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Profil / Archiv | Beitrag vom 19.01.2009

Der "Kultur-Terminator"

Holger Bergmann im Porträt

Von Hans-Otto Reintsch

Szene aus "Le Vin herbé" bei der RuhrTriennale (Paul Leclaire)
Szene aus "Le Vin herbé" bei der RuhrTriennale (Paul Leclaire)

Bei der RuhrTriennale gibt es jährlich über 100 Veranstaltungen mit über 50.000 Zuschauern - ein Riesenprogramm für ein Haus der freien Szene. Das ist nur zu schaffen, wenn einer den Laden zusammenhält und immer wieder vorantreibt. Holger Bergmann ist so ein Chef.

Holger Bergmann: "Guten Abend alle zusammen! Ich habe die Aufgabe, ein paar warme Worte zu sprechen gegen die Kälte hier draußen. Als wir vor fast zwei Jahren mit der Idee, hier am Eichbaum eine Oper zu errichten."

Station Eichbaum zwischen Mülheim und Essen. Hochstraßen, Überführung, Tunnel, Graffitis, Gitter, Bahnhof, Gleise. Verbauter Ruhrpott. Verkehr dröhnt. Abend. Fahles Licht. Holger Bergmann steht mit Joppe vor seinen Leuten wie der junge Ernst Thälmann. Eröffnung eines kunstvoll irritierenden Containerbauwerks direkt an den Schienen. Begehbares Kunstobjekt. Ein paar Neugierige ordern Glühwein. Atem kondensiert.

Holger Bergmann: "Das, was hier stattfindet hier am Eichbaum mit der Errichtung der Opernbauhütte, die wir einweihen können, ist im besten Sinne eine provinzielle Tat fürs Ruhrgebiet."

Bergmann, wie soll ein gebürtiger Mülheimer sonst heißen, Chef des Mülheimer Kulturzentrums "Ringlokschuppen". Projekteröffnung vor Ort. In der "Opernbauhütte" soll mit Hilfe der Anwohner und Reisenden künftig in Workshops die "Eichbaumoper" entstehen. Und aufgeführt werden. Auf dem Bahnhof. Direkt am Ruhrschnellweg.

Station Eichbaum, berühmt und berüchtigt. Laut, dreckig, ungemütlich, gefährlich. Holger Bermann will das ändern. Die zum Leben erweckte Opernbauhütte soll einen neuen, besseren Ort erschaffen.

Holger Bergmann: "Im besten sloterdejkschen Sinne, ein Ort, den Menschen erzeugen, um darin vorkommen zu können als die, die sie sind. Also das wäre die Utopie, die sich mit dem Bauwerk verbindet."

Das Soziokulturelle Zentrum "Ringlokschuppen" Mülheim jedenfalls ist so ein Ort. Dank Holger Bergmann. Kindergärtner hatte der Mittvierziger gelernt nach seinem Hauptschulabschluss. Wurde Sozialarbeiter.

Holger Bergmann: "Nun bin ich ein Kind der Anti-AKW Bewegung, der Autonomenbewegung, der Hausbesetzung. Also das war die Zeit, wo wir natürlich alle mit bestem Wissen und Gewissen unsere Realität versuchten so zu verändern, das sie menschlicher wird."

Orte ohne Arbeit verkommen zu Unorten, meint der Arbeitersohn mit dem nachdenklichen Blick. Dorthin zeigt Bergmann mit seinen Kunstaktionen.

Holger Bergmann: "Der Berliner Platz, eine große Baubrache in Essen…dort haben wir ein großes Projekt Tanztheater realisiert…Wir haben damit angefangen während der … Ruhrtriennale…Projekte zu machen an ganz besonderen Orten…"

Holger Bergmann, studierter Theaterwissenschaftler und Philosoph hat die seltene Gabe, randständige Konzepte zu entwerfen, Netzwerke zu knüpfen. Und…

Holger Bergmann: "…bestimmte Akteure zusammen zu bringen und vielleicht auch Prozesse und Wege zu initiieren, aber auch durchzuhalten."

Am Eichbaum zum Beispiel arbeiten zum ersten Mal die Kulturplatzhirsche "Schauspiel Essen", "Musiktheater im Revier", Kulturzentrum "Ringlokschuppen", die Mühlheimer Verkehrsgesellschaft und das Architekturbüro "Raumlabor Berlin" zusammen. Durch Holger Bergmann trifft hoch subventioniertes Theater auf die undekorierte Realität der Straße. Von dort holte er schon immer seine Ideen.

Holger Bergmann: "Eine Idee von Kultur, die was damit zu tun hat, von der Kultur, die verschwunden ist. Die Kultur, die an Arbeit orientiert war. In soziokulturellen Zusammenhängen. An der Nachbarschaftskneipe. Am Kegelclub, am Autotuning Verein, an den Schrebergärten. An den Einrichtungen, die wir heute mehr und mehr laufen lassen, die verschwinden."

Vielleicht deshalb wirkt die temporäre Opernbauhütte mitten im Verkehrsgetöse auch ein wenig wie eine Kunstgarage mit Ausschank und Wärmestube. Wie die trotzige Wiedergutmachung betonierter Irrtümer.

Holger Bergmann: "Was finden wir Neues, wenn der Zusammenhalt von Arbeit nicht mehr funktioniert. Eine Möglichkeit ist es, dass über die Kultur zu definieren, und anzufangen, miteinander Glühwein zu trinken in der Kälte, an einem Ort, wo wir kaum glauben, das wir diesen irgendwie dazu geeignet sehen, hier Glühwein zu trinken."

Der Impuls des Holger Bergmann, einen selten hässlichen Bahnhof zu besingen und zu theatralisieren hat bereits etwas bewirkt, wovon gewöhnliche Kulturschaffende nicht zu träumen wagen. Fest steht nun, dass am Ende der Kunstaktion der Bahnhof im großen Stil umgebaut wird. Rückbau in einen Ort, in dem Menschen wieder vorkommen können als die, die sie sind. Und die Künstler werden am Umbau beteiligt sein. Kunst, die über sich selbst hinaus wirkt!

Holger Bergmann: "Natürlich ist es ein Ziel, hier nach einigen Monaten auch eine Oper erleben zu können. Eine Oper, die entsteht, Dialog, mit den Anwohnern, im Zusammenwirken von Komponisten und von Autoren. Eine der ersten Premieren heute Abend. Deshalb Hals- und Beinbruch, Toi, toi, toi und von Herzen dieser Region Glückauf!"

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