Seit 22:03 Uhr Feature

Dienstag, 31.03.2020
 
Seit 22:03 Uhr Feature

Musikfeuilleton | Beitrag vom 07.02.2020

Der Prominenten-Friedhof des Neujungfrauen-Klosters in MoskauLetzte Ruhe für singende Seelen

Von Julia Smilga

Beitrag hören
Das Grabmal zeigt den Geiger mit seinem Instrument spielend als große Plastik. (picture-alliance/ dpa / Vladimir Raitman)
Er war einer der größten Geiger, nicht nur Russlands, sondern der ganzen Welt: David Oistrach. (picture-alliance/ dpa / Vladimir Raitman)

Der Friedhof des Neujungfrauen-Klosters in Moskau ist kein gewöhnlicher Kirchhof. Denn hier liegen prominente Größen der russisch-sowjetischen Musik-Szene. Skrjabin, Prokofjew, Rostropowitsch und viele andere sind hier begraben.

Früher lag das Neujungfrauen-Kloster im Süden der Stadt Moskau und verteidigte die Stadtgrenze. Heute gehört es bereits zum Zentrum und ist nur ein paar U-Bahn-Stationen vom Roten Platz entfernt. Die grüne Oase mitten in Moskau ist aber nicht nur ein Ort der Abgeschiedenheit. Hier sind die Großen des Landes begraben. Bei einem Kloster beigesetzt zu werden, galt frommen Russen schon immer als eine große Auszeichnung für ein gerechtes irdisches Leben.

Blick zu den roten Mauern und goldenen Kuppeln des Klosters im Sommer. (imago images / Peter Widmann)Vom Fluss aus gesehen scheint das Kloster mitten in einer Idylle zu liegen und nicht in einer Großstadt. (imago images / Peter Widmann)

Und so wurden bei dem reichen Neujungfrauen-Kloster seit seiner Gründung im 16. Jahrhundert besonders verdienstvolle Nonnen und Priester beigesetzt. Im 19. Jahrhundert kamen dazu Generäle des Napoleonkrieges, Künstler oder Schriftsteller. So liegen auf dem Friedhof Nikolaj Gogol und Anton Tschechow.

Vom Nonnenfriedhof zur sowjetischen Nekropole

1922 ließen die Bolschewiki das reiche Neujungfrauen-Kloster schließen. Den Friedhof haben die neuen Machthaber jedoch vergrößert und zur sowjetischen Nekropole erklärt. So entstand hier ein Prominentenfriedhof - ein populärer Beerdigungsort für die Sowjet-Elite. Der Friedhof, noch keine 100 Jahre alt, erzählt russische und sowjetische Geschichte in einer einzigartigen Verbindung. Politiker, Dichter, Romanciers, Balletttänzer, Musiker, und Schauspieler liegen hier. 

Ein winterlicher Blick über den Friedhof mit Abbild eines Piloten auf einem der Grabstätten. (imago images / Karina Hessland)Prominente aus Politik und Kunst fanden auf dem Friedhof des Neujungfrauen-Klosters in Moskau ihr letzte Ruhe. (imago images / Karina Hessland)

Der Weg zwischen den Gräbern führt vom ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin bis zur letzten Ruhestätte des im Friedhof an der Kremlmauer unerwünschten Generalsekretärs Nikita Chruschtschow – um nur einige prominente Personen zu nennen.

Ein Kreuz aus Marmor - Mstislaw Rostropowitsch

Gleich an der Kreuzung von zwei zentralen Alleen, rechts vom Grab Boris Yelzins in Form und Farbe der russischen Flagge, steht ein weißes orthodoxes Kreuz: mit zwei waagerechten und einem schrägen unteren Kreuzarm. Die roten Linien auf der marmornen Oberfläche wiederholen nur auf den ersten Blick die Kreuzform. Wer diese Linien länger betrachtet, entdeckt, dass sie den Saiten und dem Steg eines Cellos nachempfunden sind. Hier liegt der Cellist und Dirigent Mstislaw Rostropowitsch - jener  russische Künstler, dessen Leben am deutlichsten die Rolle und die Stellung eines Künstlers in der sowjetischen Diktatur symbolisiert.

Als Büste  - David Oistrach

In der Nähe von Chrustschow, an einer Seitenallee nahe der Klostermauer stößt man auf ein ungewöhnliches Grabmal. Auf einer  glatten schwarzen Granitplatte steht eine hohe Metallsäule, die von der Büste eines Geigers gekrönt wird, der sein Instrument unter dem Kinn hält. Das ist das Grab von David Oistrach.

Auf dem Sofa - Fjodor Schaljapin

Zurück auf der zentralen Allee bleibt man bei einem markantem Grabdenkmal stehen. Ein Mann aus Marmor sitzt entspannt auf dem ebenfalls marmornen Sofa –ein Fuß auf dem anderen, der rechte Arm auf der Kopflehne, der linke ans Herz gedrückt. Es ist der Sänger Fjodor Schaljapin, der russische Bass Nummer 1. Der Mann, der als Zar Boris in der Mussorgskijs Oper "Boris Godunow" Paris für immer eroberte.

Ohne Blumen -  Sergej Prokofjew

Der 5. März 1953 ist ein historischer Stichtag in der sowjetrussischen Geschichte. Josef Stalin stirbt. In Moskau herrscht tagelang der Ausnahmezustand. Hunderte werden zu Tode getrampelt, während Tausende Abschied nehmen von ihrem geliebten "Vater aller Völker". Am selben 5. März, fast zeitgleich mit dem sowjetischen Diktator, stirbt in seiner Moskauer Wohnung der Komponist Sergej Prokofjew.

Eine schlichte Grabstele markiert die letzte Ruhestätte ohne Pomp. (picture-alliance/ dpa / Vladimir Raitman)Das bescheidene Grab von Sergej Prokofjew. (picture-alliance/ dpa / Vladimir Raitman)

Sein Tod wird von der Öffentlichkeit nicht bemerkt. Zu Prokofjews Beisetzung konnte seine Frau nur ein paar Topfpflanzen auftreiben, wegen Stalins Beerdigung waren alle Blumenläden in Moskau leergekauft worden. Sergej Prokofjews Grab, eine bescheidene schwarze Granitplatte, befindet sich unweit vom Denkmal für Fjodor Schaljapin.

Mit klingender Signatur  - Dmitrij Schostakowitsch

Die letzte Ruhestätte von Dimitrij Schostakowitsch auf dem Neujungfrauen-Friedhof zu finden, ist nicht ganz einfach. Sein Grab ist am Ende des Friedhofs, mitten in einer schmalen seitlichen Allee. Auf der langen rotbräunlichen Granit-Platte stehen neben den Komponistennamen vier Noten: D-Es-C-H. Das ist ein musikalisches Motiv, das Dmitrij Schostakowitsch mehrmals in seiner Musik verwendete, wenn er sich selbst bezeichnen wollte.

Das rechteckige Grabmal des Komponisten trägt russische Schriftzügen und einigen Noten. (picture-alliance/ dpa / Vladimir Raitman)Ganz ohne Abbild, sondern nur seine Noten stehen für Dmitri Schostakkowitsch. (picture-alliance/ dpa / Vladimir Raitman)

Nachkommen der Begrabenen sieht man auf dem Friedhof des Neujungfrauen-Klosters nicht oft. Viele haben keine, oder sie wohnen längst im Ausland, wie die Kinder und Enkelkinder von Sergej Prokofjew und Fjodor Schaljapin. Der Staat kümmert sich um ihre letzten Ruhestätten.

Bei all den Künstlern fällt eines auf: Kein einziger Lebensweg war glücklich. Das tragische 20. Jahrhundert in Russland hat ihren Schicksalen seinen Stempel aufgedrückt. Doch trotz all der Miseren, der Gefahren und der Verfolgung haben diese Künstler Enormes geleistet.

Mehr zum Thema

Erinnerung an deutsche Opfer des Stalinismus - "Erschossen in Moskau"
(Deutschlandfunk, Das Feature, 17.12.2019)

Der Komponist Mieczysław Weinberg - "Vom Schicksal diktiert"
(Deutschlandfunk Kultur, Musikfeuilleton, 06.12.2019)

Modest Mussorgskijs Oper "Boris Godunow" - "Das Volk allein ist unverfälscht…"
(Deutschlandfunk Kultur, Interpretationen, 27.01.2019)

Konzert

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur