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Im Gespräch | Beitrag vom 09.11.2019

Der Mauerfall und seine FolgenWie stark prägt die Wende unsere Familiengeschichten?

Petra Köpping und Johannes Nichelmann im Gespräch mit Gisela Steinhauer

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Das Bild zeigt wie an der Brücke an der Bornholmer Straße große Menschenmassen versuchen, einen Blick auf Bundeskanzlerin Angela Merkel, den ehemaligen Sowjetpräsidenten Michail Gorbatschow und den ehemaligen polnischen Solidaritätsführer Lech Walesa zum 20. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2009 in Berlin zu werfen. Die drei Anführer sollten die Brücke und den darunter liegenden Bahnhof besuchen, weil dort 1989 die Wachen den ersten Grenzübergang öffneten und den Ostberlinern erlaubten, ungehindert nach Westberlin zu gehen.  (Getty Images / Miguel Villagran)
Petra Köpping, sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration sagt: "Die Gefühle und Erlebnisse der Nachwendezeit hängen vielen Menschen im Osten wie ein Klotz am Bein.“ (Getty Images / Miguel Villagran)

Der Mauerfall: Für viele Menschen ist er mehr als ein historisches Ereignis. Er änderte ihr Leben – bis heute. Wie stark hat er unsere Familiengeschichten geprägt – in Ost und in West? Wie offen reden die Generationen über die Wende und ihre Folgen?

"Als Nachwendekind ist man nicht zwangsläufig als Ossi geboren, sondern man wird zum Ossi gemacht", sagt Johannes Nichelmann. Der Journalist kam 1989 in Ostberlin auf die Welt, ein halbes Jahr vor dem Mauerfall – in einem Land, das es kurze Zeit später nicht mehr gab. Und doch bestimmt es seine Biografie. "Ich habe gemerkt, dass viele Leute aus meiner Generation, die aus dem Osten kommen, sich die Frage stellen, was eigentlich dieser Osten war, der sie geprägt hat. Es war immer so was Diffuses, eine Leerstelle, die nicht wenige Nachwendekinder empfanden."

Wie ein "Einbrechen in die Biografie der Eltern"

Seine Beobachtung: Viele seiner Altersgenossen scheuen sich, mit ihren Eltern und Großeltern über deren Leben in der DDR zu sprechen – es sei wie "ein Einbrechen in die Biografie der Eltern." Umgekehrt haben viele Eltern ein Problem damit, offen zu reden. Das erlebte Johannes Nichelmann auch in seiner Familie.

Über seine Erfahrungen hat er ein Buch geschrieben: "Nachwendekinder – Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen". Seine Schlussfolgerung: "Ich glaube, dass man seine Eltern nicht an den Küchentisch zwingen darf. Aber den Eltern, die sich dazu entschlossen haben, zu sprechen – mein Vater eingeschlossen – hat es auf jeden Fall sehr gut getan. Es muss irgendwie das Gefühl da sein: Ich kann darüber reden, ohne dass ich Angst haben muss, schon wieder das Falsche zu tun."

Unbewältigte Demütigungen und Ungerechtigkeiten

"Wir brauchen eine gesamtdeutsche Aufarbeitung der Nachwendezeit", sagt Petra Köpping, sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration. Die SPD-Politikerin ist Jahrgang 1958, zur Wendezeit war sie Bürgermeisterin der Gemeinde Großpösna nahe Leipzig. Ihre Erfahrung: "Die Gefühle und Erlebnisse der Nachwendezeit hängen vielen Menschen im Osten wie ein Klotz am Bein." Diese würden bewusst oder unbewusst an die Kinder weitergeben.

Petra Köpping hat viele Gespräche mit Ostdeutschen geführt. Auch um zu verstehen, warum extreme Gruppen wie Pegida oder die AfD einen solch großen Zulauf haben. Sie erfuhr von "unbewältigten Demütigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten, die die Menschen bis heute bewegen, unabhängig, ob sie sich nach 1990 erfolgreich durchgekämpft haben oder nicht." Davon erzählt sie in ihrem Buch "Integriert doch erst mal uns! Eine Streitschrift für den Osten".  

Der Mauerfall und seine Folgen – Wie stark prägt er unsere Familiengeschichten? Darüber diskutiert Gisela Steinhauer am Samstag von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit Petra Köpping und Johannes Nichelmann. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254 sowie per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de oder auf Facebook.

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