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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.04.2012

"Der Mensch als sich selbst optimierende Ressource"

Dokumentarfilmerin Losmann über ihren Film "Work hard – play hard"

Carmen Losmann im Gespräch mit Liliane von Billerbeck

Die sogenannte Work-Life-Balance komme im modernen Angestelltendasein zu kurz, sagt Losmann.   (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)
Die sogenannte Work-Life-Balance komme im modernen Angestelltendasein zu kurz, sagt Losmann. (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)

Das Interesse für ein Personalmanagement, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt, habe sie dazu gebracht den Film "Work hard – play hard" zu machen, sagt die Regisseurin Carmen Losmann. Dabei habe sie festgestellt, dass sich die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit immer weiter auflöse.

Liane von Billerbeck: Die Führungskräfte treffen sich am Performance-Board, Managementberatungsunternehmen propagieren nonterritoriale Arbeitsplatzkonzepte und die Analystin eines Assessment-Centers erklärt, man müsse diesen kulturellen Wandel nachhaltig in die DNA jedes Mitarbeiters einpflanzen. Derlei ist zu hören in Carmen Losmanns preisgekrönten Dokumentarfilm "Work hard - play hard".

Vor unserer Sendung haben wir mit der Regisseurin Carmen Losmann über ihren mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilm "Work hard – play hard" gesprochen. Das ist ja eine amerikanische Redensart aus der Unternehmenswelt, dieses work hard, play hard: Arbeite hart, feiere viel! Sie haben nun Menschen in Deutschland in Ihrem gleichnamigen Film ausschließlich bei der Arbeit beobachtet, warum also dieser Titel?

Carmen Losmann: Zu dem Titel muss ich sagen, das war eigentlich erst mal unser Arbeitstitel. Der war knackig, der war schmissig, der stammte aus einer Welt und aus einer Unternehmenskultur, die mich interessiert hat, aus einer modernen Angestelltenwelt. Und natürlich herrscht da ein Personalmanagement-Credo, das da lautet, der Mensch steht im Mittelpunkt, und man hat es auf dem Schirm, die sogenannte Work-Life-Balance. Gleichzeitig sind mir bei diesen Methoden des gegenwärtigen Personalmanagements aufgefallen, dass es doch nicht so leicht ist, da eine Waage zu halten zwischen Arbeit und Freizeit, stattdessen löst sich die Grenze viel mehr auf, auch unsere technologischen Möglichkeiten tragen natürlich viel zu bei. Und ja, in dem Film kann man so ein bisschen beobachten, was Unternehmen da für Methoden verwenden, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vielleicht auch zu befähigen, für sich alleine zu entscheiden, wann höre ich auf mit der Arbeit und wann beginnt meine Freizeit. Das wird ja jetzt dem Einzelnen überlassen und ob das gelingt, das muss, glaube ich, jeder dann selber entscheiden.

von Billerbeck: Gab es eigentlich einen Anlass für Sie, dass Sie auf die Idee kamen, diese schöne neue Arbeitswelt in einem Film zu zeigen?

Losmann: Ich habe an der Kunsthochschule für Medien studiert, vorwiegend im Bereich Dokumentarfilm, und habe da auch schon kurze Dokumentarfilme gemacht, die sich immer in irgendeiner Form um Arbeit drehten. Sprich: Arbeit ist für mich eine Spiegelfläche, anhand der ich was beobachten kann von unserer gesellschaftlichen Realität. Und dann gab es unterschiedliche Meldungen aus der Presse, die mich neugierig gemacht haben. Zum einen, dass man Stempeluhren abschafft, die Anwesenheitspflicht aufhebt, die Arbeit mit einer neuen Freiheit belegt, und gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass doch mehr gearbeitet wird, verdichteter gearbeitet wird, entgrenzter vielleicht auch gearbeitet wird.

Und dann bin ich neugierig geworden und habe mich praktisch dieser modernen Angestelltenwelt gewidmet und bin eben auch auf das Personalmanagement-Credo gestoßen, der Mensch steht im Mittelpunkt, das viele Unternehmen sich auf die Fahnen schreiben. Und da bin ich neugierig geworden, habe angefragt bei Unternehmen, ob ich denn was von dem gegenwärtigen Human-Ressource-Management ihrer Firma drehen darf, und bin letztendlich auch auf ein Menschenbild gestoßen, der Mensch als sich selbst optimierende Ressource. Und was mich daran ein bisschen bekümmert, ist, dass in diesem Menschenbild so was wie Mühsal, Leid, Schwäche, Unzulänglichkeit, die wir Menschen natürlich alle haben, dass diese Kategorien gar nicht wirklich vorkommen, dass Schwächen vom Wort her zu Entwicklungsfeldern gemacht werden. Also, eine Schwäche ist auch immer ein Entwicklungsfeld, wo man sich praktisch noch optimieren kann und ja, letztendlich zu einer sich selbst optimierenden Ressource werden kann, so zugespitzt formulier ich das jetzt mal an der Stelle. Und das habe ich mit "Work hard - play hard" versucht.

von Billerbeck: Wie waren denn die Reaktionen? Da kommt eine junge Filmemacherin und sagt, sie möchte das Innenleben einer Firma ja offenlegen! – Haben sich Ihnen alle Türen geöffnet?

Losmann: Wir haben natürlich nur einen kleinen Bruchteil gefilmt, nämlich ausgewählte Methoden wie zum Beispiel eine Potenzialanalyse, die ein Vertriebsteam dort mitgemacht hat. Und da durften wir praktisch drei Kandidaten filmen. Also, es ist wirklich nur ein Bruchteil und Ausschnitt. Ich habe wirklich ganz gezielt gefragt: Ich würde gern ein Outdoor-Training bei Ihnen filmen, ich würde gerne eine Potenzialanalyse drehen, ich würde gerne die Arbeitsplatzkonzeption drehen. Es geht nämlich auch um Architektur und wie kann man mittels der Architektur ein Wohlbefinden bei Mitarbeitern erzeugen, sodass man kaum noch merkt, dass man praktisch auf der Arbeit ist.

Also, überall habe ich diese Schnittstellen gesucht, wo sich was zeigt von diesem Personalmanagement oder Human-Ressource-Management, und habe ganz gezielt angefragt. Und manchmal hat es geklappt und es haben sich Türen geöffnet und manchmal hat es eben auch nicht geklappt.

von Billerbeck: Trotzdem sind das ja, ich möchte fast sagen, intime Momente, die Sie da zeigen. Wenn da eine Führungskraft aus einem bestimmten Bereich eines Unternehmens mit drei Unternehmensberatern in einer sehr, fast privaten Situation sitzt in so einer Firma, wo also gefragt wird, was die Stärken, was die Schwächen sind, da möchte man ja eigentlich keine Kamera dabei haben!

Losmann: Wir waren da mit einer Kamera zugegen, aber ich hatte den Eindruck, sobald es losgeht, waren die Menschen, die beteiligt sind, so in diesem Ablauf konzentriert, dass sie uns kaum noch wahrgenommen haben. Das war zumindest mein Eindruck. Und wir haben da überhaupt nicht unterbrochen. So ein Interview dauert zwei Stunden und wir haben versucht, still wie die Mäuschen drum herum die Bilder dementsprechend einzufangen.

von Billerbeck: Der Mensch als Humankapital. Humankapital, das war mal das Unwort des Jahres. Es werden in Ihrem Film unglaublich viele Phrasen ausgesprochen, die Menschen völlig verinnerlicht haben, und sie bemerken es ja auch an sich selber, dass sie diese Begriffe auch benutzen, fast wie eine Religion oder ein Psychokult. Sind in dieser Arbeitswelt eigentlich Zweifel überhaupt erlaubt?

Losmann: Also, ich sage mal so: Wenn man praktisch diesen Job macht und da als Unternehmen – es sind ja nicht nur einzelne Menschen, sondern letztendlich geht es da ja auch um die einzelnen Unternehmen, die mit diesen Märkten konfrontiert sind –, wenn man darauf bestehen will, dann kann man nicht grundsätzlich daran zweifeln, ob es richtig ist, was man da tut. Ich glaube, das ist eine Zwangsläufigkeit, die was mit unserer Gesamtwirtschaft zu tun hat, mit unserer kapitalistisch organisierten Wirtschaftsordnung, dass man mit den anderen global in Konkurrenz steht. Und da werden eben diese Produktivitätssteigerungen gefordert.

Da kann man als Einzelner dann Zweifel haben. Die sind mir während der Dreharbeiten nicht wirklich begegnet, weil ich nicht danach gefragt habe. Aber diese Zweifel bringen einen innerhalb dieses Unternehmens gar nicht weiter.

von Billerbeck: Deutschlandradio Kultur, "Work hard – play hard", so heißt ein preisgekrönter Dokumentarfilm, der jetzt in die Kinos kommt. Die Regisseurin Carmen Losmann ist meine Gesprächspartnerin. Sie haben es schon beiläufig erwähnt, Frau Losmann, die Rolle der Architektur in dieser neuen Arbeitswelt. Ein Architekt, der die neue Firmenzentrale für Unilever entwirft, einen großen Konzern in Hamburg, der sagt, das Gebäude soll sagen, Arbeit sei kein Zwang. Wie das?

Losmann: Zu allererst vorweggenommen, warum haben wir die Architektur in dem Film porträtiert: Ich fand an neuer Büroarchitektur spannend, dass sie einen Ausblick wagt auf die nächsten zehn, 20 Jahre. So ein Gebäude muss ja dementsprechend lang halten. Und da war Unilever ein Paradebeispiel. Sie kommen ja aus einem 60er-Jahre-Bürogebäude: hoch und, ich sage mal, Zellenhaltung. Die wollten was anderes.

Sie haben sich entschieden, eine ganz andere Arbeitswelt dort zu kreieren. Und zwar gibt es da viele öffentliche Bereiche, nenne ich es jetzt mal: Das sind Coffee-Points, Meeting-Points, so nennt sich das, und dort sind Sessel, Sofa, auch von der Farbgebung her so was, was wir vielleicht aus unseren Wohnzimmern kennen. ie wurden da bewusst gesetzt, damit es auch was bekommt von, ja, zum einen mehr Abgrenzung zu dem alten Bürogebäude, was man kannte, und aber auch eine neue Form des Arbeitens.

Mir ist aufgefallen, dass trotzdem gesagt wird, alle Bereiche sind auch als Arbeitsflächen bespielbar. Also, dass es da also auch einen Totalanspruch von "Arbeite, wo immer du bist" gibt, innerhalb des Gebäudes. Und das finde ich dann insofern interessant, dass ich dann wieder was erkenne von: Na, es geht ja auch darum, dass sich die Arbeit auf alle Bereiche ausdehnen kann.

von Billerbeck: Man hat aber als Mensch kaum Rückzugsmöglichkeiten.

Losmann: Ja, Schreibtische sind miteinander in einem größerflächigen Büroareal, man kann nicht so schnell die Tür hinter sich zumachen zum einen, aber auch zum anderen, man sieht die anderen, man hat vielleicht eher ein Zugehörigkeitsgefühl, ein Teamgefühl. Gleichzeitig wird man natürlich da auch, ich sage mal, soziale Kontrolle ist da auf jeden Fall auch ein Thema. Also, es gibt schon aus Unternehmenssicht Gründe, das so zu machen, es ist einfach, wenn ich den Kollegen sehe und der sitzt m anderen Ende des Büros, dann kann ich da einfach schnell hingehen und ich finde da sehr viel schnellere Lösungswege, die ich sonst vielleicht in einzelnen Büros so nicht hätte.

von Billerbeck: Wenn Sie Ihren Film noch mal Revue passieren lassen, das, was über die gegenwärtige und zukünftige Arbeitswelt gezeigt wird: Was kommt da auf uns zu?

Losmann: Ich kann Ihnen diese Antwort nicht geben und für mich ist eigentlich auch wichtig, dass dieser Film bei aller kritischen Haltung, die natürlich trotzdem da drin steckt, eine Offenheit bewahrt, dass sich jeder, der diesen Film guckt, auch selber die Gedanken machen kann, was kommt da auf uns zu. Und demsprechend gebe ich diese Antwort an alle, die diesen Film sich hoffentlich angucken.

von Billerbeck: Die Regisseurin Carmen Losmann war meine Gesprächspartnerin, ihr Film "Work Hard – Play Hard", ein preisgekrönter Dokumentarfilm, kommt jetzt in die Kinos. Ich danke Ihnen!

Losmann: Danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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