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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.04.2013

Der Sommer des Dichters

Gabriele D’Annunzio: "Alcyone", Elfenbein Verlag, Berlin 2013, 491 Seiten

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Gabriele d'Annunzio: In seinen Versen huldigt ein Poetisches Ich der mediterranen Landschaft. (picture alliance / dpa / Bifab)
Gabriele d'Annunzio: In seinen Versen huldigt ein Poetisches Ich der mediterranen Landschaft. (picture alliance / dpa / Bifab)

Gabriele D'Annunzio, geboren 1863, ist ein italienischer Dichter und Nationalheld. Naturgemäß finden deutsche Leser nur schwer Zugang zu seinen Versen. Nun hat das Übersetzerpaar Geraldine Gabor und Ernst-Jürgen Dreyer sein Meisterwerk "Alcyone" übertragen.

Das Leben Gabriele D’Annunzios lässt sich grob in zwei Abschnitte teilen: einen ersten von der Geburt im Jahre 1863 bis 1903, in dem er nahezu sämtliche seiner bedeutenden Werke publizierte, und einen zweiten bis zu seinem Tode 1938, in dem er vor allem als Kriegsheld und Nationalsymbol von sich reden machte.

Dieser zweiten Lebenshälfte ist es zuzuschreiben, dass heute das Interesse an seiner Biografie oftmals ausgeprägter ist als dasjenige an seinem Werk, umso mehr als letzteres durch die allzu große Nähe des Autors zum Faschismus in ein fragwürdiges Licht gerückt wurde.

Genau auf dem Gipfel des literarischen Ruhms, nämlich 1903, erschien der Gedichtband "Alcyone", als dritter eines auf sieben Bände angelegten Zyklus, der allerdings unvollendet blieb. Zu Recht gilt er bis heute als D’Annunzios lyrisches Meisterwerk. Der Untertitel "Lobgesänge des Himmels, des Meeres, der Erde und der Helden" scheint indes ideologisch auf die späteren Abenteuer des Dichters zu verweisen: Seien es sein Flug über Wien oder das nächtliche Eindringen in den feindlichen Hafen der Bucht von Bakar im Ersten Weltkrieg, wobei er jeweils Propagandamaterial hinter die feindlichen Linien brachte, oder die Besetzung Fiumes von 1919-1921.

Doch von derlei Kriegsspielen findet sich in "Alcyone" zum Glück nichts. Hier ist es tatsächlich die Natur, deren Lob gesungen wird, und nicht umsonst lautet der Titel des Auftaktes "Waffenruhe":

Großmütiger Herr, o wolle zugestehen
dem guten Kämpfer Lorbeerbaumes Schatten
und Gras zu fühlen unter nackten Zehen.


Das Bild des dritten Verses erinnert an Rimbaud, und gleichzeitig bedient sich D’Annunzio hier der Dantischen Terzine, wohingegen er sonst freie oder zumindest ungereimte, oft sehr kurze Verse verwendet. Der Ton ist stets ein hoher, ihm eigener, doch schöpft dieser poeta doctus seinen extrem reichen Wortschatz aus verschiedensten Quellen.

Die Landschaft, in der das poetische Ich einen Sommer verbringt, als dessen lyrisches Tagebuch man die 88 zum Teil sehr langen Gedichte betrachten kann, ist eine mediterrane: dem Ölbaum ist ebenso ein Text gewidmet wie dem Oleander, und der "Regen im Pinienhain" ist eines der vielleicht schönsten, zumindest aber eines der berühmtesten italienischen Gedichte. Der Zauber der Natur geht so weit, dass die Figuren fast eins mit ihr werden, und der Klang der Regentropfen, der "Akkord der Zikaden" und anderer Waldbewohner werden lautmalerisch evoziert. Gleichzeitig verschmilzt diese Liebe zur Natur mit zwischenmenschlichen Formen der Sinnlichkeit, so auch in "Arnomündung":

Noch niemals war mir je ein Frauenmund
von solcher Süße auf dem Liebespfade –
wenn nicht der deine, deine sanft sich neigend –
wie jene stille Mündung, bleich und schweigend.


Aus dem Kontext gerissen mögen diese Verse, hundertzehn Jahre nach ihrem Erscheinen, ein wenig schwülstig erscheinen, doch im Zusammenhang gelesen eröffnet sich ihr ganzer Zauber, der nun, dank einer wahren Herkulesarbeit des Übersetzer-Ehepaares Geraldine Gabor und Ernst-Jürgen Dreyer, auch dem deutschsprachigen Publikum zugänglich ist.

Besprochen Carolin Fischer

Gabriele D’Annunzio: Alcyone - Lobgesänge des Himmels, des Meeres, der Erde und der Helden.
Aus dem Italienischen von Geraldine Gabor und Ernst-Jürgen Dreyer
Elfenbein Verlag, Berlin 2013
491 Seiten, 48 Euro

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