Der Theatererfinder

Von Michael Laages |
Kurt Hübner hatte bereits einige Erfahrung als Schauspieler, Dramaturg und Regisseur gewonnen, als er 1962 die Intendanz der Städtischen Bühnen Bremen übernahm. In Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Peter Zadek und Peter Palitzsch, aber auch mit Schauspielern wie Bruno Ganz und Vadim Glowna, entwickelte Hübner hier eine radikale Form des Theaters, die aneckte und weit über die Grenzen Bremens hinausstrahlte.
Hübner: "Ich fand meinen Namen nicht schön ..."

Hübner, Kurt. Offizierssohn vom Jahrgang 1916 und aus Hamburg. An diesem Abend, vor etwa zehn Jahren, wird in Bremen ein Theaterpreis verliehen, der seinen Namen trägt, und er soll sich gefälligst mit geehrt fühlen, hat ihm ein alter Freund geraten:

"Aber dann sagte Zadek: Sei doch froh, dass Dein mittelmäßiger Name für wichtig genug gehalten wird, dass ein Preis damit vergeben wird - weil Du dahinter stehst. Da habe ich gleich gesagt: Das muss ich korrigieren - dahinter stehe nicht ich. Dahinter stehen wir."

"Wir". Das heißt: Er und Peter Zadek. Peter Stein und er. Und Wilfried Minks und Klaus Michael Grüber und Jutta Lampe, Vadim Glowna, Bruno Ganz. Zwischen ihnen allen immer er - der ja immerhin auch Schauspieler war, auch Regisseur; vor allem aber: Intendant.

"Ich habe immer gesagt: alle meine Mitarbeiter müssen besser sein als ich; ich muss sie bewundern, weil sie etwas können, was ich nicht kann."

Zadek: "Letztendlich war schon immer auch klar, was er mochte und was nicht. Aber wenn er sich entscheiden musste zwischen einer schöpferischen Tat und etwas, was er mochte, hat er sich immer für die schöpferische Tat entschieden."

... rühmt in diesen Tagen, und ebenfalls mit Gruß nach München, der zehn Jahre jüngere Zadek. So soll ein Intendant sein - einer, der die eigenen Vorlieben hintanstellt und die Türen zuhält, hinter denen andere arbeiten; und der die gemeinsame Arbeit schützt gegen allen Einfluss von außen. So sind ihrer aller Karrieren verbunden mit seinem "mittelmäßigen Namen" und mit mancherlei Kämpfen jener unruhigen Zeit, im noch unruhigeren Bremen ...

"... das der Ort meiner schwersten Depressionen war und meiner höchsten Glücksgefühle - der schwersten Depressionen im Ertragenmüssen eines unglaublichen Horrors im Umgang mit einigen Mitgliedern im Aufsichtsrat, die die Zuständigkeit der Unzuständigen verkörperten ..."

Erst jetzt, in diesen Tagen des 90. Geburtstags, mochte die kleine Hansestadt den knorrigen Alten auszeichnen mit der höchstmöglichen Ehrung, die sie zu vergeben hat. "Vertrieben" fühlt sich Hübner immer noch, auch mehr als drei Jahrzehnte danach. Die Vorgänge damals erscheinen aus heutiger Sicht unfassbar - um den Hausherrn los zu werden, scheute die Bremer Politik nicht davor zurück, den Theaterchef zu kriminalisieren; als leite er kein Theater, sondern eine Art Kiffer-Kommune. Sogar Hausdurchsuchungen im Intendanz-Büro galten als angemessen - angeblich, um Drogen zu finden.

Dabei war ja dieser Intendant nicht irgendwer: nach der Schauspielschule am Deutschen Theater in Berlin, deren Besuch vom Krieg vereitelt worden war, wurde Hübner in den ersten Nachkriegsjahren Radio-Reporter beim neuen Radio-Sender in Hamburg, spielte ebenda am Schauspielhaus und inszenierte erstmals in Hannover; danach in Göttingen, Ingolstadt und Freiburg. Chefdramaturg war er beim Süddeutschen Rundfunk, Hörspielchef wiederum beim NDR in Hannover und Chefdramaturg am Theater vor Ort. Von da ging er in gleicher Funktion nach Stuttgart - und übernahm 1959 die erste Theater-Intendanz: in Ulm.

"Ohne Theater kann ich mir gar keine Stadt vorstellen. Denn es steht ja immer wieder für die Auseinandersetzung mit den großartigsten, wichtigsten Dingen, die die Menschheit in ihrer Geschichte hervorgebracht hat - Kenntnisse, Kenntnisse, Kenntnisse!"

Zadek: "Das ist ein besonderes Talent, das er hatte: eine besondere Nase für Talent, und zwar für Zukunftstalent. Und das hat er bei Schauspielern, das hat er bei Regisseuren, bei Autoren, bei Autoren, bei Leuten überhaupt - Leute, von denen er weiß, dass sie die Zukunft verändern werden."

Hübners wichtigstes Talent, wie Zadek es beschreibt, hatte sich schon in Ulm gezeigt; es bewährte sich in unvergleichlicher Weise in Bremen - das heißt: in der Provinz, und eben nicht in der Metropole.

"Ja wenn ich in Berlin bin - in Berlin wollen sie immer nur die großen Stars. Da muss man schon was geworden sein; und darf nicht noch werden. Aber hier wird man! Das war das Schöne hier in Bremen: dass man die Bruno Gänse und wie sie alle heißen aus irgendeinem Zimmertheater in Göttingen holen konnte ..."

Er hat sie alle arbeiten und sich erfinden lassen in "seinem" Theater - das ist das eine. Das andere ist das störrische Beharren auf einigen wichtigen Standards des Theaters als unverzichtbarer Standort für Kultur und Zivilisation. Vielen kam das sehr preußisch vor, sagt Zadek, und immer eine Spur zu laut:

"Die Deutschen in dieser Generation neigen halt dazu, laut zu sein; das hat aber nichts zu bedeuten. Wissen Sie, als ich zuerst nach Ulm kam, kam ich aus England, und in England hat man nur geflüstert. Der ganz normale Umgangston von Kurt Hübner war also für mich schon so laut, dass ich mich immer fürchtete und dachte, die fetzen sich jetzt! Aber es war nur so, dass er die Leute heraus gefordert hat, er hat sie richtig angemacht, und im Notfall geärgert - um heraus zu bekommen, wie sie reagieren. Wie kriegt man raus, wann einer reagiert auf irgendwas?"

Hübner beschreibt es so:

"Die Provokation als geistige Herausforderung, die herrliche Beunruhigung, die entsteht; und die sich fortsetzt in die Universitäten, aber auch in die Kaffeekränzchen - und debattiert! Und den Geist wieder zu etwas macht - der ja sehr reduziert ist - was er eigentlich sein soll: die prüfende Instanz."

Klarer und klüger kann ja auch heute kaum einer erklären, warum eigentlich Theater sein muss. Hübner selber darf dabei heutzutage allemal als gestrenger Wert-Konservativer gelten, der das - wie er das nennt - "Hose-rauf-Hose-runter-Theater" schwer verachtet und lieber die Generation der inzwischen wieder nachwachsenden Traditionalisten pflegt und fördert, wie und wo er kann; etwa den derzeitigen Bochumer Intendanten Elmar Goerden. Insofern klingt Hübners letztes Wort auch nur ein bisschen resignativ:

" Ich mag ja die Sachen am liebsten, die ich nicht kann - deswegen gehe ich auch so gern in Klavierkonzerte."

... aber natürlich auch immer noch, und trotz körperlicher Schwächen, ins Theater. Er wird's nicht lassen können bis zum letzten Augenblick.