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Sein und Streit | Beitrag vom 16.08.2015

Der philosophische Wetterbericht (3)Was das Wetter mit unseren Gefühlen zu tun hat

Von Catherine Newmark

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Gewitterblitz (imago / Chromorange)
Gewitterblitz (imago / Chromorange)

Unsere Gefühle sind in gewisser Weise wie das Wetter - diffus, unkontrollierbar, flirrend. Gegenwärtig vertritt diese Auffassung der Phänomenologe Hermann Schmitz. Er beschreibt Gefühle als Atmosphären, in die wir hineingeraten, und die uns quasi räumlich umgeben.

Der Nebel hängt tief, er legt sich über all meine Sinne, das trübe Wetter lässt mich nichts mehr klar sehen oder fühlen. Es drückt im wahrsten Sinne auf meine Stimmung. Die Welt ist grau, nichts schmeckt süß.

Wetterlagen wirken auf Menschen. Manche spüren den kommenden Regen in ihren Knochen, alte Narben fühlen Wetterumschläge voraus, bestimmte Witterungen verursachen Kopfschmerzen. Und helles oder trübes Wetter kann unsere Stimmung maßgeblich beeinflussen – zumindest wenn es von einiger Dauer ist.

Aber nicht nur fühlen wir das Wetter und lassen unsere Gefühle von ihm beeinflussen. Unsere Gefühle sind auch in gewisser Weise wie das Wetter.

Und genauso sprechen wir auch über sie: Die Liebe trifft mich wie ein Blitz, Furcht lässt mir einen kalten Schauer über den Rücken fahren, meines Vaters Ärger ist bedrohliches Donnergrollen, der Sturm der Leidenschaft erfasst mich.

Philosophen fragen sich seit jeher, was die menschlichen Gefühle sind. Die frühsten griechischen Denker, die sogenannten Vorsokratiker, sahen darin äußerliche Ereignisse, die den Menschen genauso unversehens überfallen wie ein unerwartetes Gewitter oder ein plötzlich heraufziehender Nebel. Bei Empedokles ergreifen die Gefühle den Menschen und nehmen ihn in Besitz; der homerische Held wird von seinen schicksalhaft auf einprasselnden Emotionen überwältigt.

Später ging die Philosophie dazu über, Gefühle als kleine, eher hässliche Schwestern des Willens zu denken, als unvernünftige Antriebe und Motivationen für unsere Handlungen. Auch heute fasst man Gefühle vorwiegend als Intentionen auf, als psychologische Phänomene, die auf Objekte gerichtet sind: ich liebe jemanden und habe Angst vor etwas.

Dass Gefühle aber vielleicht doch eher wie Wetterlagen sind – diffus, unkontrollierbar, flirrend, uneindeutig, vernebelt – vertritt gegenwärtig wieder der einflussreiche Phänomenologe Hermann Schmitz. Er beschreibt Gefühle als Atmosphären, in die wir hineingeraten, und die uns quasi räumlich umgeben.

Kummer, Trauer oder Schwermut ist für Schmitz "eine ganzheitliche, atmosphärische Schwere von der Art, wie man von drückendem Wetter spricht, das Menschen trübe und mißmutig stimmt". Freude ergreift uns leiblich: wer in eine ausgelassene Festgesellschaft gerät, wird von dieser Atmosphäre ebenso angesteckt wie von der Fröhlichkeit eines lichten Sommertages.

Gefühle entstehen also für Schmitz nicht in unserem Inneren, wir geraten vielmehr in ihre Atmosphäre hinein, wie wir in einen Regenguss geraten. Und umgekehrt können wir solche Gefühls-Atmosphären auch ausstrahlen, und um uns herum gereizte, melancholische oder freudige Stimmung verbreiten.

So gesehen ist jeder von den Wetteratmosphären und den Gefühlsatmosphären, die ihn umgeben, abhängig. Und jeder Mensch hat und macht mit seinen Gefühlen sein eigenes Wetter. Jeder kann seinen Nebel oder seine Melancholie um sich hüllen, sein düsteres Gewitter vor sich her tragen. Oder seine ansteckend gute Laune.

Unsere Gefühle sind in dieser Perspektive also nicht die kleinen Schwestern des Wollens, sondern nahe Verwandte des Wetters. Wer den Menschen verstehen will, kommt ohne einen Blick aufs Wetter nicht aus.


 

Statt eines Kommentars: Der philosophische Wetterbericht

Es beschäftigt uns nahezu täglich und kann bei fast jeder Gelegenheit als Gesprächsthema dienen: das Wetter. Wir freuen uns über Sonnenschein, Landausflüge, Sommergewitter und Badeferien, und können ebenso ausdauernd über die andauernde Hitze wie über deren ungebührliches Ausbleiben klagen.

Aber ist das Wetter, der banalste Gegenstand jedes beliebigen Small-Talks, auch ein philosophisches Thema? Gibt es Philosophen, die sich mit dem Wetter intensiver auseinandergesetzt haben? Kann man übers Wetter philosophieren? Und worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir unverbindlich-höflich übers Wetter sprechen? 4 Versuche.

2.8. 2015: Andrea Roedig: Kann man übers Wetter überhaupt philosophieren?

9.8. 2015: David Lauer: Hitze. Warum man im Warmen nicht denken kann – oder muss

16.8. 2015: Catherine Newmark: Nebelstimmungen und Sommertage. Was das Wetter mit unseren Gefühlen zu tun hat

23.8. 2015: Ulla Lenze: Blitz und Donner! Gespräche übers Wetter sind nicht harmlos

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