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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 04.03.2020

Der Iran und die Juden Eine Geschichte von Liebe und Hass

Von Ruth Kinet

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Iraner laufen über die israelische Flagge. (picture alliance / ZUMA Press / Rouzbeh Fouladi)
Um ihrem Hass Ausdruck zu verleihen, sollen Iraner über die israelische Flagge laufen. Nicht alle tun das. (picture alliance / ZUMA Press / Rouzbeh Fouladi)

Das iranische Regime will den Staat Israel auslöschen. Kaum vorstellbar erscheint daher, dass die Länder bis zur islamischen Revolution 1979 freundschaftliche Beziehungen unterhielten. Und: Bis heute leben in Iran Juden, manche seit Generationen.

"Israel sollte sich das Mittelmeer genau ansehen, denn es wird sein endgültiger Wohnort sein." Mit dieser Vernichtungsdrohung gegenüber Israel heizt der Kommandeur der Iranischen Revolutionsgarde, General Hossein Salami, die Stimmung im Saal an.

Mehrere Tausend Menschen haben sich am 13. Februar 2020 in Teheran versammelt, um des Oberkommandierenden der Al-Quds-Brigaden, Qasem Soleimani, zu gedenken, der 40 Tage zuvor von der US Air Force getötet wurde. Salamis Publikum antwortet: "Allah ist groß! Khamenei ist der Führer! Tod all denen, die sich der Herrschaft des Rechtsgelehrten widersetzen! Tod Amerika! Tod den Heuchlern, Tod den Ungläubigen! Tod Israel!"

Kooperationsprojekte zwischen Iran und Israel

"Seit der großen Revolution 1979 sind die Bezeichnungen gesetzt: Der große Satan sind die Vereinigten Staaten und der kleine Satan ist Israel." – Ron Ben-Yishai ist eine Institution in Israel. Der Journalist begann seine Karriere als Reporter in den 1960er-Jahren und berichtete mehr als vier Jahrzehnte lang für das israelische Fernsehen aus den Kriegsgebieten dieser Welt. Er ist einer der wenigen Israelis, die Iran kennen. Vor der Islamischen Revolution 1979 war er mehrmals dort.

"In der gesamten Geschichte bewegten sich die Beziehungen zwischen Juden und Persern zwischen Liebe und Hass." Iran war nach der Türkei im März 1950 das zweite muslimische Land, das Israel offiziell anerkannte. Unter der Herrschaft des Schahs Mohammad Reza Pahlavi entwickelten Israel und Iran in der Sicherheits-, Infrastruktur- und Landwirtschaftspolitik enge Kooperationsprojekte.

Die israelische Armee trainierte Mitarbeiter des iranischen Geheimdienstes Sawaq in Israel. Israelische Landwirtschaftsexperten erschlossen die Region Qazvin im Nordwesten Teherans für die landwirtschaftliche Nutzung. Ron Ben-Yishai erinnert sich:

"Als ich einmal zusammen mit einigen Offizieren der israelischen Armee in den Iran kam, flogen wir in einer Maschine der Fluggesellschaft Lloyd mit, die Kühe in den Iran brachte. Der Flieger war voller Kühe, ein einziger großer Kuhstall. Und sie haben das nicht vergessen."

Religiöse Führer brechen Beziehungen zu Israel ab

"Sie", das sind die religiösen Führer des heutigen Iran. Sie haben nicht vergessen, dass Israel mit dem Schah zusammengearbeitet hat. Die Führung der Islamischen Republik kappte nach ihrer erfolgreichen Revolution 1979 alle Beziehungen zu Israel und sprach dem jüdischen Staat seine Existenzberechtigung ab.

Panzer während der islamischen Revolution in Teheran 1979 (picture alliance / Imagno)Panzer in Teheran 1979: Nach der islamischen Revolution in Iran beendete das Land alle Beziehungen zu Israel. (picture alliance / Imagno)

In den 40 Jahren, die seither vergangen sind, baute die iranische Revolutionsgarde ein dichtes Netzwerk von Verbündeten auf: Hisbollah, Al-Quds-Brigaden, Hamas, Islamischer Dschihad und ungezählte kleinere Milizen umzingeln Israel heute von vier Seiten. Der Architekt dieser Strategie war Qassem Soleimani, und dafür pries ihn Hossein Salami, der Kommandierende der Iranischen Revolutionsgarde, am 13. Februar in Teheran.

"Qassem Soleimani hat es geschafft, jeden Punkt des zionistischen Regimes in ein Kreuzfeuer einzuzwängen. Aus Angst vor der Macht, die Soleimani aufgebaut hat, hat das zionistische Regime um sein besetztes Land eine Betonmauer von Hunderten Kilometern Länge und Dutzenden Metern Höhe gebaut. Soleimani hat Israel eingekerkert."

Eine Sehnsucht nach der Schönheit des Iran

"Frau, sing!", ruft Liraz Charhi im Titelsong ihrer neuen CD auf Persisch. Die 41-jährige israelische Sängerin ist mit iranischer Musik, iranischem Essen und persischen Redewendungen aufgewachsen. Aber nicht in Teheran wie ihre Eltern, sondern mitten in Israel, in Ramle, einer Kleinstadt südöstlich von Tel Aviv.

Liraz’ Eltern sind als Jugendliche 1964 und 1970 von Teheran nach Israel ausgewandert. Sie wollten den Judenhass, den sie im Alltag erlebten, nicht mehr täglich erdulden müssen. In Israel leben heute etwa 250.000 Juden iranischer Herkunft.

Die Sängerin und Schauspielerin Liraz Charhi (2010) im Auto (picture alliance / Summit Entertainment / Courtesy Everett Collection )Singt in Farsi: die israelische Sängerin Liraz Charhi. (picture alliance / Summit Entertainment / Courtesy Everett Collection )

Ihre Eltern haben Liraz eine tiefe Sehnsucht nach den Schönheiten des Iran weitergegeben. Diese Sehnsucht nach dem unbekannten und zugleich so vertrauten Land hat Liraz dazu gebracht, inzwischen nicht mehr in Hebräisch, sondern in Farsi zu singen.

"Ich hatte immer das Gefühl, dass ich versuche, ein Loch zu füllen, manchmal fühlte ich mich fremder als meine Eltern. Denn meine Eltern kamen mit einer reichen Geschichte, aber die Geschichte meiner Wurzeln ist nicht rund."

2016 brachte Liraz Charhi ihr erstes Album in Farsi heraus. Inzwischen hat sie eine Fangemeinde in Iran. In wenigen Wochen erscheint ihr zweites Album mit persischem Elektro-Pop. Dafür ist sie noch einen Schritt tiefer in die Welt ihrer Herkunft eingedrungen: Am iranischen Geheimdienst vorbei hat sie mit iranischen Musikern, die in Iran leben, die Musiktitel ihres Albums entwickelt, geschrieben und komponiert. Viele Monate lang flogen die Datenpakete zwischen Tel Aviv und Teheran hin und her: Emails, Kurznachrichten und Skype-Gespräche.

Nur noch wenige Juden leben heute in Iran

Vor der Islamischen Revolution lebten etwa 100.000 Juden in Iran. Inzwischen sind es nur noch rund 8500. Fast alle leben in Teheran, aber auch in Isfahan und Shiraz soll es noch einige jüdische Familien geben.

"Trotz aller Schwierigkeiten hat die jüdische Gemeinde in Iran Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende überdauert und lebt sogar bis zum heutigen Tag fort. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die heute noch in Iran bleiben, tun es, weil es nicht leicht ist, einen Ort zu verlassen, an dem du geboren und aufgewachsen bist."

Roya Hakakian ist Schriftstellerin und lebt heute in New York. Aufgewachsen ist die jüdische Iranerin in der Allee der Erhabenen im Zentrum von Teheran.

Über der Haustür hatte ihr Vater selbst gedichtete Verse aufgehängt, mit denen er sich zur hohen Kunst der Gastfreundschaft bekannte:

"Wie Derwischen gilt uns wenig der Reichtum der Welt
Unter diesem Dach ist kein Gast ein Fremder mehr
Wer über unsere Schwelle tritt, gehört hierher."

Der Verfasser dieser Verse, Roya Hakakians Vater, hat diese Form der Gastfreundschaft in seiner eigenen Kindheit auf dem Dorf im Distrikt Khunsar allerdings oft vermisst.

"Ab und an konnte mein Vater richtig böse werden und sagen: Iran war so schlimm, es gab so viele Leute, die mich mit Steinen beworfen haben, als ich ein Kind war und versuchte, zur Schule zu kommen. Und trotzdem, gegen Ende seines Lebens, habe ich ihn manchmal in schöne Restaurants in New York ausgeführt oder in einen schönen Garten oder den Central Park und zu ihm gesagt: Schau mal, Vater, an was für einen schönen Ort ich dich gebracht habe. Und mein Vater hat dann immer den Namen seines Dorfes genannt, Khunsar, und gesagt: Mein Dorf in Iran war viel schöner als das hier. Und er sagte das, obwohl er so grauenvolle antisemitische Erfahrungen gemacht hat. Aber diese beiden Wahrheiten lebten gemeinsam und gleichzeitig in meinem Vater. Es war ein gemischtes Erbe, und er sprach von beiden mit einer ähnlichen emotionalen Kraft."

Jüdisches Leben in Iran hat eine lange Geschichte

Juden sind seit 2700 Jahren Teil der iranischen Geschichte. Der Kulturhistoriker Richard Foltz datiert die Ankunft der ersten Israeliten in Iran auf das Jahr 722 vor unserer Zeit. Foltz ist Professor an der Concordia University in Montreal, Kanada, und spezialisiert auf die Geschichte der iranischen Zivilisation.

"722 vor unserer Zeit überrannten die Assyrer das Nordreich Israel und deportierten die Bevölkerung. Aus der Bibel wissen wir, dass große Teile in den Iran verschleppt wurden. Im 8. Jahrhundert vor unserer Zeit begannen die Israeliten also, in Iran zu siedeln und Teil der iranischen Kultur zu werden. Sie wurden ein sehr wichtiger Akteur in den Handelsnetzwerken West-Asiens und des östlichen Mittelmeers und Iran war deren Mittelpunkt. Der jüdisch-iranische Wissenschaftler Habib Levy hat ein großes Werk über die Geschichte der Juden im Iran verfasst und in seiner Einleitung schreibt er: Die Geschichte der jüdischen Diaspora beginnt in Iran."

Im Jahr 720 vor unserer Zeit verschleppte der neu-assyrische König Sargon II. etwa 27.000 Einwohner aus Samaria ins Zweistromland.

Iran war ein Zentrum der Weltwirtschaft

Richard Foltz ist überzeugt, dass die Begegnung mit der iranischen Zivilisation die Entwicklung des Judentums nachhaltig beeinflusst hat. Denn in der multi-kulturellen und multi-religiösen iranischen Welt waren die Menschen im Dialog miteinander und tauschten auch Ideen aus.

"Iran war über viele Jahrhunderte das Zentrum der Weltwirtschaft und alles kam dort hindurch, hinterließ Einflüsse und nahm Einflüsse auf. Das gilt für Religionen, Traditionen, Essen, Kleidung, Musik und Literatur. Jede Religion, wo auch immer sie entstand, ob in Palästina oder Indien, kam durch Iran. Sowohl beim Judentum, dem Christentum und auch dem Buddhismus können wir einen sehr starken Einfluss der iranischen Kultur im Laufe ihrer Entwicklung beobachten."

Nach der Eroberung des Königreichs Juda durch Nebukadnezar im Jahr 597 vor unserer Zeit wurden große Teile der Bevölkerung, vor allem aber Angehörige der Oberschicht, nach Babylon verschleppt.

Ein Vergleich der Texte, die vor und nach dem babylonischen Exil verfasst wurden, zeigt markante Unterschiede, meint Richard Foltz.

"Anhand der Chronologie der jüdischen Texte können wir nachvollziehen, dass die Kosmologie und die Religion selbst sich durch die Erfahrung des babylonischen Exils sehr verändert haben. Die neuen Ideen in den späteren Texten sind als iranische Ideen identifizierbar. Juden waren seit dem 8. Jahrhundert vor unserer Zeit ein sehr wichtiger Teil der iranischen Gesellschaft, obwohl sie zahlenmäßig keine große Gruppe waren. Das wird zum Beispiel auch im Buch Esther deutlich."

Buch Esther - die Rettung der Juden

Das Buch Esther erzählt die Geschichte einer existenziellen Bedrohung der unter König Xerxes dem Ersten in Persien lebenden Israeliten.

In der Forschung ist man sich nicht einig darüber, ob das Buch einen historischen Kern hat oder vor allem als literarisches Kunstwerk zu lesen ist.

"Und es geschah in den Tagen des Ahaschverosch. Das ist der Ahaschverosch, der von Hodu bis Kusch über 127 Provinzen regierte. In jenen Tagen also, als der König Ahaschverosch auf seinem Königsthron saß, der in der Hauptstadt Schuschan war."

Der Verfasser der Esther-Rolle beschreibt in den ersten Textabschnitten die Prachtentfaltung am Hof von Xerxes dem Ersten, der in der hebräischen Bibel Ahaschverosch genannt wird und in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts achämenidischer Großkönig und ägyptischer Pharao war.

Damals erstreckte sich das Perserreich vom östlichen Balkan über Nordwestindien bis nach Ägypten.

"Im dritten Jahr seiner Regierung, da machte er ein Gastmahl allen seinen Fürsten und Knechten, in dem die Mächtigen von Persien und Medien, die Vornehmen und Fürsten der Provinzen vor ihm waren, als er den herrlichen Reichtum seines Königreiches und die glänzende Pracht seiner Größe viele Tage lang, 180 Tage, sehen ließ. Weiße und purpurblaue baumwollene Vorhänge waren befestigt mit Schnüren von Byssus und Purpur an silbernen Ringen und weißen Marmorsäulen; Polster von Gold und Silber lagen auf einem Pflaster von grünem und weißem Marmor und Perlmutterstein und schwarzem Marmor. Und man reichte das Getränk in goldenen Gefäßen."

Purim-Fest in Tel Aviv: Menschen ziehen verkleidet durch die Straßen. (picture alliance / dpa / Tass / Sergey Orlov)Purim-Feier in Tel Aviv: Das fröhliche Fest erinnert Juden daran, dass Königin Esther sie einst vor dem Tod bewahrt hat. (picture alliance / dpa / Tass / Sergey Orlov) 
Maoz Kahana lehrt Geschichte des Judentums an der Universität Tel Aviv und erkennt im erzählerischen Einstieg des Esther-Buches eine theologische Dramaturgie.

"Die Kamera der Esther-Rolle fokussiert schnurstracks das Zentrum der Macht, das Zentrum der Monarchie, und beschreibt einen wirklich außergewöhnlichen Luxus. Die Weisen sehen in diesem Anfang der Esther-Rolle den Keim des Dramas, die große Sünde des jüdischen Volkes, die darin bestand, dass sie an der Mahlzeit des Königs teilgenommen haben, dass sie sich in die Ordnung des persischen Königreichs integriert haben, dass sie Anteil an der Macht haben wollten. Und daraus erwächst für sie die Bedrohung."

Ein Vernichtungsplan

Mordechai ist Ziehvater der jüdischen Königin Esther und hatte König Xerxes schon einmal vor einem Mordanschlag bewahrt. Als Mordechai sich allerdings weigert, vor Haman, dem höchsten Regierungsbeamten des Xerxes, niederzuknien, gerät Haman in Rage. Er überzeugt Xerxes, ihm zu erlauben, alle im Perserreich lebenden Juden ermorden zu lassen. Als Mordechai Esther bittet, sich einzuschalten, gelingt es ihr, die Juden des Perserreiches vor dem Vernichtungsplan des Haman zu retten.

"Esther und Mordechai wirken wie zwei Leute, die nicht vorhatten, zu Helden zu werden oder große jüdische Anführer zu sein. Vermutlich wollen sie sich einfach in Persien assimilieren und sich den Kräften im Königreich annähern, die das Sagen hatten. Aber das jüdische Volk weckt Ängste und aus diesen Ängsten heraus erwächst bei Haman die Absicht, alle Juden auszulöschen. Das ist neu in der hebräischen Bibel, dem Tanach. Bis zum Esther-Buch gibt es keine Absicht, das jüdische Volk zu vernichten. Das ist das erste Mal, dass es eine geordneten Vernichtungsplan gegen das jüdischen Volk gibt."

Maoz Kahana bewegt weniger die Frage der Historizität des Buches Esther als dessen identitätsstiftende Bedeutung im Judentum.

"Es ist eine tragische Geschichte. Die Angst vor der Vernichtung bringt die Juden zu sich selbst zurück. Etwas in ihnen erwacht. Sie entdecken ihre Berufung von neuem. Für Menschen, die mitten in einem Assimilierungsprozess stecken, ist das nicht leicht. Deshalb hält das Esther-Buch auch kein großartiges Ende oder eine politische Lösung bereit. Die Juden leben einfach weiter im Reich der Perser und Meder, aber ihre innere Einheit ist erwacht."

Das historische Mausoleum der jüdischen Esther und Mordechai in der Stadt Hamadan (Iran) (picture alliance / imageBroker / Egmont Strigl)Uralte Pilgerstätte: Das Mausoleum von Esther und Mordechai in der nordiranischen Stadt Hamadan. (picture alliance / imageBroker / Egmont Strigl) 
In der westiranischen Stadt Hamadan erinnert ein Mausoleum an Esther und Mordechai. Sehr wahrscheinlich ist dies zwar nicht der historische Ort des Grabes der Perserkönigin und ihres Ziehvaters. Dennoch gilt das Mausoleum als heilige jüdische Pilgerstätte. Vor allem zum Purim-Fest besuchen viele iranische Juden das Heiligtum in Hamadan.

Iranische Einflüsse auf den Talmund

"Der Talmud ist ein Produkt des spätantiken Iran." – Shai Secunda lehrt Geschichte und Theologie des Judentums am Bard College im US-Bundesstaat New York. Sein 2016 erschienenes Buch "Der iranische Talmud" hat in Fachkreisen viel Aufsehen erregt. In einer Zeit, in der Iran Israel immer wieder mit der Vernichtung droht, verknüpft Shai Secunda das Herzstück des Judentums, den Babylonischen Talmud, direkt mit dem Iran.

"Es gibt keinen eigentlichen iranischen Talmud. Was ich den iranischen Talmud nenne, ist der babylonische Talmud, der in Mesopotamien um das 6. Jahrhundert nach unserer Zeit entstand. Aber mit dem Titel meines Buches möchte ich darauf hinweisen, dass die entscheidenden kulturellen, religiösen und politischen Faktoren zum Verständnis des Talmud und der Juden, die ihn hervorgebracht haben, iranisch sind."

Talmud heißt wörtlich übersetzt Belehrung. Der Talmud besteht aus der Mischna, der kanonischen Sammlung jüdischer Gesetze, und der Gmara, den Diskussionen über diese Gesetze, die Schriftgelehrte in Babylonien mündlich geführt und überliefert und später niedergeschrieben haben.

Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die römischen Herrscher im Jahr 70 unserer Zeit bildete sich das rabbinische Judentum heraus, das nicht länger den Tempel zum Mittelpunkt hatte, sondern die heiligen Texte. In dieser Phase gewannen die jüdischen Gemeinden in Babylonien an Bedeutung. Im 6. Jahrhundert entstand dort der Babylonische Talmud. Shai Secunda hat diesen Babylonischen Gelehrten-Kosmos erforscht.

"Die Winter-Hauptstadt der großen Sassaniden-Dynastie, Ctesiphon, lag im Herzen des jüdischen Babylonien. Diese Sassaniden-Dynastie war kulturell und religiös iranisch. Sie sprachen eine iranische Sprache, eine Vorform des modernen Persisch, das Mittelpersisch oder Pahlavi. Ihr künstlerisches und kulinarisches Idiom waren iranisch. Und die Religion, die eng verbunden war mit dem sassanidischen Staat war die alte iranische Religion, der Zoroastrismus. Diese wichtigen iranischen Faktoren wurden eingewebt in das Geflecht des jüdischen Lebens unter den Schriftgelehrten und den Leuten, die den Talmud hervorgebracht haben."

Zoroastrier und Juden

Der auf den Religionsstifter Zarathustra bezogene Zoroastrismus weist theologische und rituelle Ähnlichkeiten mit dem Judentum auf, sagt Shai Secunda. Beide verbindet ein messianischer Glaube, Zoroastrier und Juden sind einem präzisen Umgang mit dem religiösen Gesetz und Fragen der körperlichen Reinheit verpflichtet. Ähnlich wie die Rabbiner pflegen auch die Zoroastrier einen hoch entwickelten Diskurs über all diese Fragen.

"Das sind einige der wichtigen iranischen Faktoren, die damals wirksam waren und verflochten waren mit der Struktur des jüdischen Lebens unter den Rabbinern und den Leuten, die den Talmud hervorgebracht haben."

Eine bedeutende Gemeinsamkeit von Zoroastriern und Juden war ihre hochkomplexe Kultur der Mündlichkeit.

"Die Zoroastrier waren sehr stolz auf ihre heiligen Texte. Ihr Gründungsdokument, die Avesta, wurde über viele, viele Jahrhunderte mündlich überliefert. Beide, Zoroastrier und Juden, waren der mündlichen Weitergabe ihrer Texte verpflichtet. In Babylonien entwickelte sich geradezu ein Extremismus um die Mündlichkeit. Rabbiner erklärten es zeitweise für absolut verboten, mündliche Textkorpora schriftlich zu fixieren. Sie waren einer Technologie des Memorierens von gewaltigen Text-Mengen verpflichtet, weil der mündliche Charakter der rabbinischen Diskussion so wichtig war. Darin unterschieden sich Zoroastrier und Juden zum Beispiel von Christen und Manichäern jener Zeit, die ihre Texte in schriftlicher Form bewahrten."

Vor seiner akademischen Laufbahn hat Shai Secunda Talmud an einer Yeshiva studiert. Von dort kennt er die Kultur der mündlichen Diskussion der heiligen Texte.

"Ich denke nicht, dass die Art, wie ich in einer traditionellen Yeshiva gelernt habe, identisch ist mit dem, was in Babylonien vor sich ging. Aber ich denke, in der Praxis des Lernens traditioneller Juden von heute gibt es eine gewisse Kontinuität, vielleicht sogar ein Weiterleben dessen, was im spätantiken Babylonien praktiziert wurde."

Bis heute - hoffen auf eine Versöhnung

Mit seinen engen Bezügen zum iranischen kulturellen Kontext hat "Der iranische Talmud" von Shai Secunda viele Leser überrascht. Secundas Studie lädt dazu ein, den Blick dafür zu öffnen, wie tief das Judentum kultur- und religionsgeschichtlich auf den Iran bezogen ist.

"Und vielleicht können wir uns einen Iran vorstellen, wo Juden aufblühen und tief verbunden sind mit den Traditionen des Ortes. Im Moment ist es schwer, sich vorzustellen, wie das aussehen könnte. Aber das Bewusstsein wächst und es ist faszinierend, daran zu denken."

Wer sich die heutigen politischen Verhältnisse vergegenwärtigt, benötigt viel Fantasie, aber auch die jüdisch-iranische Schriftstellerin Roya Hakakian glaubt an die Zukunft jüdischen Lebens in Iran.

"Wenn all die Tyrannei und Unterdrückung des derzeitigen Regimes in Iran etwas Gutes hat, dann ist es die Tatsache, dass die Leute sich im Laufe der vergangenen 40 Jahre immer weiter von der Propaganda des Regimes entfernt haben. Je mehr das Regime versucht hat, eine toxische, antisemitische Umgebung zu erschaffen, desto misstrauischer wurden die Leute gegenüber der Propaganda."

Menschen vor großen Transparenten: Die Bevölkerung von Teheran feiert das 41. Jubiläum der Islamischen Revolution - am 11. Februar 2020. (picture alliance / Zuma Wire / Rouzbeh Fouladi)Die Bevölkerung von Teheran feiert das 41. Jubiläum der Islamischen Revolution - am 11. Februar 2020. (picture alliance / Zuma Wire / Rouzbeh Fouladi) 
In der Berichterstattung über den Iran sind antiisraelische Demonstrationen ein häufiges Thema. Weniger bekannt ist: In den vergangenen Wochen und Monaten gab es immer wieder auch andere Demonstrationen in Iran, bei denen die Menschen laut skandiert haben, dass sie nicht länger im Krieg mit Israel leben möchten.

"Es gibt Filmmaterial, das zeigt, wie ganz normale Iraner es vermeiden, auf die Flagge Israels zu treten, die auf den Boden vor Eingängen zu Moscheen oder Universitäten in ganz Iran gemalt wurde. Die Leute wollen nicht mehr auf der israelischen Flagge herumtrampeln. Sie gehen darum herum. Das spricht dafür, dass sich in Iran eine große kulturelle und intellektuelle Veränderung vollzieht und das ist ein wunderbares Zeichen des Fortschritts."

Sprecherinnen und Sprecher: Uta-Maria Torp, Inka Löwendorf, Max Urlacher, Timo Weisschnur, Gilles Chevalier, Maria Lang
Ton: Inge Goergner
Regie: Clarisse Cossais
Redaktion: Winfried Sträter

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