Der radikale Individualist

01.02.2012
Mit dieser Erzählung hat Herman Melville vieles vorweggenommen, was bei Franz Kafka oder Robert Walser prägend wird. Hauptfigur Bartleby verweigert sich allem: Der Arbeit, dem Essen, dem Vergnügen. Dem Leser hinterlässt er ein Rätsel.
Dies ist einer der Schlüsseltexte der Moderne, geschrieben zu einem Zeitpunkt, als man von der Moderne noch kaum etwas ahnte: der Erstdruck erschien 1853 in einem Monatsmagazin. Man hat die Erzählung "Bartleby der Schreiber" schon nach vielen Seiten hin interpretiert, doch es bleibt an ihr ein Geheimnis, das mit Worten nicht ganz aufzulösen ist. Der Besitzer einer New Yorker Anwaltskanzlei, ein Mann "schon vorgerückten Alters", der uns die Geschichte aus seiner Erinnerung erzählt, versucht es erst gar nicht mit näheren Erklärungen. Er schildert einfach die Fakten und bleibt selber ratlos zurück.

Er hat eines Tages einen weiteren Schreiber eingestellt, einen blassen, unscheinbaren, zuverlässig und solide wirkenden Mann namens Bartleby. Dieser scheint eine sinnvolle Ergänzung zu den beiden anderen Schreibern zu sein, die schon bei ihm beschäftigt sind: dem rotköpfigen "Turkey" und dem cholerischen Nippers. Auch Bartleby lässt sich von dem jungen Laufburschen "Ginger Nut" wie die anderen Ingwerkekse bringen, aber er geht nie aus dem Haus, nicht einmal zu den üblichen Mahlzeiten, und auch sonst beteiligt er sich nicht an den üblichen Büroritualen. Prekär wird es, als er sich eines Tages weigert, die Abschriften der anderen Korrektur zu lesen. Er tut dies mit einem Satz, den er im folgenden immer wieder sagen wird, bei allen möglichen Aufforderungen; dieser Satz ist zu einer stehenden Chiffre in der Literaturgeschichte geworden: "Ich möchte lieber nicht" (I would prefer not to").

Bartleby steht für die radikale Verweigerung, für die radikale Individualisierung. Diese Figur nimmt vieles von dem vorweg, was später bei Kafka oder Robert Walser prägend wird. Bartleby macht sich klein und unscheinbar, bis er völlig verschwindet. Der Kanzleivorsteher merkt um die sonderbar existenzielle Ausstrahlung Bartlebys. Er wagt es nicht, ihn zu entlassen, er ist als Chef keineswegs so gezeichnet, wie es der amerikanische Kapitalismus nahezulegen scheint. Wilhelm Genazino interpretiert ihn in seinem Nachwort als Symbol für die Ausweglosigkeit des Christentums.

Tatsächlich ist der Kanzleichef in dieser Erzählung eine ebenso wichtige Figur wie Bartleby, er verkörpert den gutmeinenden Menschen, der mitten im Leben steht und von dem überfordert ist, was vom Rand her auf ihn zukommt: die Provokation des anderen. Der Anwalt merkt, dass Bartleby in dem Büro sogar wohnt, dass Bartleby überhaupt nichts mehr arbeiten will und nur starr auf die Wand schaut - aber bevor er die Polizei holt, zieht er lieber mit seiner Kanzlei um. Der Nachmieter schließlich lässt Bartleby ins Gefängnis bringen, wo er sogar die Nahrungsaufnahme verweigert - und mit seinem Tod lässt er auch den Leser in dem großen Rätsel zurück, das die Literatur einmal ausgemacht hat.

Besprochen von Helmut Böttiger

Herman Melville: "Bartleby der Schreiber"
Aus dem Englischen von Karlernst Ziem
Verlag C.H.Beck, München 2011
90 Seiten, 14,95 Euro
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