er Pässe über fünfzig Meter schlägt und Stürmer außerhalb des Strafraumes mit den Ball am Fuß ins Leere laufen lässt.

Das große Talent sei schon früh nicht zu übersehen gewesen, sagt Uwe Kamps. Besonders im ersten Bundesligaspiel habe ter Stegen ihn beeindruckt. Es ging gegen Köln, im Abstiegskampf.

"Als er einen Ball abfängt, einen hohen Ball, und Novakovic steht vor ihm. Er will 'nen Dropkick mit rechts schlagen, Novakovic steht vor ihm, macht das rechte Bein zu. Er dreht sich rum, macht den Dropkick mit links – und auf den Punkt. Das war Hammer! Da muss man auch sagen, in so einem Spiel so was auch zu machen, als erstes Bundesligaspiel, etwas über 18 Jahre, das sagt eigentlich alles aus, wie er war und wie er als Typ ist. Und ja, da muss ich sagen, da kommt nicht viel drüber von dem, fußballerisch auch."

Einen solchen Spieler zu ersetzen, das war eigentlich eine fast unmögliche Aufgabe für Borussia Mönchengladbach. Hätte es nicht Yann Sommer aus Basel gegeben:

"Man musste halt ein wenig schauen, dass man einen ähnlichen Typen findet, und auf diesem Weg sind wir dann auf Yann gekommen", erklärt Kamps. "Und da muss ich heute sagen: Am jetzigen Zeitpunkt, da haben wir die beste Lösung, die es darauf gab, gefunden. Muss ich einfach so sagen, auch wie Yann dann alles wahrgenommen hat, sich auch hier noch weiterentwickelt hat: Das ist super, wie er dasteht!"

Die Schweiz ist derzeit weit vorn in der Torwartausbildung

Experten zählen Sommer längst zu den besten Torhüter Europas. So konnte ein Weltklassespieler durch einen anderen ersetzt werden, so kam es zu keinem Bruch im Gladbacher Spiel.

Dass die Gladbacher in die Schweiz schauten, ist kein Zufall. Denn wenn es zurzeit ein Land gibt, das viele gute Torhüter hervorbringt, dann ist es die Schweiz.

Diego Benaglio spielte für Wolfsburg in der Bundesliga, Roman Bürki ist Torhüter beim BVB, Marwin Hitz dort sein Stellvertreter – und der junge Gregor Kobel wechselte kürzlich von Hoffenheim nach Augsburg. Zweitweise waren acht Schweizer Keeper bei Bundesligisten engagiert, die Hälfte davon als Stammtorhüter.

Das hat Gründe. Die Ausbildung des Schweizer Verbandes gilt als hervorragend, Fachleute wie Ottmar Hitzfeld halten sie sogar für besser als die deutsche, da die Schweizer früher ansetzen würden. Für Yann Sommer etwa, dessen Vater auch schon als Torhüter gespielt hatte, begann die Karriere als Torwart schon mit fünf Jahren. Er habe nie anderswo spielen wollen, sagt Sommer.

Torhüter aus der Eidgenossenschaft hätten Eigenheiten, sagt Sommer. In ihrem Spiel unterscheiden sie sich durchaus von den deutschen Kollegen:

"Sehr mutiger Stil. Ich würde sagen, technisch sehr gut geschult. Ein bisschen italienisch angehaucht, viel mit einem offensiven Torwartspiel zu tun. Damit meine ich, man geht auf Flanken raus, man nimmt ein bisschen Risiko für die Mannschaft. Man versucht technisch sehr sauber zu sein."

Technisch sauber und nach vorn orientiert: Eben das war in Gladbach gefragt. Denn der Trainer, der Sommer holte, war auch ein Schweizer: Lucien Favre. Er hatte Vertrauen in das Torwartspiel der Eidgenossen, aber er hatte auch durch ter Stegen hohe Ansprüche. Sommer konnte sie erfüllen:

"Ich probiere, 'ne gute Balance zu finde. Es ist immer beim Spielaufbau, da ist immer Risiko dabei, wenn der Gegner zustellt. Ich übertreibe es nicht, aber ich mag es auch sehr gerne mal, dem Gegner eine Aufgabe zu stellen. Weil wenn der Gegner einen zustellt, dann stellt er Dir eine Aufgabe. Und ich mag das, diese Aufgabe zu lösen.

Die einfache Lösung ist immer der lange Ball, gelöst! Aber ich mag es auch, oder wir mögen es als Mannschaft auch, die Aufgabe so zu lösen, das wir mit zwei drei Pässen vier, fünf Spieler ausgespielt haben, die dann hinterher rennen müssen, und wir einen Angriff starten können, wo wir fünf Spieler weniger gegen uns haben."

Letzten Endes müssen doch Bälle gehalten werden

Den Angriff starten vom letzten Mann aus: So ist über mittlerweile zweieinhalb Jahrzehnte der Spielaufbau um zwei Reihen nach hinten gerückt – vom defensiven Mittelfeld über die Innenverteidiger hin zum Torhüter.

Der Keeper als Spielgestalter ist heute längst keine Illusion mehr, ein Torhüter wie Sommer denkt längst nicht nur wie ein Keeper, sondern auch wie ein Feldspieler.

"Ich probiere mich so zu informieren im Spiel, dass ich die Lösung weiß, bevor ich den Ball bekomme", sagt Yann Sommer. "So bist du immer einen Schritt schneller als der Gegner. Aber es gibt Gegner, die stellen uns gut zu. Und dann fällt uns als Mannschaft auch kein Zacken aus der Krone, wenn wir lange Bälle spielen. Wir haben im Moment gute Mischung, lang und auch mal klären, kompakt stehen und Fußball spielen."

Wenn er über den Aufbau spricht, dann klingt Yann Sommer nicht wie ein Torhüter – sondern wie ein leidenschaftlicher Stratege, den man eher im defensiven Mittelfeld vermuten würde.

"Es ist ganz herrlich, wenn ich so gerade drüber spreche. Der Spielaufbau ist sehr komplex. Man muss an viele Sachen denken, viele Sachen analysieren und dann die richtige Entscheidung treffen."

Vielleicht ist es ja genau das, was den modernen Torhüter ausmacht: Er sieht sich nicht als reinen Toreverhinderer, sondern begreift sich als privilegierten Spieler, der das Vorrecht hat, den Ball auch mal in die Hand nehmen zu können. Er eignet sich das Spiel im gleichen Maße an wie seine zehn Vorderleute.

Und doch hat bei all dem Aufhebens, das um den so genannten modernen Torhüter gemacht wird, noch immer etwas anderes die Priorität in der Arbeit von Kamps und Krebs:

"Es wäre schade, wenn sich dieses Profil verschiebt und wenn irgendwann mal ein Trainer zu uns sagt: Ja, den müssen wir holen, und wir der Meinung sind, dass der nur Fußball spielen kann und keine Bälle halten kann, das wäre katastrophal. Aber wir gehen davon aus, so lange wir verantwortlich sind, brauchen wir einen guten Torwart", sagt Krebs. Und Kamps meint:

"Und was ist auch immer die erste Frage, wenn ein Ball ins Tor geht? Die erste Frage ist immer: Konnte er ihn halten? Also, das sagt doch irgendwo alles aus. Irgendwo ist das doch immer der entscheidenden Moment: Okay, der hält jetzt auch mal 'nen unhaltbaren Ball. Gefragt wird am Ende nicht, ob der zehn tolle Pässe gespielt hat, sondern ob der unhaltbar war oder nicht."

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