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Religionen / Archiv | Beitrag vom 12.01.2013

Der Koran als Bio-Buch

Islamischer Umweltschutz auf Sansibar

Von Simon Kremer

Eine Frau erntet Seegras im flachen Wasser an der Ostküste der Insel Sansibar, Tansania. (picture alliance / dpa / Ulrich Malisius)
Eine Frau erntet Seegras im flachen Wasser an der Ostküste der Insel Sansibar, Tansania. (picture alliance / dpa / Ulrich Malisius)

Dass Umweltschutz und Nachhaltigkeit in aller Munde sind, ist hierzulande auch den christlichen Kirchen zu verdanken - wegen ihres Engagements in der Ökobewegung der 1970er. Die gab es damals auch im Islam: Ihre Nachwirkungen lassen sich auf der Insel Sansibar beobachten.

Der Klassenraum – ein Paradies. Der weiße Sandstrand zieht sich kilometerlang am tiefblauen Meer entlang, dicht stehen die Palmwälder dahinter. Sansibar! Ein Inselatoll im Indischen Ozean, zwei Stunden Fährfahrt vor der ostafrikanischen Küste von Tansania.

Die Mädchen der Abu Bakr Grundschule aus Sansibar Stadt, dem Verwaltungssitz der Insel, haben ihre grauen Schuluniformen abgelegt. Mit Taucherbrille auf der Nase und Schnorchel im Mund plantschen sie unbeholfen im Wasser. Die meisten tragen weite Schlafanzüge, ihre Haare sind mit Tüchern oder Badehauben bedeckt, einige haben sich bunte Plastiktüten über den Kopf gezogen. Schließlich sind sie alle Muslime. Die meisten sehen heute zum ersten Mal Fische und Korallen in ihrem natürlichen Lebensraum.

"Sie sagen dann: Hey, das sieht ja aus wie bei 'Findet Nemo'. Ich dachte, das sei alles nur im Computer entstanden und gar nicht real. Anstatt die Fische also nur im Fernsehen anzugucken, können die Schüler sie hier wirklich – in ihrer natürlichen Umgebung – sehen."

Ennok Kayagambe arbeitet auf Chumbe Island, einem privaten Marine-Reservat, ein paar Kilometer vor der Küste von Sansibar Stadt. Das etwa ein Kilometer lange Inselchen ist dicht mit Wald bewachsen, nur ein paar Schwimmzüge vom Strand entfernt liegen die besterhaltenen Korallenriffe Sansibars. Zusammen mit seinem Kollegen Khamis Khalfan Juma unterrichtet er Schulklassen, die auf Exkursion nach Chumbe Island kommen:

"Hier zu schnorcheln - das bleibt ihnen im Gedächtnis. Sie haben so etwas noch nie erlebt und daher entwickeln sie auch häufig keine Beziehung zur Umwelt und zum Meer. Alleine die Bücher reichen nicht aus. Deswegen ist es so wichtig, die Pflanze und Tiere hier anzuschauen und zu studieren."

Khamis Khalfan Juma steht mit Neoprenschuhen, kurzer Badehose und einer gehäkelten Gebetsmütze vor der kleinen Gruppe 12- bis 14-Jähriger. Er zeigt aufs Meer, auf die Vögel in den Palmen und zitiert die sechste Sure aus dem Koran. Einige der Kinder schreiben mit: "Kein Getier gibt es auf der Erde, keinen Vogel der auf seinen Schwingen dahinfliegt, die nicht Gemeinschaften wären gleich euch."

"Viele Suren im Koran sprechen über den Umweltschutz. Und dieser Schutz betrifft alle Elemente, er reicht vom Himmel über das Land hin zum Wasser, sogar zu den Bergen. Und er schließt die Tiere mit ein. Gott will, dass wir für die Tiere sorgen."

Der Koran als Buch für den Biologieunterricht. Ganz neu ist die Idee nicht. Bereits in den 1970er-Jahren haben islamische Geistliche versucht, die Bezüge zwischen der theologischen Welt des Koran und der Ökologie herzustellen. In einigen arabischen Ländern, zum Beispiel in Saudi-Arabien, wurden Konzepte und Statuten erarbeitet, die die Balance zwischen Mensch und Umwelt beschrieben und den Menschen als von Allah eingesetzten Hüter dieser Balance und der Umwelt ansahen. Doch es blieb theoretisch: Vor der Küste Sansibars treiben weiterhin Plastikflaschen und anderer Müll, ganze Inseln des Atolls wurden in der Vergangenheit gerodet, Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten zerstört. Die Ideen waren gut, nur in die Praxis wurde kaum etwas umgesetzt, bescheinigte kürzliche eine Studie der niederländischen Universität Leiden dem sogenannten "Öko-Islam":

"Eine Reihe von islamischen Intellektuellen philosophierte über die Umweltzerstörung – und die Rolle, die der Islam zu deren Überwindung einnehmen könnte. Gerade die Anfangsjahre waren aber von einem eher theoretischen Ansatz geprägt: Welche Rolle wurde dem Menschen in dem System aus Mensch, Natur und Pflanzen von Allah zugedacht?"

Dabei sei die Antwort auf diese drängenden Fragen so naheliegend, sagt Lehrer Juma:

"'"In allen Heiligen Schriften, egal ob in der Bibel oder im Koran, wird ganz eindeutig erklärt, wie wichtig die Natur ist. Und dass wir Menschen die Umwelt respektieren und schützen müssen. Tun wir das nicht, dann ist auch unser eigenes Überleben in Gefahr.""

Doch wie sollten die theoretischen Überlegungen der Geistlichen in die Tat umgesetzt werden? Vor zehn Jahren beschäftigte sich der Sansibari Ali Thani mit dem Thema. Er arbeitete damals für eine lokale Umweltorganisation und sah, wie die Fischbestände bedrohlich zurückgingen und die Korallenriffe durch das Fischen mit Dynamit zerstört wurden – egal was er auch tat:

"Es ist ja ganz normal zu sagen, bitte achtet die Umwelt, davon profitiert auch ihr Fischer. Die Leute sagen dann, ja, das haben wir schon tausendmal gehört. Aber wenn man diesen Naturschutz mit etwas verbindet, was den Menschen wichtig ist – und das ist hier die Religion, ist Spiritualität- dann fangen sie an zu begreifen, dass das etwas mit Gott zu tun hat."'"

Denn auf Sansibar sind rund 98 Prozent der gut eine Millionen Einwohner Muslime. So entwarf Ali Thani damals kleine Flugblätter und Heftchen, die den Zusammenhang zwischen Koran und Naturschutz deutlich machen sollten. Er ging zu den Imamen der Moscheen in den Fischerdörfern der Insel und überzeugte sie davon, in ihren Freitagspredigten auf diesen Zusammenhang hinzuweisen.

Eine schwierige Angelegenheit, sagt Thani, denn vieles sei Auslegung und Interpretation:

"'"Da ist zum Beispiel der Begriff Fassad. Korruption, Bereicherung - das ist nicht erlaubt. Überfischen und das Fangen von zu kleinen Fischen ist so eine Bereicherung. Und die ist eben nicht erlaubt. So sagt es der Koran."

Zwar wurde die Dynamit-Fischerei gesetzlich verboten und den Fischern zusätzliche finanzielle Anreize für nachhaltiges Fischen gegeben. Daneben entwickelte sich die Religion jedoch als eine der Säulen des Umweltschutzes auf Sansibar. Heute gibt es zahlreiche Projekte, die ihr Engagement für die Natur mit dem Koran begründen, um so die Sansibari direkt anzusprechen.

Die aktuelle Studie aus den Niederlanden über den "Öko-Islam" kommt zu dem Schluss, dass das, was vor Jahrzehnten durch einige im Westen lebende Intellektuelle, begonnen wurde, mittlerweile eine soziale Bewegung sei. Die Inspiration der westlichen Umweltbewegung habe sich durch einige Vordenker und Aktivisten auf die islamische Welt übertragen und mittlerweile grüne Projekten überall auf der Welt hervorgebracht: In Großbritannien, den USA, Südafrika - und eben auf Sansibar.

Ein logischer Schritt, wie Lehrer Khamis Khalfan Juma sagt:

""Wenn Du hier in Sansibar in eine Schulklasse gehst, dann sitzen da fast nur Muslime. Und der Koran ist ihr Buch. Die Menschen glauben sehr stark an die Worte des Koran und ziehen sie heran, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Was liegt also näher, als den Koran, die Worte des Propheten Mohammeds und die Hadithe mit dem Umweltschutz zu verbinden?"

Daraus entwickelte Juma seine ganz eigene Didaktik. Eine Mischung aus Religion, Erleben – und Spielen. Juma versammelt die Kinder der Schulklasse im Kreis um sich. Er wirft ihnen ein aus Kokosfasern geknotetes Knäuel zu und wiederholt all die Fische, die sie heute unter Wasser gesehen haben. Jedem Schüler weist er einen Fisch zu. Er sagt, dass alle Tiere miteinander in Beziehung stehen würden, als sich das Seil fest um seinen Bauch zieht.

Dann steigt er plötzlich aus dem Netzwerk aus, wodurch es seine Spannkraft verliert und in sich zusammenfällt. "Und ich bin das Korallenriff", sagt er, "wenn ich tot bin dann ist auch die Artenvielfalt in Gefahr". Am Ende, da ist sich Juma sicher, ist es wohl der Mix der verschiedenen Erklärungsansätze, der den Kindern im Gedächtnis bleibt, wenn es um Naturschutz geht in ihrem kleinen, irdischen Paradies.

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