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Im Gespräch | Beitrag vom 31.05.2019

Der israelische Historiker Yehuda BauerAn den Holocaust gewöhnt man sich nicht

Moderation: Britta Bürger

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Das Bild zeigt den israelischen Historiker Yehuda Bauer bei einer Preisverleihung in Bukarest 2016. (dpa / picture alliance / EPA / Bogdan Cristel)
Der israelische Historiker Yehuda Bauer: "Der Antisemitismus ist ein Kulturphänomen." (dpa / picture alliance / EPA / Bogdan Cristel)

Der Historiker und Holocaustforscher Yehuda Bauer war lange wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem. Sein ganzes Leben hat er sich mit der Shoah beschäftigt, und noch immer hat er Angst. "Die Geschichte ist so fürchterlich", sagt er.

Geboren wurde Yehuda Bauer als Martin Bauer 1926 in Prag. Zweisprachig - mit Tschechisch und Deutsch - wuchs er auf. Die Kinderlieder aber, erzählt Bauer, sang die Mutter nur auf tschechisch. Erinnert er sich an diese Zeit, muss Bauer auch an sein Kindermädchen denken. Denn die war Kommunistin und debattierte immer wieder mit seinem Vater: "Der war alles andere als ein Kommunist."

"An der Grenze warteten schon die SA-Männer"

1938, genau an dem Tag, als die Nazis Prag besetzten, konnte seine Familie nach Palästina ausreisen, ein Zufall. Die Reise mit Zug, zunächst an die polnische Grenze, war gefährlich:

"An der Grenze waren schon SA-Männer, die in den Zug kamen. Aber die wussten nicht, was sie mit uns anfangen sollen. Und so fuhren wir weiter nach Polen, dann nach Rumänien und von dort nach Palästina."

Nach der Schule studierte Bauer Geschichte in Wales, machte sich danach in einem Kibbutz als Melker nützlich, arbeitete parallel aber auch an seiner wissenschaftlichen Laufbahn.

Viele Jahre lehrte er an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Holocaust und Antisemitismus zählen zu den Schwerpunkten seiner Arbeit. Von 1996 bis 2000 war er Direktor des Zentrums für Holocaust-Forschung der Gedenkstätte Yad Vashem, bis heute ist er dort als wissenschaftlicher Berater tätig.

Der Holocaust als "europäisches Projekt"

Über den Holocaust zu schreiben und darüber zu forschen, damit tat sich Bauer zunächst schwer. Er hatte Angst davor. Und "die Angst ist bis heute geblieben. Ich habe hunderte von Zeitzeugenaussagen gelesen und hunderte aufgenommen. Und jedes Mal war es ein Problem. Die Geschichte ist so fürchterlich. Man gewöhnt sich nicht daran."

Vor dem Hintergrund seiner Forschungen begreift Bauer den Holocaust heute als "europäisches Projekt". Auch Polen, Ukrainer, Griechen, Franzosen und andere sieht Bauer in der Verantwortung: "In jedem europäischen Land, das von Nazideutschland besetzt war, gab es eine  Gruppe, die mit Nazideutschland kollaborierte."

Bauer ist jetzt 93 Jahre alt - und will weiter forschen und schreiben. Gerade hat er sein Buch "Der islamische Antisemitismus – Eine aktuelle Bedrohung" aktualisiert und in Berlin vorgestellt. In der nächsten Zeit will sich der Historiker noch intensiver mit dem Genozid an den Roma beschäftigen.

Propaganda gegen den Antisemitismus

Wie soll und kann man heute auf den gegenwärtigen Antisemitismus reagieren? "Der Antisemitismus ist ein Kulturphänomen", sagt Bauer: "Die Propaganda gegen die Juden muss mit einer Propaganda gegen Antisemitismus beantwortet werden." Den Deutschen bescheinigt er, bei der Aufarbeitung der NS-Zeit viel getan zu haben. Schwieriger, so der Historiker, sei die Holocaust-Forschung derzeit in Polen: "Da haben wir eine Kontroverse mit der jetzigen Regierung."

Zur aktuellen israelischen Politik möchte Yehuda Bauer sich nicht äußern, er sei aber "kein Unterstützer der jetzigen, rechtsgerichteten Politik", betont er. Ansonsten übt er sich in Solidarität: "Ich bin nicht in Berlin, um Israel zu kritisieren. Das kann ich zu Hause machen."

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