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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.04.2011

Der pessimistische Blick

Hans Christoph Buch: "Apokalypse Afrika", Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2011, 268 Seiten

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Kindersoldat in Liberia, einer der von Bürgerkriegen zerrütteten Regionen Afrikas (AP)
Kindersoldat in Liberia, einer der von Bürgerkriegen zerrütteten Regionen Afrikas (AP)

Hans Christoph Buch hat in den letzten anderthalb Jahrzehnten immer wieder aus Afrika berichtet: aus Ruanda, dem Ostkongo, Sierra Leone und Liberia, aus von Krieg und Bürgerkrieg zerrütteten Regionen. Auch in seinem neuen Buch richtet er seinen unbestechlichen Blick dorthin.

Und es gelingt ihm etwas Außergewöhnliches: Durch genaue Beobachtung, durch sein Schreiben, die Distanz zu durchbrechen, die sich sonst beim normalen Medienkonsum, beim Betrachten der Bilder von Flüchtlingslagern und Bürgerkriegen, aufbaut.

"Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern" lautet der doppelt sprechende Titel des Buchs und mit einem Schiffbruch beginnt es auch. 1816 war die französische Fregatte Medusa vor Mauretanien gekentert; und nur wenige Menschen überlebten auf einem Floß den Untergang – auch durch Mord und Kannibalismus. Was Théodore Géricault 1818 genial auf die Leinwand bannte, fasst Hans Christoph Buch in Worte: Das Leiden der Überlebenden auf dem Floß steht einerseits konkret für den Schiffbruch, den Flüchtlinge heute täglich erleiden, zum anderen sinnbildlich für das, was Afrika insgesamt widerfährt.

Hans Christoph Buch nennt sein Werk einen Romanessay – es ist eine Mischung aus Reportage, historischer Betrachtung, Literatur und Selbsterkundung. Er berichtet ironisch-satirisch vom Staatsbesuch mit dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler in Westafrika (neun Tage, fünf Länder), bei dem sich Politiker und Entourage hinter dem Protokoll verstecken, traumatisierte Gewaltopfer als Folklore begreifen, Fußball an der Hotelbar gucken, den Prostituierten hinterherhecheln und wortreich über Sprachlosigkeit reden, alles, um sich nicht der Wirklichkeit auszusetzen.

Buch dokumentiert die Kongo-Konferenz 1884/85 in Berlin, in der der Kontinent unter den Kolonialmächten aufgeteilt wurde, und beschreibt das Schicksal der sogenannten Hottentotten-Venus, einer Kaffern-Frau, die wegen ihrer Körperformen als exotische und erotische Attraktion in Europa ausgestellt wurde.

Und er schreibt immer wieder über eigene Erlebnisse: Sei es über das vom Bürgerkrieg verwüstete Monrovia, wo in zerschossen Häuserfluchten Leichen von Hunden angefressen werden und die Bevölkerung hungert, da die Märkte verwaist sind, während im einzigen Hotel der Stadt die generatorbetriebenen Tiefkühltruhen mit Hummer vollgepackt sind. Sei es über Sierra Leone, wo ein 15-Jähriger in einem Dorf als Dieb verdächtigt wird und umgebracht werden soll, und der Autor in sich selbst eine sadistische Lust entdeckt.

Hans Christoph Buch reist seit 1995 immer wieder in die Krisengebiete Afrikas. Fast zwanghaft. Damals musste er in einem Flüchtlingslager in Ruanda ein Massaker, bei dem er selbst nur knapp dem Tod entkam, mit ansehen. Der Autor benennt dieses Erlebnis als sein Trauma, es sei die Urzelle seines Schreibens geworden. Es ist auch die Urzelle seiner Afrika-Sicht: Sie ist durchweg pessimistisch.

Besprochen von Günther Wessel

Hans Christoph Buch: Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern
Fotografien von Andreas Herzau
Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2011
268 Seiten, 29 Euro

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