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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.03.2008

Der romantische Außenseiter

Oper "Kleist" in Brandenburg an der Havel

Von Uwe Friedrich

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In einem surrealen Reigen umtanzen seine Bühnenfiguren den Autoren Heinrich von Kleist. Penthesilea mit Pfeil und Bogen redet von Achill, das Käthchen von Heilbronn erwacht gähnend aus dem Traum, die Marquise von O. sucht den Vater ihres Kindes. Der Autor kämpft unterdessen auf einem Eimer sitzend mit seiner verkorksten Verdauung.

Regisseur Bernd Mottl mag durchaus auch drastische Bilder. Auch für ihn ist der romantische Außenseiter Heinrich von Kleist ein Rätsel geblieben. Generationen von Germanisten haben versucht, seinem Leben nachzuspüren, die Geheimnisse um seine Festnahme als Spion oder um die Reise nach Würzburg zu lüften. Letztlich erfolglos. Heinrich von Kleist bleibt ein verstörender Fremdkörper in der deutschen Romantik. Die Oper "Kleist" des Berliner Komponisten Rainer Rubbert ist ein Werk über einen Außenseiter, einen, der sich keiner Gesellschaft zugehörig fühlte, obwohl er es redlich versuchte. Am Ende seines Lebens waren seine großen Zeitungsprojekte ebenso gescheitert wie die Hoffnungen auf das preußische Königshaus. Selbst seine Schwester Ulrike wandte sich ab von ihm.

Die Berliner Schriftstellerin Tanja Langer hat sich für ihr dichtes Opernlibretto weniger durch die Biographien und Dokumente gearbeitet, als durch das Werk des preußischen Dichters. Ihre Geschichte des Heinrich von Kleist wird eingerahmt vom Freund Ernst von Pfuel. Gleich zu Anfang der Oper sucht Pfuel verzweifelt nach seiner großen Liebe Kleist, findet ihn nicht, entkleidet sich und steigt in den See. Der Bass Stephan Bootz singt und spielt Ernst von Pfuel, der seine große Liebe Kleist aufgab für Frau und Kinder, für ein normiertes Leben, mit großer erotischer Ausstrahlung und anrührender Verzweiflung.

Für den Regisseur Bernd Mottl, den Komponisten Rainer Rubbert und die Librettistin Tanja Langer steht völlig außer Frage, dass Kleist schwul war. Die Biographen mogeln sich um diese Punkt gerne herum, aber wer seine Briefe liest, wird schnell feststellen, dass er seine Dauerverlobte Wilhelmine von Zenge jedenfalls nicht liebte. Die aufregenden Liebesbriefe schrieb er ausschließlich an Männer.

Das Bühnenbild von Thomas Gabriel wird von beherrscht von einer Vielzahl oranger Koffer. Sie schweben aus dem Bühnenhimmel, enthalten verschiedene Requisiten. Alle sitzen immer auf gepackten Koffern, verstauen ihre Habe darin. Ein großes weißes Gitter senkt sich herab, verkleinert den Raum, in dem sich Heinrich bewegt. "Musik ist die Wurzel aller Dichtung" sprüht er einmal auf die Papierwände, kurz bevor er sie herunterreißt. Die Musik zu diesem zumindest für Kleist-Kenner und Kleist-Verehrer äußerst anregenden Abend stammt von dem Berliner Komponisten Rainer Rubbert. Er hatte freie Hand, einzige Bedingung war, dass er für die Brandenburger Symphoniker schreiben sollte und keinen Cor zur Verfügung hatte. Statt nun den "Michael Kohlhaas" zu vertonen oder sich an die bereits vertonten Stoffe von "Penthesilea" oder dem "Zerbrochenen Krug" zu wagen, entschied er sich für eine sehr freie Biographie.

In der Konzentration der musikalischen Mittel ist das Vorbild von Alban Bergs "Wozzeck" deutlich spürbar, der ja ebenfalls im Kern die deutsche Romantik weiterführte. Walzerklänge scheinen auf, scharf kontrastiert mit emotionalen Ausbrüchen der Sänger. Rubbert schreibt ebenso singbar wie formbewusst. Der große symphonische Apparat wird vom Dirigenten Michael Helmrath mit viel Gespür für Klangfarben und die Bedürfnisse der Sänger virtuos geführt. Der Bariton Thorbjörn Björnsson gibt dem Titelhelden eine traumwandlerische Verzweiflung, jene melancholische Verwunderung, die auch Kleists Prosa so unverwechselbar macht. Neben dem überragenden Stephan Bootz als Pfuel und der dominanten Schwester Ulrike, gesungen vom Countertenor Nikolas Hariades auf High Heels profiliert sich auch der durchdringenden Charaktertenor Hartmut Kühn als Napoleon. Schon vor Jahren wurde das Opernensemble des Brandenburger Theaters weggespart. Immerhin wurde jetzt die Chance genutzt, jeden Charakter der Oper ideal zu besetzen. Diese ambitionierte Uraufführung ist ein Ausrufezeichen in der Kulturbrache Bandenburg.

Kleist von Rainer Rubbert
Regie: Bernd Mottl

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