"Der Schüler" auf Netflix

    Für die Kunst verzichtet er auf alles

    07:23 Minuten
    Filmszene aus "Der Schüler". Aditya Modak, in der Rolle des Sharad Nerulkar, sitzt mit einem traditionellen indischen Zupfinstrument auf dem Boden.
    Von der Kunst in eine handfeste Lebenskrise: Sharad Nerulkar (Aditya Modak) in Chaitanya Tamhanes "Der Schüler". © Netflix
    Von Patrick Wellinski · 28.04.2021
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    Der indische Autorenfilmer Chaitanya Tamhane erzählt von der Existenzkrise eines jungen Musikers: Auf dem Weg zur Spitze scheinen ihn seine Talente zu verlassen - eine kluge Reflexion über das Verhältnis von Kunst und Leben.

    Worum geht es?

    Sharad Neruklar hat sein ganzes Leben in den Schatten der klassischen indischen Musik gestellt. Als Sharads Raga-Guru verkündet, in den Ruhestand zu treten, macht sich Sharad Hoffnung auf die Nachfolge.
    Er tritt von der zweiten in die erste Reihe, vergeigt aber einen Auftritt nach dem anderen, während seine Konkurrentin ihn überflügelt. Das wirft den stillen Mann in eine tiefe Existenzkrise: Hat er sein ganzes Leben vergeudet? Kann er die Meisterschaft erreichen, nach der er strebt?

    Was ist das Besondere?

    Ein Film wie ein Trip in Trance, voller wunderlicher Betrachtungen menschlicher Ambitionen ist dem indischen Autorenfilmer Chaitanya Tamhane gelungen. Der Regisseur wird von Oscar-Gewinner Alfonso Cuaron künstlerisch betreut und befindet sich daher selbst in einem Schüler-Lehrer-Verhältnis. Mit "Der Schüler" ist ihm eine komplexe, spannende und immersive Seherfahrung geglückt.
    Sharads Enttäuschung darüber, dass er vielleicht nie die Meisterschaft seines Gurus erreichen wird, bildet den Ausgangspunkt für Überlegungen zum Verhältnis von Kunst und Leben. Der Preis, den der junge Mann zahlt, ist hoch: Er verzichtet auf Familie, Liebe, Privatleben. Alles unterwirft er der Kunst - ohne Garantien auf Karriere. Wie Sahrad gegen diesen Gedanken ankämpft und beginnt, sich mit Konsequenzen zu beschäftigen, verdeutlicht die Sprengkraft der hier geschilderten Konflikte.
    Chaitanya Tamhane findet dazu betörende Bilder, die stark vom Rhythmus der klassischen indischen Musik getragen werden, ohne ihre geheime Anziehungskraft offen zu legen oder zu erklären.

    Bewertung

    "Der Schüler" ist ein weiterer Beleg für Tamhanes einzigartigen Stil, sein eigenständiges visuelles Talent. Der Film ist mysteriös, spannend und atmosphärisch - und steckt voller Details aus der indischen Klassikszene.
    Dabei beeindruckt vor allem, wie der Konflikt der Hauptfigur nachvollziehbare philosophische Fragen stellt. Daneben geht es auch um popkulturelle Aneignungen der Tradition. Fragen, die auch jenseits des indischen Kontextes unseren Alltag prägen.
    Bei den Filmfestspielen von Venedig gewann er dafür letztes Jahr den Preis für das beste Drehbuch. Der einzige Makel ist, dass der Film durch ungeschicktes Marketing von Netflix gestreamt wird. Die große Leinwand ist für "Der Schüler" eigentlich zwingend notwendig - aber das lässt sich derzeit nicht ändern.

    "Der Schüler" (The Disciple)
    Regie: Chaitanya Tamhane
    mit Aditya Modak, Arun Dravid, Sumitra Bhave, u.a.
    Indien 2020, 127 Minuten
    auf Netflix ab 30.4.2021

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