Der schwache Schimmer als Leuchtkraft
Das Interesse des französischen Philosophen Georges Didi-Huberman für Glühwürmchen geht auf einen Aufsatz von Pier Paolo Pasolini zurück. Im Gegensatz zu dem linken Filmemacher glaubt er an Gegenkräfte im Herrschaftsdiskurs. Doch seiner Meinung nach haben sie sich – wie Glühwürmchen – an Orte zurückgezogen, wo sie nicht leicht zu entdecken sind.
Glühwürmchen, die zur Familie der Leuchtkäfer gehören, besitzen eine nur geringe Leuchtkraft. Etwa 5.000 von ihnen werden gebraucht, um ein Licht zu erzeugen, das dem einer Kerze gleicht. Sie leuchten nur schwach, aber in einer dunklen Sommernacht sind sie dennoch sehr gut zu erkennen. Ihr Leuchten ist Ausdruck eines Begehrens, denn sie suchen einander.
Solche Beschreibung würde im Buch eines Insektenforschers für wenig Verwunderung sorgen. Da sie sich aber in der jüngsten Veröffentlichung des französischen Philosophen und Kulturkritikers Georges Didi-Huberman (Jahrgang 1953) findet, wird man neugierig, welches kulturelle Phänomen der Autor unter Zuhilfenahme der Glühwürmchen erhellen will. Didi-Huberman interessiert die Frage, ob etwas bereits verschwunden ist, wenn es nicht mehr gesehen, wenn es nicht mehr in einst gewohnter Häufigkeit zu entdecken ist.
Didi-Hubermans Interesse für die Glühwürmchen geht auf einen Aufsatz von Pier Paolo Pasolini (1922-1975) zurück. Der italienische Filmemacher und bekennende Linke veröffentlichte 1975 – neun Monate bevor er ermordet wurde – einen Aufsatz unter der Überschrift "Das Machtvakuum in Italien", der unter dem Titel "Von den Glühwürmchen" bekannt wurde. Pasolini verabschiedet darin seine Hoffnung, dass es noch Kräfte des Widerstands geben würden. Für ihn sind sie verschwunden – und darin mit den Glühwürmchen zu vergleichen.
Didi-Huberman widerspricht. Er schätzt seinen Kontrahenten, aber er teilt nicht Pasolinis Ansicht, dass es im Herrschaftsdiskurs keine Gegenkräfte gebe. Seiner Meinung nach existieren sie weiterhin; aber sie haben sich – wie die Glühwürmchen – an Orte zurückgezogen, wo sie nicht leicht zu entdecken sind.
In seinem zum Nachdenken einladenden Buch hält sich Didi-Huberman an das Diktum Walter Benjamins, der davon spricht, dass man den "Pessimismus [...] organisieren" müsse. Diesen Gedanken greift er im letzten der sechs Kapitel auf, das mit "Bilder" überschrieben ist. Er verweist auf die schwache Leuchtkraft von Bildern, die dennoch in der Lage sind, ein grelles Licht auf die Wirklichkeit zu werfen. Als Beispiel dafür dient ihm Charlotte Beradts Buch "Das Dritte Reich des Traums" (1966). Beradt hat von 1933 bis 1939 – dann war sie als Jüdin gezwungen, ins Exil zu gehen – ihre Träume notiert, die sich wie eine intime "’Seismographie’ der politischen Geschichte des Dritten Reichs" lesen. Ihre Traumbilder halten Situationen äußerster Bedrohung fest. Sie schimmern nur schwach, im Vergleich zum grellen Scheinwerferlicht, in dem sich die Potentaten der Macht inszenierten.
Didi-Huberman ist überzeugt davon, dass dieser schwache "Schimmer" genügend Leuchtkraft für "Andere" besitzt. Die Gegenkräfte besitzen wie die Glühwürmchen das Vermögen, untereinander zu kommunizieren. Suchen aber muss man sie in jenen Regionen, die noch nicht von den gleißenden Lichtquellen ausgeleuchtet wurden.
Besprochen von Michael Opitz
Georges Didi-Huberman: Überleben der Glühwürmchen
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek
Wilhelm Fink Verlag, München 2012
145 Seiten, 24,90 Euro
Solche Beschreibung würde im Buch eines Insektenforschers für wenig Verwunderung sorgen. Da sie sich aber in der jüngsten Veröffentlichung des französischen Philosophen und Kulturkritikers Georges Didi-Huberman (Jahrgang 1953) findet, wird man neugierig, welches kulturelle Phänomen der Autor unter Zuhilfenahme der Glühwürmchen erhellen will. Didi-Huberman interessiert die Frage, ob etwas bereits verschwunden ist, wenn es nicht mehr gesehen, wenn es nicht mehr in einst gewohnter Häufigkeit zu entdecken ist.
Didi-Hubermans Interesse für die Glühwürmchen geht auf einen Aufsatz von Pier Paolo Pasolini (1922-1975) zurück. Der italienische Filmemacher und bekennende Linke veröffentlichte 1975 – neun Monate bevor er ermordet wurde – einen Aufsatz unter der Überschrift "Das Machtvakuum in Italien", der unter dem Titel "Von den Glühwürmchen" bekannt wurde. Pasolini verabschiedet darin seine Hoffnung, dass es noch Kräfte des Widerstands geben würden. Für ihn sind sie verschwunden – und darin mit den Glühwürmchen zu vergleichen.
Didi-Huberman widerspricht. Er schätzt seinen Kontrahenten, aber er teilt nicht Pasolinis Ansicht, dass es im Herrschaftsdiskurs keine Gegenkräfte gebe. Seiner Meinung nach existieren sie weiterhin; aber sie haben sich – wie die Glühwürmchen – an Orte zurückgezogen, wo sie nicht leicht zu entdecken sind.
In seinem zum Nachdenken einladenden Buch hält sich Didi-Huberman an das Diktum Walter Benjamins, der davon spricht, dass man den "Pessimismus [...] organisieren" müsse. Diesen Gedanken greift er im letzten der sechs Kapitel auf, das mit "Bilder" überschrieben ist. Er verweist auf die schwache Leuchtkraft von Bildern, die dennoch in der Lage sind, ein grelles Licht auf die Wirklichkeit zu werfen. Als Beispiel dafür dient ihm Charlotte Beradts Buch "Das Dritte Reich des Traums" (1966). Beradt hat von 1933 bis 1939 – dann war sie als Jüdin gezwungen, ins Exil zu gehen – ihre Träume notiert, die sich wie eine intime "’Seismographie’ der politischen Geschichte des Dritten Reichs" lesen. Ihre Traumbilder halten Situationen äußerster Bedrohung fest. Sie schimmern nur schwach, im Vergleich zum grellen Scheinwerferlicht, in dem sich die Potentaten der Macht inszenierten.
Didi-Huberman ist überzeugt davon, dass dieser schwache "Schimmer" genügend Leuchtkraft für "Andere" besitzt. Die Gegenkräfte besitzen wie die Glühwürmchen das Vermögen, untereinander zu kommunizieren. Suchen aber muss man sie in jenen Regionen, die noch nicht von den gleißenden Lichtquellen ausgeleuchtet wurden.
Besprochen von Michael Opitz
Georges Didi-Huberman: Überleben der Glühwürmchen
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek
Wilhelm Fink Verlag, München 2012
145 Seiten, 24,90 Euro
