Der Klang der Göttin

Von Angelika Calmez |
In der indischen Bergregion Bora Sambar hat die Berliner Ethnologin und Religionswissenschaftlerin Lidia Guzy ein musikalische Klangwelt vorgefunden, die die Natur verschiedener Göttinnen beschreibt: die polyphone Musik der Ganda-Orchester.
"Es sind fünfzig Menschen in diesem kleinen Raum. Alles, ja, riecht nach Spannung. Und in diesem Moment fängt das Trancemedium an zu tanzen, wild an zu tanzen, mit Eisenketten, denn die Eisenketten symbolisieren auch die Göttin. Dieser wilde und durchaus auch erotische Tanz des Trancemediums ist ein Manifestum des Sakralen, der Göttin."

Etliche Male hat die Ethnologin und Religionswissenschaftlerin Lidia Guzy an einem sogenannten Boil-Ritual teilgenommen. In den abgelegenen Dörfern der Bora-Sambar-Region im westlichen Orissa soll es kinderlosen Paaren Nachwuchs bringen. In dem mittelindischen Bundesstaat leben sehr viele Bevölkerungsgruppen, die eine eigene Kultur haben und eine eigene Religion. In Bora-Sambar ist diese eine Mischung aus volkstümlich-hinduistischen und lokalen Glaubensvorstellungen. Die Region hat Wissenschaftlerin Lidia Guzy fasziniert.

"Es ist eine Region, in der eine unglaubliche Vielzahl an Musiktraditionen existiert, und die Menschen definieren sich vor allem durch die Musik. Die Musik ist ihre Identität, es ist ihre Kultur, es ist sozusagen ihre Bezugsgröße."

Drei Tage lang wird beim Boil-Ritual getrommelt und getanzt, bis die Göttin Dhurga Besitz ergreift vom Körper des Tänzer oder der Tänzerin, des "Trancemediums". Es ist ein Heilungsritual. Das Orchesterspiel zu Boil-Ritualen oder auch Hochzeiten ist den Angehörigen der Ganda vorbehalten.
"Das ist eine Unberührbaren-Kaste der sogenannten "Stinker". Das ist ein sehr negativer Begriff, der auf die Materialität ihrer Instrumente hinweist, nämlich die Kuhhaut. Diese Musikerkasten gelten in der Hindugesellschaft als sehr niedrig, haben aber ganz zentrale rituelle Aufgaben."

Ein spirituelles Paradox: Die Berührung mit der Haut der heiligen Kuh gilt als Verunreinigung, macht die Ganda unberührbar. Aber diese Unberührbarkeit wiederum schützt sie auch vor der Inbesitznahme durch Göttinnen. In der menschlichen Welt sind die Musikerfamilien sozial ausgegrenzt. Aber für ihre rituellen, musikalischen Dienste werden sie in die Dörfer eingeladen. Ihre Unberührbarkeit verleiht den Ganda die Stärke, spirituell und sozial zwischen den Sphären zu vermitteln: durch die Musik.

Wie Lidia Guzy herausgearbeitet hat, besteht die polyphone Musik der Ganda-Orchester aus 16 Rhythmen, jeder steht für eine Gottheit. So entfaltet das Spiel einen mythologischen Kosmos: Sieben Schwestern, die mit sieben Brüdern verheiratet wurden. Dazu gruppieren sich die wichtigsten Hindugottheiten, Shiva und Parvati.

"Alle Trommeln des Orchesters symbolisieren unterschiedliche Göttinnen. Zum Beispiel die Nissan-Trommel symbolisiert die Göttin Nissani. Es gibt auch viele andere Göttinnen, die in den Trommeln sozusagen residieren, eine Trommel ist ein Altar, de facto. Das ist ein rituelles Verbot oder auch ein Verbrechen, ein Instrument wie eine Trommel einfach so respektlos zu überschreiten."

Früher bescherten Hochzeiten und Boil-Rituale den Ganda-Musikern ein gutes Einkommen. Aber durch die massiven Industrialisierung des rohstoffreichen Orissa droht die rituelle Musik der Ganda-Orchester unterzugehen: Infolge des gigantischen Hirakudstaudamm-Projekts wurden vor 1960 350.000 Menschen umgesiedelt. Um die Stadt Sambalpur entstand ein Armutsgürtel.

"Der Wunsch nach einer besseren sozialen Achtung wird in der Stadt nicht realisiert. Denn wenn die Musiker ihre Instrumente verkaufen müssen, um zu arbeiten, um zu leben, um Nahrungsmittel zu kaufen, dann können sie ihre Musik auch nicht mehr machen. Sie können nicht mehr eingesetzt werden für die traditionellen Dorfrituale."

Zu den städtischen Hochzeiten spielen Kapellen die moderne Sambalpuri-Musik. Ihre Trommeln sind mit Plastikfell bespannt und gelten längst nicht mehr als heilig.

Die traditionelle Ganda-Musik drohte gänzlich in Vergessenheit zu geraten. Aber Lydia Guzys Arbeit darüber erhielt ein breites Medienecho. Über mehrere Jahre hinweg beobachtete die Wissenschaftlerin die Ganda-Orchester, führte Gespräche mit Musikern, Zuhörerinnen und Zuhörern. So konnte Lydia Guzy zahlreiche musikalische Formen wie eine Sprache zu verstehen erlernen – und auch andere wieder dafür zu begeistern.

"Die gesellschaftlichen Eliten haben dann auch versucht, diese Musiktradition mehr einzubeziehen. So ist gegenwärtig in der Region, vor allem in den Städten, die Tradition eher da, dass einerseits sich in der Stadt man sich so eine Kapelle leistet, aber man hat auch noch eine kleine traditionelle Ganda-Baja-Orchester-Kapelle zu finanzieren. Das gilt jetzt als chic."