Der lächelnde Buddha

Eine Frau kniet vor einem Buddha in Chiang Mai © AP
Von Kirsten Dietrich · 26.01.2008
Der historische Buddha soll der Legende nach nie laut gelacht haben, sondern milde gelächelt. Dennoch sind Heiterkeit und lautes Lachen den Buddhisten nicht unbekannt. Im Gegenteil: durch die Negierung des Ich als Illusion kommt es immer wieder zu paradoxen, komischen Situationen.
Sylvia Wetzel: "Ich merke oft, dass ich auf meinem Meditationskissen sitze und anfange, zu lachen, weil plötzlich eine Einsicht, die ich als sehr gut betrachtet habe, als eingeschränkt sich auftut, dann sitze ich auf meinem Kissen und fang an zu lachen, mitten in der Meditation. Einsicht wird von Lachen begleitet."


Sylvia Wetzel, Erste Vorsitzende der buddhistischen Akademie Berlin. Alles Leben ist Leiden - mit diesem Satz als Ausgangsbasis tut man sich ein wenig schwer mit dem Humor.

" Ich würde mit Buddhismus eher Heiterkeit oder heitere Gelassenheit in Verbindung bringen als Humor und lautes Lachen. Beim historischen Buddha wird eher sein Lächeln und die Heiterkeit betont, dass das seine Ausstrahlung auf andere Menschen war. Ich habe Theravada-Aussagen gehört, die sagen: Der Buddha hat nie gelacht, er hat gelächelt. So etwas Lautes wie ein Lachen hat er nie von sich gegeben, er war nämlich gelassen."

Und doch: Auch Buddhisten lachen. Und das nicht nur, wenn ihnen gerade klar wird, wie nichtig alles Sein ist. Religionswissenschaftler Harald-Alexander Korp untersucht den Umgang der Religionen mit Humor.

"Im Buddhismus geht es drum, das Ich, das Bewusstsein vom Selbst, als Illusion zu erkennen, daraus ergeben sich im Alltag immer wieder sehr paradoxe Situationen, die im Buddhismus immer wieder gerne aufgenommen werden als Beispiele dafür, wie begrenzt das Ich und die Wahrnehmung des Ich ist."

Ein Priester trat vor Tao-hsin und sprach "Ich möchte Gutes tun, aber die Menschen befolgen meine Ratschläge nicht." Tao-hsin schlug ihn ins Gesicht. "Das tat gut!"

Eine paradoxe Situation, irgendwie komisch, aber ohne einfache Pointe: das ist das Koan. Der Begriff bedeutet "öffentliche Angelegenheit". Um das Jahr Tausend unserer Zeit fing man im chinesischen und japanischen Zen-Buddhismus an, Lehrgespräche zwischen Schülern und Meistern zu sammeln. In den Jahrhunderten danach wurden diese Gespräche und Anekdoten immer weiter abgeschliffen, bis nur noch Worte übrig blieben, die klar sind bis zur Absurdität.

Sylvia Wetzel: "Zen-Koans nehmen Dialoge auf, die bei Übenden zu einer Einsicht geführt haben. Indem man über die Dialoge nachdenkt, kapiert man selber - oder auch nicht. Sie sollen einen Schubs geben in tiefe Erkenntnis."

Dieser Schubs ist so wörtlich zu verstehen wie nur möglich.

"Der Schüler kommt zum Meister: 'Meister, ich hab es verstanden, alles ist leer! Alles ist leer! Alles ist leer!' Dann boxt der Meister den Schüler auf den Arm. Der Schüler schreit: 'Au!' Der Meister sagt: 'Ich dachte, alles ist leer, dein Arm ist gar nicht mehr da'."

Das klingt komisch, das Lachen der Zuhörer kann aber nur ein Nebeneffekt sein. Der Haupteffekt zielt aufs Denken: Eingefahrene Gleise werden aufgebrochen, die Sicherheit der herkömmlichen Logik zerstört - und damit wird der Geist frei für neue Erkenntnisse, die sich nicht mehr in den Gleisen des herkömmlichen Schemas von richtig oder falsch bewegen. Das kann einen paradoxen Humor entfalten - kann aber auch wieder selbst so schematisch werden, dass man den Zen-Buddhismus auch über seine Koans trefflich parodieren kann.

Wie viele Zen-Mönche braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? Zwei! Einen zum Wechseln, und einen zum Nicht-Wechseln.

Avnish Lugani: "Ein Yogi wollte Schüler haben, und er hat drei Schüler mit Bärten gefunden, er wollte die prüfen: 'Wenn mein Bart Feuer fängt und dein Bart Feuer fängt, was machst du?' Der eine sagte: 'Ich werde deinen löschen'. 'Dann bist du tot'. Der Zweite sagte: 'Ich werde meinen löschen'. 'Dann bin ich tot'. Der Dritte sagte: 'Ich werde mit beiden Händen löschen'."

Diese Anekdote erinnert an die Weisheiten des Zen-Buddhismus. Sie stammt aus der Welt, die auch Heimat des historischen Buddha ist: aus der Überlieferung des indischen Hinduismus. Avnish Lugani ist Präsident des Sri Ganesha Hinduvereins.

Avnish Lugani: "Das ganze Universum ist Ausdruck der Freude von Gott. Deshalb sind wir verpflichtet, Freude in uns zu haben. Die haben wir gekriegt von Geburt aus, dann müssen wir diese Freude weitergeben."

Die Freude hat im hinduistischen Götterpantheon eine konkrete Verkörperung gefunden: den Gott Ganesha. Der Verein von Avnish Lugani möchte Ganesha in Berlin einen repräsentativen Tempel bauen. Denn den Gott mit dem Elefantenkopf verehren alle Hindus, egal, welchem Gott sie noch speziell anhängen. Das liegt sicher auch an seinem besonderen Wesen.

Avnish Lugani: "Einer Legende nach ist Ganesha Ausdruck der Freude von Shiva. In einer der Legenden heißt es, er hat gelacht, und die Schwingungen haben einen Ganesha geformt, die Schwingungen sind Ausdruck der Freude, wenn Sie Ganesha sehen, langer Rüssel, großer Bauch, ein Mensch mit voller Zufriedenheit, ein glücklicher Mensch."

Lachen muss in der hinduistischen Tradition aber nicht per se positiv sein. Avnish Lugani kennt auch andere Geschichten.
"Es war einmal ein Spatz, eine Familie, die lebte auf einem Baum, die war sehr fröhlich, plötzlich hörte sie großen Lärm, dass jemand lachte, ganz gemein. Lachen kann auch negativ sein. Da hat der Spatz Angst bekommen. Wer da lachte, ist der Gott des Todes gewesen. Der Spatz hat Angst bekommen, warum lacht er?"

Jemand hörte den Spatz in seiner Todesangst und kam ihm zu Hilfe. Er nahm den Spatz schnell weg von dem bösen Lachen und brachte ihn an einen Ort Tausende von Kilometern entfernt. Dort setzte er in einen Baum. In dem Baum lebte eine Schlange. Sie fraß den Spatz sofort auf.

Avnish Lugani: "Da lachte wieder der Gott des Todes. Jemand sagte: 'Warum lachst du?' Er sagte: 'Ich habe damals gelacht, weil ich dachte: wieso ist der Spatz hier? Er muss doch morgen dahin, um zu sterben!'"

Es geht um die Balance: gut und böse, Gott und Mensch ringen miteinander. Die Welt ist eine Arena. Humor ist ein Mittel zum Zweck, um in dieser Arena das eigene Schicksal positiv zu beeinflussen. Ein pragmatisches Verständnis von Humor.

Avnish Lugani: "In Indien wurden vor Jahren schon Lachclubs gegründet. Das baut Stress ab, Sorgen ab, das ist in vieler Weise hilfreich, unser Leben glücklich zu machen."

Lachen und Humor haben ihren Platz in der religiösen Praxis, sind aber auf keinen Fall Selbstzweck - die östlichen Religionen sind da sehr klar wie kaum andere. Vielleicht, weil sie klarer auf das Individuum und seinen religiösen Weg konzentriert sind und nicht die Vorstellung eines Gottes als Gegenüber haben, der dann auch in den Humor mit einbezogen werden muss. Das Lächeln der Götter ist allgegenwärtig auf Statuen und Abbildungen, das Lachen aber distanzierter. In der Theorie zumindest. Die Praxis ist natürlich trotzdem vielfältig.

Sylvia Wetzel: "Es gibt einen Rebellen aus Tibet aus dem 15. Jahrhundert, der hat gesellschaftlich richtig provoziert. Der ist zu einem großem Meister gegangen, nackig in die Stube rein gerannt mit einem rotem Band um den Penis: 'Alles ist heilig - dazu braucht man keine Kleider!' Aber das sind Einzelfälle, diese heiligen Narren gab's immer wieder und die Tibeter lieben sie sehr, ihre Geschichten werden heute noch erzählt."

Harald-Alexander Korp: "Ein schönes Beispiel ist der Dalai Lama, der immer wieder lacht, das drückt zwei wichtige Punkte aus, zum einen eine Hingabe, wer intensiv lacht, kann eigentlich nicht mehr denken, das bedeutet, das logische, urteilende Denken kann zu einer Ruhe kommen, und zum anderen hat es auch eine aufklärerische Komponente zu sagen, mit Lachen stell ich mich selbst auch in Frage, meine ganzen Ziele sind relativ, eine Form der Demut."

Avnish Lugani: "Das Ziel ist, Freude zu haben. Von woher wir gekommen sind, diese Freude wiederzuerlangen."

Sylvia Wetzel: "Ich kenne einen Vers über die grüne Tara, das ist eine weibliche Buddhagestalt, die aus Indien stammt und in Tibet sehr verehrt wird, da gibt es einen Vers: Das Gelächter von Totare beherrscht Götter und Dämonen. Tara wird nachgesagt, dass sie gelacht hat, es gibt eine spätere Tradition, dass ihr Gelächter Buddha zu seiner Erleuchtung inspiriert hat. Ich finde das einen schönen Gedanke: das Gelächter beherrscht Götter und Dämonen, es beherrscht alle idealisierten Vorstellungen und auch alle Ängste, wenn man lachen kann, fürchtet man sich nicht mehr, sondern man ist frei."