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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.02.2008

Der Seitensprung eines Politikers

Dirk Kurbjuweit: "Nicht die ganze Wahrheit", Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2008, 220 S.

Subtiles Bild vom Innenleben jener, die nach politischer Macht gieren. (AP)
Subtiles Bild vom Innenleben jener, die nach politischer Macht gieren. (AP)

Der Journalist Dirk Kurbjuweit leitet das Hauptstadtbüro des "Spiegels". Sein neuer Roman "Nicht die ganze Wahrheit" präsentiert ein Bravourstück seiner literarischen Werkstatt, und Kurbjuweit scheut sich dabei nicht, auf seine Erfahrungen als Politjournalist zurückzugreifen.

Die deutsche Gegenwartsliteratur hat es nicht leicht: Den einen ist sie zu stark gebunden an die Gemütszustände ihrer melancholisch angehauchten Verfasser; den anderen verstrickt sie sich zu sehr in ausladende Familiengeschichten, die großen politischen oder sozialen Themen außer Acht lassend. Und sobald es Autoren wagen, sich dorthin zu begeben, wo die gesellschaftlichen Machtkämpfe toben und die Zukunftswürfel fallen, mangelt es ihnen nicht selten an Kenntnissen, so dass Bücher aus der Klischeeretortenkiste entstehen.

Der Journalist Dirk Kurbjuweit, Jahrgang 1962, passt in keines dieser Raster: Tagsüber leitet er das Berliner Hauptstadtbüro des "Spiegel", führt für seinen Arbeitgeber Interviews mit den Herrschenden jedweder Couleur und schreibt hoch gelobte Reportagen. Damit nicht genug: Seit Jahren legt Kurbjuweit Romane ("Zweier ohne", "Nachbeben") vor, die eindrucksvoll bezeugen, dass man sich im Getümmel von Macht und Intrige bewegen und dennoch genau beobachtete, differenzierte Prosa schreiben kann.

Mit "Nicht die ganze Wahrheit" präsentiert er ein Bravourstück seiner literarischen Werkstatt und scheut sich dabei nicht, auf seine Erfahrungen als Politjournalist zurückzugreifen. Im Mittelpunkt des Romans steht der parlamentarische Haudegen Leonard Schilf, der einer irgendwie an die SPD erinnernden Partei vorsteht. Ehefrau Ute zweifelt an seiner Treue und beauftragt den unter anderem auf Seitensprünge spezialisierten Privatdetektiv Arthur Koenen.

Dieser heftet sich an die Fersen des Politprofis, besucht Wahlveranstaltungen und findet – wenn auch nur dank eines gegen sein Berufsethos verstoßenden Einbruchs – zu guter Letzt heraus, dass der Verdacht der Gemahlin nicht unbegründet war: Seit Monaten hat Schilf eine Affäre mit der markant jüngeren Abgeordneten Anna Tauert, die pikanterweise als Parteirebellin gilt und gegen Teile der von Schilf unterstützten Gesundheitsreform kämpft. Zum Ärger des irgendwie an Gerhard Schröder erinnernden Kanzlers Fred, dessen Frau nie "anders aussehen wird als ein Schulmädchen kurz vor dem Abitur" ...

Dirk Kurbjuweit nutzt geschickt die Perspektive des skeptischen Detektivs, für den die ganze Welt unter "ewigem Verdacht" steht. Mit dem Widerspruch zwischen "Zivilisation" und "Trieb" ist Koenen wohlvertraut, und natürlich weiß er, dass auch seine emsigsten Recherchen "nicht die ganze Wahrheit" an den Tag bringen werden.

Frei von Stereotypen und voller kluger Reflexionen zeichnet der stilistisch souveräne Roman ein subtiles Bild vom Innenleben jener, die nach (politischer) Macht gieren und bemüht sein müssen, keinen zu tiefen Einblick in ihre wahren Gefühle preiszugeben.

Und weil sich Arthur Koenen immer stärker Annas Perspektive aneignet und zum "verliebten Leibwächter" mutiert, wartet der Roman mit einem verblüffenden Finale auf, mit einem, das sich gewiss nicht im Handbuch der Detektivarbeit findet ...

Rezensiert von Rainer Moritz

Dirk Kurbjuweit: Nicht die ganze Wahrheit
Roman. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2008
220 Seiten, 19,90 Euro

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