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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.05.2007

Der Stoff für die Bombe

Rainer Karlsch: "Uran für Moskau", Ch. Links Verlag, Berlin 2007, 280 Seiten

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Abraumhalden der Wismut- Bergbaugesellschaft in den 90er Jahren (AP)
Abraumhalden der Wismut- Bergbaugesellschaft in den 90er Jahren (AP)

Die Geschichte der Wismut AG in Thüringen ist mit vielen Legenden verbunden. Kein Wunder, denn hier wurde das Uran für das sowjetische Atomprogramm gefördert. Rainer Karlsch räumt in seinem Buch "Uran für Moskau" mit einigen dieser Mythen auf und fasst die Geschichte der Wismut AG zusammen.

Die Geschichte des Uran-Bergbaus in Deutschland ist die Geschichte der Wismut, einer zuerst sowjetischen, dann sowjetisch-deutschen Firma. Jahrzehntelang wurde sie geführt wie ein Geheimbetrieb mit bis zu 200.000 Beschäftigten über und unter Tage. Werner Bräunigs Roman "Rummelplatz" ist dafür literarisches Zeugnis.

Der Berliner Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch liefert mit "Uran für Moskau" die Unternehmensgeschichte der Wismut-AG. Lange Jahre hielten sich zahlreiche Legenden um das Unternehmen mit Sonderstatus, von menschenunwürdiger Arbeit, ja von "Gulag-ähnlichen Zuständen" war die Rede. Rainer Karlsch relativiert diese Mythen. Er erzählt von zwangsweisen Rekrutierungen in den Anfangsjahren des Uranbergbaus, aber auch von mutigen deutschen Gewerkschaftern, die schon früh auf die Missstände aufmerksam machten und die sowjetische Besatzungsmacht wenigstens teilweise zum Einlenken zwangen.

Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man im Erzgebirge ein uranhaltiges Erz gefördert, die so genannte Pechblende. Man nutzte sie vor allem zur Herstellung von Farben. Das in diesem Erz enthaltende Radium fand sich in leuchtenden Zifferblättern von Flugzeuguhren und U-Boot-Armaturen, und es galt als Heilmittel. gegen Rheuma, Krebs und Hautkrankheiten. Da, wo einst Silber gefördert worden war, entstanden nun Radium-Kurbäder.

Nachdem die Amerikaner im Sommer 1945 ihre ersten Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatten, begann auch im Erzgebirge das Atomzeitalter. Stalin übte auf sowjetische Militärs und Wissenschaftler enormen Druck aus, um schnell in den Besitz einer eigenen Atombombe zu kommen. Doch dafür brauchte es Uran, und über diesen Rohstoff verfügte die Sowjetunion kaum. Die größte Lagerstätte im sowjetischen Machtbereich lag im sächsischen Erzgebirge und in Thüringen.

Angeblich soll Stalin deshalb schon bei der Einteilung der Sektorengrenzen darauf geachtet habe, dass Sachsen und Thüringen unter seinen Einfluss gelangen. Diesem Gerücht widerspricht Rainer Karlsch, denn die Sektorengrenzen waren bereits 1944 festgelegt worden, "zu einem Zeitpunkt, als das Uranproblem für Stalin noch nicht zentral war."

1947 wurde die Wismut AG gegründet, ein rein sowjetisches Unternehmen, versteckt hinter hohen Zäunen und bewacht von der Roten Armee. Im Sächsischen Staatsarchiv fand Karlsch eine Karte, auf der eine sowjetische Kommission das "Interessengebiet" der Wismut eingezeichnet hatte. Dieses so genante "Mittelfeld" umfasste ein Gebiet mit 1,6 Millionen Einwohnern. "Damit lebten fortan knapp 30 Prozent der sächsischen Bevölkerung de facto in einer Sonderzone", schreibt Karlsch. Und in dieser Sonderzone galten sowjetische Regeln. Von Anfang an wurde bei der Wismut nur die SED zugelassen, die Blockparteien blieben draußen vor der Tür.

Kein Unternehmen stand in der Prioritätenliste der Besatzungsmacht höher als die Wismut AG. Also musste nun alles sehr schnell gehen, Stalin brauchte das Uranerz für die Bombe. Die Umstände, unter denen das Erz in den Anfangsjahren abgebaut wurde, waren jedoch nicht anders als mittelalterlich. Es gab fast nichts, keine Bohrhämmer, keine Stiefel, selbst Helme waren Mangelware. Es wurde gehungert, es gab kaum Wohnungen; "die Besatzungsmacht", so Karlsch "hat sich aus verständlichen Gründen für die Nöte der Deutschen nicht sonderlich interessiert."

Bis Mitte der fünfziger Jahre blieben die Arbeitsbedingungen bei der Wismut unsäglich. Weder wurde der Gehalt des Radon-Gases in der Atemluft der Bergleute gemessen, noch wurden die Schächte ausreichend "bewettert", also belüftet; Aufklärung über das Strahlenrisiko gab es nicht. Zwar erhielten die Wismut-Kumpel bald relativ hohe Löhne, doch den Preis für ihre Arbeit sollten sie Jahre später zahlen, mit ihrer Gesundheit, manche mit dem Leben.

Die Preise für die Uranerzlieferungen wurden hingegen in Moskau festgelegt, ebenso die Liefermengen. Wie sie diese Ziele erreichen sollte, damit musste die DDR allein fertig werden. Die Wismut förderte zwar riesige Mengen Uranerz für Stalins Atomprojekt, doch der Abbau selbst war nicht gewinnträchtig, im Gegenteil, er wurde über Jahrzehnte aus dem Staatshaushalt der DDR subventioniert.
1954 wurde der sowjetische Betrieb zur gemischten "Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft". Ende der 60er Jahre stand die Wismut an dritter Stelle der Uranproduzenten in der Welt und war zugleich ein "Staat im Staate DDR", ein Unternehmen mit weitgehend autarken Strukturen, gut ausgebautem Sozialsystem und einer motivierten Belegschaft, anders, als in den Anfangsjahren, als viele via Zwangsvermittlung zur Wismut gekommen waren.

Die große Krise kam 1977, als die besten Lagerstätten längst abgebaut waren und die Kosten erneut in die Höhe schnellten. Immer wieder gab es Streit zwischen der SED-Führung und den Genossen in Moskau über diesen "zusätzlichen Verteidigungsbeitrag". Doch Moskau blieb selbst 1986, nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, hart. Zwar wollte man weniger Erz von der DDR kaufen, den Uranbergbau aber nicht aufgeben. Dafür regten sich in der DDR inzwischen immer wieder Proteste gegen die von der Wismut ausgehenden Umwelt- und Gesundheitsgefahren und deren Geheimhaltung.

Das Ende der Wismut fiel zusammen mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Ende der DDR. Auf dem Weltmarkt war das teure Erz aus Sachsen und Thüringen nicht mehr verkäuflich. Die Sowjetunion, als einziger Abnehmer, hatte andere Sorgen.

Rainer Karlsch hat mit "Uran für Moskau" eine anschauliche und - wie der Untertitel es verspricht - populäre Geschichte der Wismut geschrieben. Sein Buch erzählt minutiös, welche Folgen politische Entscheidungen für Mensch und Landschaft haben. Und er vergisst auch die Opfer nicht: 4700 Fälle von Lärmschwerhörigkeit, 15000 Silikosekranke und 5300 Bergleute mit Lungenkrebs. Auch daran sollte sich erinnern, wer jetzt die begrünten einstigen Uranhalden der Wismut in Sachsen und Thüringen besucht.

Rezensiert von Liane von Billerbeck

Rainer Karlsch: Uran für Moskau. Die Wismut - eine populäre Geschichte
Ch. Links Verlag, Berlin 2007
280 Seiten, 1 Karte, 55 Abbildungen, 14, 90 Euro

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