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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 05.03.2010

Der Rebbe rockt

Rabbiner Walter Rothschild singt Jazz mit Texten aus seinem Alltag

Von Gerald Beyrodt

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Rabbiner müssen nicht nur beten, sondern auch unterhalten. (AP Archiv)
Rabbiner müssen nicht nur beten, sondern auch unterhalten. (AP Archiv)

Rabbiner Walter Rothschild ist nicht nur Geistlicher, sondern auch Entertainer. So wechselt er gerne mal die Seiten und singt Jazz. Mit selbstgeschriebenen Texten, oft über den Alltag in der Synagoge. Oder auch mit Fabeln.

Wo Walter Rothschild geht und steht, notiert er Einfälle: ein witziges Wortspiel hier, eine Idee für eine tragikomische Kurzgeschichte dort, einen Predigteinstieg, eine Frage, die er Moses oder Abraham gerne mal stellen würde. Einfälle kommen meistens unerwartet - unter der Dusche, in der U-, S- oder Eisenbahn, während einer Sitzung. Oder wenn gefeiert wird, dass ein Jugendlicher zum vollgültigen Gemeindemitglied wird.

"Eine von die Lieder habe ich geschrieben auf eine Serviette in die Synagoge während ein ganz langweilige Bar Mizwa-Abendessen. Man muss irgendetwas tun zwischen die Reden, so ich nahm die Servietten, scribbel, scribbel. Jetzt nehm ich immer in mein Tasche einige Postkarten oder glatte Papier, damit ich etwas zu schreiben habe."

Walter Rothschild liebt das Satirische, das Selbstironische, das Derbe. Widersprüche glättet er nicht: In seinen Songs macht er sich auch über Juden lustig. Ein Lied handelt vom Cousin Harold, der plötzlich unausstehlich religiös wird.

"When my Cousin Harold turned frum,
He wanted Mashiach to come;
He wouldn't brook any delay,
So went off to davven each day;
He'd wail and he'd moan in a flat monotone -
Oy Gevalt, Cousin Harold's gone frum!"

Harold will den Messias herbeizwingen durch tägliches Gebet, will nicht mal mehr seiner Mutter die Hand geben und vom Tisch seiner Familie nichts mehr essen, bis alle Koscher-Siegel überprüft sind. Unter seinem riesigen schwarzen Hut ist er kaum noch zu erkennen. Walter Rothschild parodiert auch die Sprache, die die Ultraorthodoxen mit den schwarzen Hüten sprechen: das Jiddische.

"Oy, yiddle oy, yiddle oy, yiddle oy,
What a problem, poor Harold's gone frum;
Oy, yiddle oy, yiddle oy, yiddle oy … "

Nicht alle Texte haben Jüdisches zum Thema. Walter Rothschild dichtet auch Fabeln im Stil des griechischen Dichters Äsop. Etwa die Geschichte von der Straßenbahn, die sich in einen Bus verliebt. Oder die Geschichte von der sexuell frustrierten Henne.

"The chicken and the egg. There was once a frustrated chicken. She had her needs and she was angry that they were not being met."

"The minyan boys" nennt sich die Band, die Rabbiner Rothschild begleitet. Sie besteht aus lauter Profimusikern. Bandleader Max Doehlemann ist Komponist und Pianist, schreibt Film, Werbe- und Theatermusiken unter anderem für das Berliner Ensemble, komponiert Klassik und Jazz. Von der Zusammenarbeit mit einem Rabbiner ist der jüdische Musiker begeistert:

"Walter ist ein unglaublicher Comedian. Er ist ein großartiger Rabbiner, bestimmt, das ist jetzt nicht so mein Fachgebiet, ich bewunder' ihn sehr dafür, aber ich finde, er hat eine unglaublich Bühnenpräsenz, er steht sofort im Mittelpunkt, er füllt das vollkommen aus. Wahrscheinlich ist er es auch gewöhnt, von der Synagoge, seine schabatliche Show zu liefern."

Häufig arbeitet Rabbiner Rothschild in kleinen Gemeinden, wo er auch die Aufgaben des Kantors übernimmt. Um die Menschen zu erreichen, muss er auch manchmal Entertainer sein, sagt er:

"Bühnenpräsenz klingt ein bisschen unheilig, aber man steht auf die Bima, auf die Lesepult und man muss eine Haufen von gemischte Leute, die alle müde sind von einer Woche Arbeit oder die Hebräisch noch nicht total mächtig sind, ein bisschen Angst haben, man muss sie ermutigen, mitzusingen, mitzulesen teilzunehmen und hoffentlich dabei zu sein."

"The minyan boys" ist zwar eine Jazzband, greift aber Motive aus vielen Bereichen auf und persifliert sie: zum Beispiel aus dem israelischen Volkslied, aus der Countrymusik und aus der Romantik. Oder aus dem Blues, wenn es darum geht, die Schabatmorgendepression eines Rabbiners so richtig fühlbar zu machen. Der Rabbiner wacht auf, als der Gottesdienst schon lange läuft, hat keine Hosen an, und sein Gebetsschal hängt schief.

"I woke up one morning on the middle of the bima. I had the shabbes morning blues man ... "

Aus der jüdischen Welt

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