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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 05.02.2011

Der Theatermacher

Die Lange Nacht über Thomas Bernhard

Von Sabine Fringes

Thomas Bernhard (Suhrkamp)
Thomas Bernhard (Suhrkamp)

Wohl kaum ein anderer deutschsprachiger Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hat so die Gemüter erhitzt wie der Österreicher Thomas Bernhard. Seine Theaterstücke verursachten Skandale, seine Romane zogen Gerichtsverhandlungen nach sich.

Als "Nestbeschmutzer" beschimpfte man ihn in seinem Heimatland, weil man sein Stück "Heldenplatz" als eine Verunglimpfung Österreichs empfand. Er wiederum bescheinigte seinen Landsleuten "absolute Kulturlosigkeit" und verfügte testamentarisch ein Aufführungs- und Publikationsverbot all seiner Werke in Österreich. "Mein ganzes Leben ist nichts anderes als ununterbrochenes Stören und Irritieren.", so Bernhard über sein ständiges Theatermachen. Heute, gut zwanzig Jahre nach seinem Tod, haben sich die Wogen geglättet - und der Vorhang geht auf zum nächsten (Lektüre-) Akt.

Nach wie vor ungebrochen ist die Faszination über den "Unterganghofer", Moralisten und Humoristen Bernhard. Ein unwiderstehlicher Sog geht von den ewigen Tiraden seiner Figuren aus. Es sind Nörgler auf der Lauer, nie zufrieden, stets passt etwas nicht, immer gibt es etwas, das wirklich furchtbar ist. Ihr Redefluss ist ungebremst, aufreibend und anregend, niederschmetternd und belustigend zugleich. Und hochmusikalisch. Die Musik spielt eine besondere Rolle im Werk von Bernhard, der eigentlich gern Sänger geworden wäre. "Man kann ihn zitieren, man kann sich stundenlang in Bernhardschen Sätzen unterhalten. Man kann mit den Sätzen leben", sagte einmal der Schauspieler Bernhard Minetti. In 27 Sprachen sind seine Bücher mittlerweile übersetzt worden. In Frankreich weiß man gar von Fällen mit "bernhardité aigue", akuter Bernharditis, zu berichten. Eine Lange Nacht über Thomas Bernhard, der am 9. Februar 80 Jahre alt geworden wäre.


Die Internationale Thomas-Bernhard-Gesellschaft (ITBG) wurde am 11. Februar 1999 in Wien auf Initiative der dort ansässigen Thomas-Bernhard-Privatstiftung gegründet.

Linksammlung der Freien Universität Berlin

Thomas Bernhard im Suhrkamp Verlag


Auszug aus dem Manuskript:

Aus: der Wahrheit auf der Spur, S. 33

"Thomas Bernhard wurde am 10. Februar 1931 in Heerlen in Holland geboren. Er ist Salzburger. Immer wieder sucht er die Landschaft seiner Vorfahren, den Flachgau, auf. Die Zeit, die er in Wien verbrachte, betrachtet er als verloren, insofern er gezwungen war, in dieser bewunderungswürdigen Architektur mit ihren Bewohnern zusammenzutreffen. Die Wiener sieht er nicht liebenswürdig, sondern von der Unfähigkeit, sich selbst zu kritisieren, berauscht. Diese Beobachtung trifft auch die jungen und zäh älter werdenden Literaten dieser Stadt, die, Epigonen von Natur aus, in den Kaffeehäusern bei lebendigem Leib vermodern. Keiner Hymne und keines Intellekts fähig, beweihräuchern sie sich gegenseitig an den Extratischen und in den Spalten der schmutzigsten, witzlosesten und unbedeutendsten Zeitungsblätter der Welt. Die einzige deutschsprachige Dichterin von Rang, die er kennt, ist Christine Lavant. Einen lebenden deutschen Dichter der Weltliteratur hat er bis jetzt nicht gefunden.

Er ist wütend über das Fehlen auch nur einer einzigen Kritikerpersönlichkeit in Österreich. Er findet Doderer langweilig, alle anderen eingebildet und ebenso wenig wert. Er hat sich damit abgefunden, in einem Land zu leben, das das schönste ist, das er kennt, und unter Kunst- und Literaturbetreibenden, die sechzig bis hundert Jahre zurück sind. Er schreibt, um nicht vor Langeweile und Missmut zu sterben. (...) Seine Arbeit aber verrichtet er mit Energie, mit Zähigkeit und mit Gleichgültigkeit gegenüber seinen Feinden."

So ein Selbstporträt von Thomas Bernhard, erschienen im Oktober 1959 in der Monatszeitschrift "Der Morgen". Die Reaktion darauf ließ nicht lange auf sich warten. Es antwortete eine Gruppe Wiener Literaten mit einem Brief...

".. aus dem Café Hawelka, Wien, im November 1959 (...)
Selten steht es dafür, an Redaktionen von Zeitungen oder Zeitschriften offene Briefe zu richten. Diesmal aber wäre Schweigen mit sträflicher Trägheit gleichbedeutend.
Bisher haben Sie in der Rubrik ‚Junge Köpfe' mit sauberer Feder den Werdegang junger Persönlichkeiten dargestellt und uns oft interessante Begegnungen ermöglicht. Ob uns die jüngste Bekanntschaft, die Sie uns vermitteln wollen, ‚sehr angenehm' ist, müsste wohl doch erörtert werden.
Sie schreiben (...) Sätze, die unserer Ansicht nach die Redaktion nicht verantworten kann. Gleich eingangs springt uns eine "blendende" ins Auge: ‚Die Zeit, die er in Wien verbrachte, betrachtet er als verloren, insofern er gezwungen war, in dieser bewunderungswürdigen Architektur mit ihren Bewohnern zusammenzutreffen.' Wie erinnerlich hat ein bedeutender Führer in letzter Vergangenheit - dem hierorts als Künstler Anerkennung versagt blieb - ähnlich gedrechselte Maximen von sich gelassen; auch er fühlte sich in einem ‚flachen' Gau wohler (weil unbehelligt) als in der kosmopolitischen Atmosphäre des Wiener Cafés. (...)
Inwiefern Christine Lavant, die wir alle sehr schätzen, auch wirklich mit Bernhards Klischeelob gedient ist, mag dahingestellt bleiben.
Was den einzigen lebenden Dichter von Weltruf betrifft - der nicht zu finden sei -, so möchten wir Bernhard auf sich selbst weisen. Ach, wie das Gute doch nah liegt."

Soweit eine typische Szene aus dem Leben des Thomas Bernhard, damals 28 und Verfasser zweier unbeachteter Gedichtbände.

Bernhard: "Wir wissen nicht, handelt es sich um die Tragödie um der Komödie, oder um die Komödie um der Tragödie willen?"

Die öffentliche Auftritte Bernhards ähnelten oft im erstaunlichen Maße dem Verhalten seiner Romanfiguren: Sie führen einen vergeblichen Kampf gegen Nichtskönner und Nichtswisser, die in ihrer absoluten Unfähigkeit einen katastrophalen Mist nach dem andern verzapfen. - Ob Literaten, Politiker, Preisverleiher, Schuldirektoren oder ehemalige Freunde und Förderer - nahezu niemand bleibt von ihm verschont.
Mit 50 kam er zu dem Ergebnis:

Bernhard: "Ich und meine Arbeit haben so viele Feinde, wie Österreich Einwohner hat, die Kirche, die Regierung auf dem Ballhausplatz und das Parlament auf dem Ring eingeschlossen."


Uwe Schütte
Thomas Bernhard
2010 UTB Böhlau
Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989) zählt zu den bedeutendsten Romanschriftstellern und meistgespielten deutschsprachigen Dramatikern der Gegenwart. Dieses Studienbuch führt in Leben und Werk ein und organisiert das Material weitgehend chronologisch und nach Gattungen geordnet. Dabei wird den spezifisch österreichischen Aspekten seiner Sprachkunst besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Das Abschlusskapitel ist dem Kult um Thomas Bernhard gewidmet.

Bernhard Judex
Thomas Bernhard
Epoche - Werk - Wirkung. Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte
2010 Beck
Zu Lebzeiten stets kontrovers diskutiert, ist der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989) über zwanzig Jahre nach seinem Tod zu einem literarischen Klassiker geworden. Das Arbeitsbuch vermittelt neben einer kurzen Einführung zur Biografie und literaturgeschichtlichen Stellung einen Überblick über die wichtigsten Texte Bernhards. Werkanalyse und grundlegende interpretatorische Deutungsansätze werden durch eine umfangreiche Bibliografie ergänzt. Damit bietet das Arbeitsbuch Studenten und Lehrenden, aber auch Literaturinteressierten ein Instrumentarium, das den Zugang zu diesem Autor wesentlich erleichtert.



Thomas Bernhard und Frankfurt.
Der Autor und sein Verleger
2006 Suhrkamp
Die Ausstellung "Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen. Der Nachlaß" wird vom 10.3. bis 23.4.2006 im Holzhausenschlößchen in Frankfurt gezeigt. Die Ausstellung wird ergänzt durch einen eigenen Schwerpunkt über die Beziehungen von Thomas Bernhard zu den Verlagen Suhrkamp und Insel im Allgemeinen, Siegfried Unseld im Besonderen.
Aus diesem Anlass erscheint eine 20-seitige Broschüre mit dem Titel "Thomas Bernhard und Frankfurt. Der Autor und sein Verleger". Diese Broschüre folgt in ihrer Gestaltung (Vierfarbdruck) dem Druck des Kataloges "Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen. Der Nachlaß".

Lange Nacht

Der Nürnberger ProzessIm Namen des Volkes
Die Hauptangeklagten (L-R) Hermann Göring, Rudolf Heß und Joachim von Ribbentrop auf der Anklagebank während der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesse am 13.02.1946 in Nürnberg. (picture alliance / dpa)

Es war ein Medienspektakel, aber kein Tribunal. Es wurde kein Standgericht, wie Churchill forderte, und kein russischer Schauprozess. Im Winter 1945 wurden im Nürnberger Prozess die Grundlagen für die deutsche Nachkriegsrepublik gelegt.Mehr

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